Interview mit Prof. Michael Isfort: „Die Corona-Krise ist eine Pflegekrise“

Pflegeforscher Michael Isfort über Pflege als Beruf der Zukunft, Lehren aus der Corona-Krise und warum Geld allein die Probleme von Pflegekräften und Angehörigen nicht löst.

von Kai Klindt, 14.05.2020

Herr Professor Isfort, Sie sind vor rund 30 Jahren in die Pflege gegangen. Würden Sie jungen Leuten heute noch zu dieser Berufswahl raten?
Auf jeden Fall. Das Spannende am Pflegeberuf ist ja, dass man mit einer Ausbildung 60 oder 70 verschiedene Tätigkeiten ausüben kann. Das Einsatzfeld ist immens breit! Es gibt keinen besseren Grundstock als eine Pflegeausbildung. Man kann sich Patientengruppen suchen, mit denen man gerne arbeitet. Von der Intensivpflege, wo man mehr mit High-Tech-Versorgung und viel Medizin zu tun hat, bis hin zur Psychosomatik, wo es eher um Begleitung geht, um Gespräche und Beziehung.

Gibt es weitere Argumente?
Ja, klar. Es ist ein komplett krisensicherer Job. Das wird in den nächsten Jahren eine noch größere Rolle spielen. Einen Beruf zu haben, von dem ich weiß, ich werde niemals arbeitslos, das ist doch ein super Werbefaktor. Außerdem kann man in der Pflege wirklich lebenslang lernen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Ich bin damals ja auch nicht in die Pflege gegangen mit der Idee, Professor für Pflegeforschung zu werden.

Eine Ihrer Studien zur Situation des Pflegepersonals trägt den Titel "Permanent am Limit". Das klingt nicht nach guter Reklame für den Beruf.
Ja, aber Sie müssen unterscheiden zwischen der Zufriedenheit mit dem Beruf und der Situation am Arbeitsplatz. Die Berufszufriedenheit ist in der Pflege sehr hoch. Die Frage, was mache ich da eigentlich, ist das überhaupt sinnvoll, diese Frage stellt sich in der Pflege kaum jemand. Was in den vergangenen Jahren aber dramatisch abgenommen hat, ist die Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz. Wir hatten infolge des Personalmangels in den letzten Jahren schon Belastungen, bei denen selbst der Gesetzgeber gesagt hat: Das können wir so nicht weiter zulassen.

Zur Person:
Prof. Dr. Michael Isfort, Jahrgang 1970, ist Krankenpfleger, Pflegewissenschaftler und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung e.V. in Köln

Was bedeutet die Personalknappheit für den Alltag der Pflegenden?
Viele beklagen sich über einen Mangel an Beobachtungsmöglichkeiten. Wenn wir demenzkranke Patienten auf der Station haben, müssten wir viel häufiger in die Zimmer gehen – aber das schaffen wir nicht. Was Pflegekräfte wahnsinnig nervt, ist, dass sie kaum eine Handlung ohne Unterbrechung zu Ende bringen können, zum Beispiel die Körperpflege eines Patienten. Irgendwo wird geklingelt, und man muss hingehen, weil kein Kollege da ist. Ich höre aber auch von handfesten Fehlern, etwa beim Vorbereiten von Medikamenten. Das Vier-Augen-Prinzip, also dass einer die Mittel in die Dosetten sortiert und der andere kontrolliert, lässt sich in kaum einer Klink durchhalten. Das ist ein Risiko für den Patienten! Auch der ganze Bereich der Beratung von Angehörigen und Patienten fällt hinten raus.

In der Corona-Krise erfährt die Pflege eine Aufmerksamkeit wie schon lange nicht mehr. Stimmt Sie das optimistisch?
Ich habe eine Hoffnung und eine Befürchtung. Ich fange mal mit der Befürchtung an: Es könnte bei den Bekundungen bleiben. In den vielen Lobpreisungen schwingen auch ganz alte Motive des Liebesdienstes mit. Es kommt kaum ein Beitrag in den Medien aus, ohne dass gesagt wird: Pflegende sind Helden! Wenn Sie aber Pflegekräfte fragen, ob sie sich als Helden empfinden, dann werden die alle sagen: Nein. Und wenn man sie fragt, braucht ihr eine extra Einmalzahlung, dann sagen die: Nein. Was Pflegende wollen, ist, so arbeiten zu können, wie sie es gelernt haben. Also meine Befürchtung ist, dass man am Ende dieser Krise sagt: Vielen Dank! Es wird ein Gratiskonzert eines Staatsorchersters für Ärzte und Pflegepersonal geben, und dann ist es gut.

