Leben mit Krebs

Die Diagnose wirft viele Fragen auf. Jetzt gilt es, eine passende Therapie zu finden und das Leben neu zu gestalten. Wie Sie gut durch die schwierige Zeit kommen.

von Raphaela Birkelbach, 29.08.2020

Die Diagnose Krebs stellt das Leben auf den Kopf. Welche Therapie ist die richtige? Was kommt jetzt auf einen zu? Viele Patienten legen in dieser schweren Krise ihr Schicksal in die Hände des Arztes, dem sie vertrauen. Der Tumorspezialist Matthias Ebert erlebt das auch. "Anfangs erhalten Patienten so viele Informationen und fragen andere Fachleute. Gerade Ältere sind dann so verunsichert, dass sie am Ende auf den Arzt hören, mit dem sie die längste Erfahrung haben."

Senioren erhalten am häufigsten die Diagnose Krebs. Mehr als die Hälfte der Patienten ist über 70 Jahre alt, wenn sie von ihrem bösartigen Tumor in Darm, Haut oder Lunge ­erfahren. Mit dem Alter steigt das ­Risiko für bestimmte Krebsarten. Statistiker rechnen vor: Auf einen unter 15-Jährigen, dem ein ­Karzinom zu schaffen macht, kommen 200 bis 300 über 80-Jährige. Tendenz steigend, sind sich Experten einig.

Vor dem Hintergrund der steigenden Lebenserwartung fordern Fachleute, Behandlungskonzepte bei betagten Personen stärker auf deren Bedürfnisse zuzuschneiden. "Was sich bei 40-Jährigen bewährt hat, lässt sich nicht einfach auf 75-Jährige übertragen", mahnt Ebert. So sind in Studien zur Wirksamkeit von Antitumormitteln Menschen jenseits der 70 häufig nicht einbezogen. "Wir müssen bei dieser Altersgruppe Therapien neu auf den Prüfstand stellen", fordert der Onkologe aus Mannheim.

Unter- oder überbehandelt

Altersmediziner sehen weitere Risiken. Viele Senioren würden zwar ­­individuell richtig therapiert, so Professor Gerald Kolb von der Arbeitsgruppe Geriatrische Onkologie, die führende Fachleute aus der Geriatrie und Onkologie gemeinsam gegründet haben. "Einige werden jedoch unterbehandelt, andere dagegen überbehandelt." Manche Kollegen und Patienten, so Kolb, würden immer noch glauben, im hohen Alter lohnten sich bestimmte Therapien nicht mehr. "Viele Krebsarten, die früher für Senioren ein Todesurteil bedeuteten, lassen sich heute heilen oder in ein chronisches Stadium bringen", widerspricht der Alters­experte. "Umso wichtiger ist es deshalb, früh gezielt zu behandeln."

Umgekehrt schnappt die Therapiefalle auch zu. Arbeiten etwa Leber und Niere mit den Jahren schwächer, verkraften ältere Krebskranke die Wirkstoffe oft schlechter, sagt Kolb. "So jemand ist dann schnell über­behandelt." Gleichzeitig leiden viele unter chronischen Krankheiten wie Herzschwäche, Diabetes oder COPD, was zusätzlich Kräfte raubt. Neben den zelltötenden Medikamenten muss der Kranke weitere Arzneien einnehmen. "Das bedeutet nicht, dass wir so jemanden nicht behandeln. Aber das beeinflusst jede Therapieentscheidung."

Das biologische Alter zählt

Wie belastbar ein Patient für die anstehenden Strapazen ist, loten Chirurgen, Onkologen, Pathologen, Internisten oder andere Fachärzte in aller Regel in Tumorkonferenzen aus. Die Teamarbeit hat sich bewährt, um passgenaue Therapiepläne zu erstellen. Altersmediziner wünschen sich, mehr Gehör zu finden: "Neben Krankengeschichte, Laborwerten und CT-Befund spielt auch die allgemeine Verfassung und Lebenserwartung eine große Rolle", sagt Kolb.

Das Geburtsdatum gibt keine verlässliche Auskunft darüber. Das biologische Alter, also der tatsächliche Gesundheitszustand, zählt. "Wir haben inzwischen Handwerkszeug, um die allgemeine Fitness eines älteren Tumorkranken zuverlässig zu bestimmen", erklärt der zweite Vorsitzende der DGHO. Spezielle Tests zeigen, wie groß das Sturzrisiko ist, ob jemand geistig einer langwierigen Tumortherapie folgen oder sich im Alltag selbstständig versorgen kann.

