Corona und Pflege: Was Angehörige wissen sollten

Pflegende Angehörige stellt die Coronakrise oft vor große Schwierigkeiten. Das kann bei der Pflege zuhause helfen.

von Kai Klindt, Elsbeth Bräuer , aktualisiert am 20.09.2020

Auf einen Blick: Neue Regelungen für die Pflege zuhause* (befristet in der Pandemie)

  • Pflegehilfsmittel zum Verbrauch: Vorübergehend 60 statt 40 Euro im Monat. Zur Quelle.

  • Vereinbarkeit von Beruf und Pflege: In akuten Fällen bis zu 20 Tage bezahlte Auszeit von der Arbeit und flexiblere Regelungen bei längeren Job-Pausen (zur Quelle). Entschädigung für Verdienstausfall gibt es auch für Eltern von erwachsenen Kindern mit einer Behinderung (zur Quelle). Familien bekommen einen einmaligen Kinderbonus von 300 Euro pro Kind, der mit dem Kindergeld ausbezahlt werden soll (zur Quelle).

  • Pflegedienst: Notfallregelung, wenn der Pflegedienst nicht kommen kann. Zur Quelle.

  • Entlastungsbetrag: Bei Pflegegrad 1 ist der Entlastungsbetrag von 125 Euro flexibler einsetzbar und die Entlastungsleistungen von 2019 verfallen erst Ende September 2020 statt Ende Juni 2020. Zur Quelle.
  • MDK: Die Hausbesuche des Medizinischen Dienstes und die Beratungseinsätze zuhause finden ab Oktober wieder statt. In Ausnahmefällen kann die Begutachtung weiter telefonisch stattfinden – etwa, wenn man sich in einem Corona-Hotspot befindet oder unter extremer Immunschwäche leidet.
  • Sonderregelung für Mecklenburg-Vorpommern: 500 Euro für berufstätige pflegende Angehörige. Zur Quelle.

  • Corona-Tests: Verlangt ein Pflegedienst, die Tagespflege oder eine andere Einrichtung einen Corona-Test, obwohl der Pflegebedürftige keine Symptome zeigt, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Wichtig: Sprechen Sie mit Ihrem zuständigen Gesundheitsamt – es muss den Test veranlassen. Die Regelung gilt rückwirkend bis zum 14. Mai 2020. So steht es in der Rechtsverordung des Bundesgesungheitsministeriums.

Mehr Geld für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch

Statt 40 Euro können jetzt 60 Euro im Monat für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch abgerechnet werden. Das sind zum Beispiel Mundschutz, Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel für die Hände.

In letzter Zeit sind die Preise für einige Hilfsmittel rasant gestiegen: Deshalb bekommen pflegebedürftige Menschen auch mit dem größeren Budget jetzt nicht unbedingt mehr Produkte als vorher – das ist abhängig davon, welche Hilfsmittel Sie brauchen.

Sprechen Sie am besten Ihre Pflegekasse darauf an. Die neue Regelung gilt rückwirkend zum 1. April (Sie können z.B. Kaufbelege aus dem April einreichen), aber nur für die Zeit der Corona-Pandemie. Zur rechtlichen Grundlage hier entlang.

"Wir hören immer wieder, dass Pflegekassen die neue Verordnung zu Pflegehilfsmitteln nicht kennen. Verweisen Sie unbedingt auf die rechtliche Grundlage und sagen Sie der Kasse: Informieren Sie sich intern und geben Sie mir rasch Bescheid, wie ich das nutzen kann. Lassen Sie nicht durchgehen, dass das ungeklärt bleibt!"

Christian Pälmke, Pflege-Experte beim Verein "Wir pflegen"

Pflegegrad 1: Entlastungsbetrag von 125 Euro auch anders einsetzbar

Sie haben Pflegegrad 1 und es gibt durch die Corona-Krise Probleme bei der Pflege, Betreuung oder im Haushalt? Dank einer Sonderregelung können Sie den Entlastungsbetrag von 125 Euro jetzt unkomplizierter einsetzen. Sie können etwa Nachbarn, Freunde oder Angehörige damit bezahlen, wenn sie bei der Pflege einspringen. Wichtig: Diese dürfen nicht im selben Haus leben wie der pflegebedürftige Mensch.

Stellen Sie einen formlosen Antrag an die Pflegekasse. Darin muss stehen, wann welche Hilfe erbracht wurde und Name und Anschrift der helfenden Person. Mit Rechnungen oder Quittungen weisen Sie die Kosten nach. Bis zu 125 Euro pro Monat können erstattet werden. So steht es in den Empfehlungen des GKV-Spitzenverbandes. Diese Regelung gilt bis Ende September.