Und Ihre Hoffnung?
Dass man versteht, welche Bedeutung es hat, dass wir in einem Land leben, in dem wir auch in den Pflegeheimen nicht die Zustände haben, wie sie sich jetzt anderswo gezeigt haben. Ich fand die Bilder aus Spanien, Italien oder Kanada erschreckend, wo alte Leute in Heimen völlig unversorgt blieben. So etwas kann ich mir in Deutschland auch mit viel Phantasie nicht vorstellen. Und dass man sich dann hinsetzt und klärt: Wie können wir die Pflege so verbessern, dass wir auch für zukünftige Krisen gut aufgestellt sind.

Aber ist das nicht zu viel des Lobs? Ein Großteil der Patienten, die in Deutschland mit Covid-19 verstarben, kam aus Pflegeheimen.
Ja, man muss aber sehen, dass in den Heimen Menschen leben, die hochgefährdet sind. Was mich daran immer geärgert hat, ist, dass man in den ersten Wochen der Corona-Krise ausschließlich auf die Kliniken gesehen hat. Es wurde so getan, als könne man die Krise bewältigen, wenn man nur genug Intensivbetten und Beatmungsgeräte hätte.

Was ist daran falsch?
Ich habe früh gesagt, dass wir auf die Prävention sehen müssen: Wie können wir Corona-Infektionen bei alten Menschen verhindern? Und das geschieht schlicht und ergreifend im ambulanten Bereich und in Pflegeheimen. Dieser Sektor ist aber anfangs massiv unterversorgt werden: mit Hilfsmitteln, mit Schutzausrüstungen, mit Informationen zum Infektionsschutz. Die ganz einfache Wahrheit – wir müssen Pflegepersonal auf Corona testen, nur so können wir die Bewohner schützen –, die wurde viel zu spät auf den Schirm genommen. Die Corona-Krise ist keine Krise der Intensivmedizin, sondern eine Pflegekrise.

Oft heißt es, Pflegekräfte müssten besser bezahlt werden. Ist das die Lösung der Probleme in der Pflege?
Also, ich glaube, mehr Geld tut jedem gut. Aber allein mit mehr Geld wird man die Situation in der Pflege nicht beruhigen. Man wird so vor allem die Arbeitszufriedenheit der Pflegekräfte nicht nachhaltig verbessern. Wenn Sie sich die Demonstrationen von Pflegekräften in den vergangenen Jahren ansehen, dann ging es dabei gar nicht so sehr um mehr Gehalt – sondern in erster Linie um mehr Kollegen.

Die Kliniken werden sagen: Schön und gut – aber woher sollen wir die zusätzlichen Pflegekräfte nehmen? Der Markt ist leergefegt.
Das ist richtig. Man muss aber sagen, das Problem der Personalmangels hat sich seit 15 Jahren abgezeichnet. Wir haben darauf schon 2002 in einer Studie hingewiesen. Das Problem war allen bekannt, aber es wurde immer nur verschleppt. Ein Gesundheitsminister allein kann das jetzt nicht innerhalb eines Jahres ändern.

Zumindest hat sich die Zahl der Auszubildenden deutlich erhöht. Momentan absolvieren mehr als 130.000 Menschen in Deutschland eine Pflegeausbildung. Wieso ändert das nichts am Personalmangel?
In der Krankenpflege sind die Ausbildungszahlen kaum gestiegen. Der Zuwachs der vergangenen Jahre betrifft vor allem die Altenpflege. Ein Problem ist, dass viele nach der Ausbildung gar nicht im Beruf landen. In der Altenpflege steigt jeder Fünfte nach dem Examen aus. Für die Krankenpflege fehlen mir genaue Zahlen – aber nach dem, was mir die Schulen berichten, gehen hier nur etwa 50 Prozent nach der Ausbildung in den Beruf.

Wie erklären Sie sich das?
In den drei Jahren der Ausbildung entzaubert sich der Beruf. Man merkt: Ich bin für etwas anderes angetreten. Ich sehe aber, dass ich nicht umsetzen kann, was mir vermittelt wird. Das ist der Hauptgrund. Einige überbrücken mit einer Pflegeausbildung sicher auch die Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz. Aber die gab es immer schon.

Viele Pflegekräfte arbeiten in Teilzeit. Woran liegt das?
Ja, und die Teilzeitquote steigt von Jahr zu Jahr. In der Krankenpflege arbeitet nur jeder Zweite in Vollzeit. Das liegt auch an den Arbeitsbedingungen: Mit 80 Prozent halte ich die vielleicht noch gut aus, mit 100 Prozent nicht mehr. Ein zweiter Grund ist, dass die Pflege zu den klassischen Frauenberufen zählt. Da sind die Teilzeitquoten allgemein höher.