Verschiedene Vorgehensweisen

Je nach Resultat empfehlen Experten verschiedene Vorgehensweisen. Sie raten rüstig Gebliebenen zu Standardtherapien, wie sie auch jüngere Krebskranke erhalten. Bei gebrech­lichen Menschen wägen sie ab, ob eine moderatere Krebstherapie einen Vorteil in puncto Lebensdauer und Lebensqualität bringt. Bei sehr geschwächten Senioren halten sie ein Lindern statt Heilen der Beschwerden für einen sinnvollen Weg.

Fest steht: Standardisierte geriatrische Untersuchungen können vor einem Zuviel oder Zuwenig an Therapie bewahren. Weil sie aufwendig sind, gehören sie in Deutschland nicht zur Routinediagnostik, nicht in jedem Behandlungsteam gibt es erfahrene Geriater. Außerdem müsse häufig schnell entschieden werden, weiß Altersmediziner Kolb. "Aber auch Tests in Kurzform helfen uns weiter." Sein Tipp für Patienten, um dieses Fachwissen gezielt einzufordern: "Fragen Sie nach: Bin ich als älterer Mensch belastbar für die Therapie? Lässt sich das speziell testen?‘"

Patient entscheidet mit

Im Universitätsklinikum Heidelberg haben sich die Spezialverfahren fest etabliert. Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) bietet eine Krebssprechstunde für die Generation 70 plus an. Neben dem Sturzrisiko, sozialen Umfeld und eventueller Mangelernährung kommt auch zur Sprache, was der Patient will. "Der Patient wird möglichst immer in die Suche nach der passenden Therapie einbezogen", betont Dr. Stefanie Zschäbitz. Aus gutem Grund: Spricht sich jemand bewusst für eine belastende Chemo aus und fühlt er sich gut informiert, erträgt er die langwierige Prozedur meist besser.

Es geht um Entscheidungen von großer Tragweite. Ein 80-Jähriger lehnt eine Antikrebstherapie ab, die ihm mehr Lebensjahre schenken würde, aber zu dem hohen Preis des Leidens. Ein 93-Jähriger will so lange wie möglich kämpfen, trotz quälender Bestrahlung. "Oft geben Patienten bestimmte Fixpunkte an", sagt die Heidelberger Medizinerin. Jemand will noch die Taufe des Enkels erleben, Weihnachten oder die goldene Hochzeit. Jede Entscheidung lotet Zschäbitz mit dem Kranken aus – und rät auch mal von einer Chemo- oder Strahlentherapie ab: "Patienten können nicht alles richtig einschätzen. Die meisten haben noch nie die ­Erfahrung einer Therapie gemacht."

Recht auf eine Zweitmeinung

Egal ob sich eigene Vorstellungen und ärztlicher Rat decken oder nicht, "jeder Patient hat das Recht auf eine weitere ärztliche Meinung", sagt die Expertin vom NCT. Ältere scheuen diesen Schritt oft, so ihre Erfahrung. "Aber kein souveräner Behandler empfindet das als Vertrauensbruch."

Angehörige sollten bei den Arztgesprächen dabei sein. Nicht nur, wenn ein Krebskranker unter Demenz leidet und dem Arztgespräch kaum folgen kann. Auch so können in der Aufregung viele Informationen verloren gehen. Dennoch: Jeder sollte zunächst alleine in sich hi­neinhorchen. Was will ich selbst? Was erwarte ich von der Therapie? Wie belastbar bin ich? "Die Familie möchte oft, dass der Betreffende noch lange lebt", erklärt Krebsspezialist Ebert. So lasse er sich womöglich zu einer Therapie überreden, die ihm Zeit schenke, ihn aber kräftemäßig überfordere, sagt der Mannheimer Onkologe. "Manche Patienten ahnen das. Sie entscheiden sich deswegen für eine aggressive Strategie und sagen gleichzeitig: Wenn es nicht geht, dann lasse ich es eben."

Weiter selbstständig sein

Womöglich steht zu viel auf dem Spiel. "Selbstständig zu bleiben ist für ältere Krebspatienten häufig gleichbedeutend mit Lebensqualität und oberstes Ziel", betont Ebert. Umso wichtiger ist es, sich mit Partner oder Tochter zu beratschlagen. Helfen sie einem? Was, wenn Klinikaufenthalte oder Chemoambulanz anstehen? Wer fährt einen, holt Medizin oder hilft im Haushalt?

Vielleicht stellen sich die Weichen noch ganz anders. "Ein 96-jähriger Patient mit Prostatakrebs hat sich bei uns in der Klinik für eine zweite Meinung vorgestellt", erzählt Oberärztin Zschäbitz aus Heidelberg. Auf die Frage, ob er das wirklich wolle, habe er gesagt: "Ja, ich möchte noch ein paar Jahre leben." Seinen 100. Geburtstag feiern – auch das kann für ­einen Krebskranken das Ziel sein.