Faktencheck: Vitamin D und Corona

Mit dem "Sonnenvitamin" einer Infektion mit dem gefährlichen Coronavirus entgegenzuwirken, klingt verlockend. Doch die Studienlage ist dünn.

von Dr. Christian Wolf, 15.12.2020

"Vitamin D schützt vor Covid-19." Diese Behauptung geistert derzeit im Internet und in den Medien. Die Hoffnungen sind entsprechend groß, mit Vitamin D-Präparaten einer schweren Erkrankung vorzubeugen. Doch was ist dran an der Behauptung? Zunächst einmal: Vitamin D ist in Wirklichkeit kein richtiges Vitamin, sondern ein Hormon. Wir müssen keineswegs alles über die Nahrung aufnehmen. Vielmehr kann der Körper 80 bis 90 Prozent des Hormons in der Haut im Freien, besonders unter Sonnenbestrahlung das Hormon selbst herstellen. Eine Reihe von Studien zeigt nun: Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel im Blut liegt häufig auch bei schwer an Covid-19-Erkrankten vor. "Durch das Coronavirus gerät das Immunsystem aus der Balance", erklärt der Ernährungsmediziner Hans Biesalski von der Universität Hohenheim. Es komme zu überschießenden Entzündungen, die ganz typisch sind für schwere Corona-Verläufe.

Und zwar besonders dann, wenn gleichzeitig eine Unterversorgung mit Vitamin-D besteht. "Denn Vitamin D balanciert im Körper das Immunsystem aus." Ist es in zu geringem Maße vorhanden, kann es dieser Aufgabe nicht nachkommen.

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Nahrungsergänzungsmittel, die Sie einnehmen möchten.

Vitamin D und Corona: Skepsis am Zusammenhang

Den Bochumer Internisten Helmut Schatz hingegen überzeugen die bisherigen Studien nicht. "Sie beweisen nicht, dass der niedrigere Vitamin-D-Spiegel tatsächlich die Ursache von häufigeren und schwereren Covid-19-Erkrankungen ist", so das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Es könne vielmehr umgekehrt sein: "Die schwerer erkrankten Patienten hatten sich vielleicht vor ihrer Covid-19-Erkrankung weniger im Freien aufgehalten, da sie alt waren oder bereits eine Vorerkrankung wie Gelenkrheuma hatten. Und deshalb war der Vitamin D-Spiegel niedriger." In diesem Fall wären die Vorerkrankungen und das Alter der Grund für den schweren Krankheitsverlauf und nicht der niedrige Vitamin D-Spiegel.

Ob Vitamin D tatsächlich eine maßgebliche Rolle bei Covid-19 spielt, lässt sich nur in strengen klinischen Studien auf die Probe stellen. Dabei bekommt zufallsverteilt eine Hälfte der Patienten Vitamin D und die andere Hälfte ein wirkungsloses Scheinmedikament. Anschließend schaut man sich an, ob die Patienten mit zusätzlichem Vitamin D-Schub weniger hart von Covid-19 getroffen werden. Solche Studien gebe es bislang aber kaum, so Helmut Schatz.

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Vitamin D: Für Menschen ab 65 meist sinnvoll

Aber selbst wenn eine hohe Vitamin D-Dosis bereits erkrankten Menschen helfen könnte: Unklar wäre weiterhin, ob Vitamin D-Präparate aus der Drogerie oder der Apotheke auch als Vorbeugung gegen Covid-19 sinnvoll sind. "Gegen die Korrektur eines niedrigen Vitamin D-Spiegels spricht jedenfalls nichts", so Hans Biesalski. Die Höhe des Vitamin-D-Spiegels kann man durch einen Test bei seinem Hausarzt erfahren. Den Test müssen Patienten selbst bezahlen. Doch weil es in der Regel unbedenklich ist, ein Vitamin-D-Präparat zu nehmen – und oft sogar sinnvoll – kann man sich den Testaufwand sparen. "Gerade bei Menschen über 65 kann es unabhängig von Corona sinnvoll sein, Vitamin D-Präparate in einer Dosis von 1000 Einheiten vorbeugend zu nehmen". Der Grund: Bei älteren Menschen wird nur rund halb so viel Vitamin D in der Haut hergestellt wie bei jungen Menschen. Helmut Schatz will sich auf Grund der dürftigen Datenlage weder für noch gegen eine solche Einnahme aussprechen. "Es kann freilich auch nicht schaden, wenn man täglich nicht mehr als 1000 oder 2000 Einheiten nimmt." Übertreiben sollte man es mit der Dosis gleichwohl nicht. Toxisch könne es ab 4000 Einheiten werden, warnt Schatz "Durch Erhöhung von Kalzium kann es zu Nierensteinen mit Nierenschäden kommen." Eine Einnahme sollte deshalb von einem Arzt überwacht werden und nicht auf gut Glück erfolgen.