In manchen Bundesländern darf man auch bei höheren Pflegegraden den Entlastungsbetrag flexibler einsetzen. Normalerweise ist ja streng geregelt, mit wem man abrechnen darf: In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel oder Hessen darf man in der Corona-Pandemie ausnahmsweise auch mit Nachbarschaftshelfern abrechnen, die eine geforderte Qualifikation nicht haben. Auch diese Regelung ist befristet. Wie das in Ihrem Bundesland geregelt ist, fragen Sie am besten eine Pflege-Beratungsstelle – hier finden Sie eine in Ihrer Nähe.

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Der Entlastungsbetrag von 2019 verfällt wegen einer Sonderregelung dieses Jahr erst Ende September 2020 statt Ende Juni 2020.

Wenn der Pflegedienst ausfällt

Der Pflegedienst hat abgesagt, andere Dienste haben keine Zeit und Sie als Angehöriger können nicht einspringen? Für diese Fälle gibt es jetzt eine neue Regelung – zumindest übergangsweise. Wenn der Pflegedienst nicht kommen kann, kann man ausnahmsweise private Hilfe organisieren und über die Sachleistungen abrechnen. So kann ein einspringender Nachbar etwa Geld bekommen, das sonst für den Pflegedienst gedacht ist. Das soll bei Engpässen in der Versorgung daheim helfen. Fragen Sie bei Ihrer Kasse nach: Diese hilft Ihnen auch bei der Suche nach Alternativen, wie z.B. einem Mitarbeiter einer Tagespflegeeinrichtung. Hier entlang zur rechtlichen Grundlage.

Pflegegrad in Corona-Zeiten beantragen: Wieder Hausbesuche des Medizinischen Dienstes

Sie können natürlich weiterhin einen Pflegegrad beantragen. Ab Oktober führt der Medizinische Dienst für die Einstufung wieder Hausbesuche durch – natürlich mit einem Hygienekonzept. Zuvor fanden die Begutachtungen telefonisch statt oder nach Aktenlage. In Ausnahmefällen kann die Begutachtung auch weiter telefonisch erfolgen: etwa, wenn man in einem Corona-Hotspot lebt oder unter extremer Immunschwäche leidet.

Verpflichtende Beratungseinsätze finden wieder statt

Ab Pflegegrad 2 sind bestimmte Beratungstermine Pflicht, wenn man ohne Pflegedienst pflegt. Sonst wird das Pflegegeld gekürzt oder gestrichen. Diese Besuche waren vorerst ausgesetzt. Ab Oktober finden die Beratungseinsätze wieder statt.

Vorsichtsmaßnahmen für zuhause

Für pflegebedürftige Menschen ist eine Infektion mit dem neuen Corona-Virus besonders gefährlich. Ihr Immunsystem ist meist weniger schlagkräftig als die Abwehr junger Menschen, auch leiden viele Pflegebedürftige unter chronischen Erkrankungen. Bitte tragen Sie bei der Pflege Ihres Angehörigen daher einen Mundschutz. Es muss kein spezieller Infektionsschutzfilter sein – hier geht es vor allem darum, Ihren Angehörigen zu schützen. Vor der Pflege gründlich die Hände mit Seife waschen – mindestens 30 Sekunden lang.

Wenn Sie Erkältungsbeschwerden haben: Übertragen Sie die Pflege nach Möglichkeit einer anderen Person, etwa einem gesunden Familienmitglied oder einem Pflegedienst. Dessen Einsatz können Sie aus dem Topf der Verhinderungspflege finanzieren, wenn Ihr  Angehöriger einen Pflegegrad hat.

Corona-Infektionsgefahr durch den Pflegedienst?

Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Allerdings werden zunehmend auch Pflegekräfte ohne Symptome zur Sicherheit auf eine Corona-Infektion getestet. Und die Mitarbeiter des Pflegedienstes sind angehalten, sich vor jedem Einsatz die Hände zu desinfizieren und in der Regel auch Mundschutz und Handschuhe zu tragen. Die Pflegekraft ist offensichtlich erkältet? In diesem Fall rät der Krefelder Altersmediziner und Infektionsexperte Dr. Andreas Leischker, den Pflegedienst aufzufordern, einen anderen Mitarbeiter zu schicken.

Kontakt halten zu Angehörigen in Pflegeheimen

Inzwischen sind in vielen Heimen Besuche wieder möglich – mit einer Plexiglasscheibe dazwischen, viel Abstand und Mundschutz oder im Garten. Wenn ein Besuch noch nicht möglich ist, halten Sie den Kontakt auf anderen Wegen aufrecht, etwa über Briefe und Postkarten, regelmäßige Telefonate oder Videotelefonie. "Vielleicht können die Jüngsten ein selbst gemaltes Bild schicken, oder man sendet Fotos aus dem Garten, wo Tulpen und Narzissen blühen", sagt die Sozialforscherin Prof. Annette Franke von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.
Mehr zu den aktuellen Besuchsregeln nach Bundesland hat die BIVA hier zusammengefasst.