Mehr als 80 Prozent des Pflegepersonals sind weiblich. Warum ist das auch im Jahr 2020 noch so?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass uns durch den Wegfall des Zivildienstes viele Männer für die Pflege verlorengegangen sind. Der Zivildienst war oft ein Einstieg in die Pflege, auch für mich. Die Geschlechterklischees, die in der Pflege mitschwingen, sind nicht so leicht aufzulösen.

Welche sind das?
Dass der Pflegeberuf in erster Linie etwas mit Handhalten und Kümmern zu tun hat. Das typische Bild in den Medien ist eine junge, weibliche Hand und die Hand eines älteren Menschen. Es geht nicht um Fachlichkeit, sondern um Herzensbildung, und die wird immer noch mit Frauen in Verbindung gebracht.

Brauchen wir überhaupt mehr Männer in der Pflege?
Ja, denn ich würde erwarten, dass sich dadurch die Arbeitsbedingungen verbessern. Weil Männer sich allgemein stärker engagieren, zum Beispiel in den Gewerkschaften. Pflegekräfte vertreten ihre Interessen bisher viel zu schlecht.

Die Personalnot betrifft auch die ambulanten Pflegedienste. Welche Folgen hat das für pflegedürftige Menschen und Angehörige?
Wir haben das schon 2016 untersucht, also unabhängig von Corona. Ambulante Pflegedienste sagen ganz häufig, dass sie keine neuen Kunden mehr annehmen können. Oder wenn, dann nur zu Tageszeiten, die für die Familien völlig uninteressant sind – also zum Beispiel die Morgentoilette am Nachmittag. Die Folge ist, dass sich Angehörige zunehmend überfordern.

Dabei sagt die Politik: ambulant vor stationär. Lieber zuhause pflegen als im Heim.
Ambulant vor stationär ist ja ein schöner Slogan. Aber er erweckt den Eindruck, als sei das Heim von vornherein die schlechtere Lösung. Das ist natürlich Unfug. Es ist für manche Menschen besser, in einer Pflegeeinrichtung zu leben, als zuhause unter katastrophalen Bedingungen versorgt zu werden. Damit pflegebedürftige Menschen tatsächlich gut zuhause leben können, müssen die Bedingungen stimmen – und da brauchen Angehörige viel mehr Unterstützung, als sie es bisher haben.

Immerhin haben die Pflegereformen der vergangenen Jahren bessere Leistungen für die Pflege zuhause festgeschrieben.
Ja, aber es nützt mir nichts, wenn ich zum Beispiel Anspruch auf Tagespflege habe, aber es kein Angebot oder keine freien Plätze in meiner Nähe gibt. Die Lücke zwischen den Ansprüchen, die mir die Pflegekasse einräumt, und der Realität in der Versorgung wird immer größer.

Noch einmal zur Corona-Krise: Welche Lehren sollten aus der Pandemie für die Pflege gezogen werden?
Dass wir viel mehr Pflege-Fachwissen in der Öffentlichkeit brauchen, zum Beispiel in den Gesundheitsämtern. Man hat einfach pauschal eine Besuchssperre für Pflegeheime erlassen, ohne zu klären: Wie können wir Angehörigen, die oft eine wichtige co-therapeutische Funktion für die Bewohner haben, den Zugang ermöglichen und trotzdem den Infektionsschutz wahren? Das hätte ich mir gewünscht – aber dafür hätten wir Pflegefachkräfte in den Ämtern und Rathäusern gebraucht, und die gibt es dort kaum. Was jetzt auch dringend nötig wäre, ist eine wissenschaftliche Auswertung der Corona-Krise aus Sicht der Pflege: Warum hatten einige Heime keinen einzigen Corona-Fall, hatten also offenbar ein gutes Schutzkonzept, während andere gleich zu Beginn der Pandemie kollabiert sind? Das ist doch eine wichtige Frage! Aber für solche Forschungen bekommen Sie keinen einzigen Euro, während auf der anderen Seite Hunderte von Millionen Euro für virologische Studien ausgegeben werden.

Man sollte meinen: Als Professor für Pflegeforschung müssten Sie doch in der Position sein, solche Dinge zu ändern.
Da überschätzen Sie meinen Einfluss. Ich kann mich nicht so lange vor dem Gesundheitsministerium anketten, bis man mich hört.