"Es fehlt die emotionale Nähe, der liebevolle Kontakt"

Social Distancing, Kontaktsperre oder Isolation wirkt sich auf die Psyche aus. Auf welche möglichen Warnsignale einer Depression sollten Senioren jetzt besonders achten? Altersmediziner Prof. Johannes Pantel im Interview.

von Franziska Wolffheim, 07.05.2020

Wie groß ist die Gefahr, dass ältere Menschen durch die Corona-Maßnahmen in eine Depression abrutschen?

Professor Dr. med. Johannes Pantel: "Die Gefahr ist erheblich, weil sie gerade durch die Besuchssperren sozial isoliert sind. Es fehlt ihnen die emotionale Nähe, der liebevolle Kontakt. Das gilt für die Bewohnerinnen und Bewohner der Pflege- und Seniorenheime wie für alleinlebende Menschen. Körperliche Bewegung ist für viele nur eingeschränkt möglich, das kann eine Depression begünstigen. Auch Angstzustände können dadurch verstärkt auftreten – die Angst vor Corona wirkt da wie ein Katalysator. Ich bin sehr froh, wenn es jetzt in den Heimen eine Lockerung der Besuchsregelung geben wird, um die Isolation abzumildern – natürlich begleitet von angemessenen Schutzmaßnahmen."

Professor Dr. med. Johannes Pantel leitet den Bereich Altersmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt/Main.

Auf welche möglichen Warnsignale einer Depression sollten Ältere jetzt besonders achten?

"Typische Symptome sind eine andauernde Traurigkeit oder Bedrückung, Gewichtsverlust und Antriebslosigkeit. Auch körperliche Symptome können Anzeichen für eine Depression sein, etwa Magen-Darm-Beschwerden. Deshalb sollten sich ältere Menschen aus Angst vor dem Corona-Virus nicht scheuen, zum Arzt zu gehen. Nicht nur Erkältungen, auch Depressionen können verschleppt werden."

Wo können ältere Menschen akut psychologische Unterstützung bekommen?

"Psychologische Beratungsangebote sind in Heimen leider noch nicht Standard. Es gibt zwar psychosoziale Betreuungskräfte, die ersetzen aber keine ausgebildeten Psychologen. Allein Lebende haben noch weniger Ansprache. Erste Anlaufstellen können Telefonhotlines sein, die sich speziell an ältere Menschen richten. Hier können sie Rat finden oder auch weitere Hilfsangebote in der Nähe genannt bekommen. Einfach mal von den eigenen Sorgen zu sprechen, kann schon eine Entlastung bringen."

Ist die Suizid-Gefahr jetzt größer als in normalen Zeiten?

"Ja, soziale Isolation ist dafür ein großer Risikofaktor. Wenn sich jemand immer mehr zurückzieht, schweigsamer wird, auch beim Telefonieren, sollten die Angehörigen wachsam sein. Sätze wie "Das Leben hat keinen Sinn" oder "Ich würde gern sterben" können deutliche Warnsignale sein. Solche Sätze fallen zwar bei alten, kranken Menschen gelegentlich, aber es ist Vorsicht geboten, wenn sie sich häufen. Auch wenn jemand anfängt, seine persönlichen Sachen zu verschenken, den Nachlass neu zu regeln etc. kann das ein Alarmsignal sein. Angehörige sollten eine mögliche Suizidgefahr unbedingt direkt ansprechen und nicht unter den Teppich kehren. Der Hausarzt kann dann als Erstmaßnahme Medikamente verschreiben und ein psychotherapeutisches Erstgespräch vermitteln. Allerdings dauert es oft länger, bis jemand einen festen Therapieplatz bekommt. Deshalb sollte die Möglichkeit für psychotherapeutische Telefon- und Videosprechstunden erleichtert werden, speziell für ältere Menschen."

Müssen wir für die Zeit nach Corona davon ausgehen, dass es vielen alten Menschen psychisch schlechter geht als zuvor, einige sogar regelrecht einen depressiven Schub bekommen?

"Leider ja. Hausärzte sollten deshalb besonders aufmerksam sein, wenn Patienten entsprechende Symptome schildern. Sie sollten sich mehr Zeit nehmen und gezielter nachfragen. Depressionen im Alter werden ohnehin zu oft nicht erkannt."

Welche Möglichkeiten sehen Sie weiterhin, um die alten Menschen aus ihrer Isolation zu holen?

"Video-Telefonie, für die es heute zahlreiche Anbieter gibt, ermöglicht es alten Menschen, ihre Familienmitglieder nicht nur zu sprechen, sondern auch zu sehen. WhatsApp-Familiengruppen finde ich ebenfalls gut, um sich auszutauschen. Das ersetzt nicht den direkten Kontakt, ist aber besser als nichts. Allerdings gibt es in vielen Heimen noch immer keine Wlan-Netze, und manche Senioren, z.B. auch Demenzkranke, können damit überfordert sein. Nachahmenswert finde ich, was viele Heime jetzt praktizieren: Konzerte oder andere Kunstdarbietungen in den Innenhöfen. Wenn am Ende alle von ihren Balkonen oder vom Fenster aus klatschen, wirkt das stark verbindend. Diese zumeist privaten Initiativen können jedoch gezielte politische Unterstützung der Heime auf Dauer nicht ersetzen."

Vielen Älteren wird immer wieder gesagt, dass sie nicht nach draußen gehen sollen, etwa zum Einkaufen, weil sie sich infizieren könnten. Schützt man die alten Menschen damit, oder isoliert man sie nur noch mehr?

"Ich denke, da werden bei den Senioren massiv Ängste geschürt, die zum Teil auch von sozialen Stigmatisierungen begleitet sind: Manche Ältere, die einkaufen gehen, werden schief angeschaut, man spricht mit ihnen wie mit unartigen Kindern. Einige werden sogar offen diffamiert. Das kann bei den Betroffenen zu Ängsten, Widerstand, aber auch zu Selbststigmatisierung führen, sie glauben am Ende selbst, schwach und minderwertig zu sein. Ich denke, Ältere sollten sehr wohl das Haus verlassen, wenn sie sich ausreichend schützen und Abstand halten. Bewegung an der frischen Luft und sozialer Kontakt stärken nachweislich das Immunsystem und damit kann man letztlich auch etwas für die eigene Gesundheit tun."