Edgar Selge: "Angst war als Kind meine zweite Haut"

Edgar Selge wuchs als Sohn eines Gefägnisdirektors auf und lernte schnell den Wert von Freiheit zu schätzen. Im Interview erzählt der Schauspieler, wie auch die Angst ihren Platz im Leben braucht
von Thomas Röbke, aktualisiert am 13.06.2016

Edgar Selge: Auf der Bühne und vor der Kamera erfolgreich

Sabine Brauer Photos/Dominik Beckmann

Herr Selge, in Ihrem Film "Bach in Brazil" erklingt die Musik des Komponisten im Samba-Rhythmus. Waren Sie erstaunt, wie gut sich das anhört?

Das konnte ich mir sehr gut vorstellen. Die westeuropäische, eher strenge und akademische Auffassung von Bach mit brasilianischer Musik und Lebensfreude zusammenzubringen, ist sehr reizvoll.  

Sie spielen einen Musiklehrer, der sehr in sich gefangen ist, der nichts mehr erleben will. Können Sie das nachvollziehen?

Klar, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste und kann mir gut vorstellen, dass man irgendwann aufhört neugierig zu sein, man irgendwann innerlich abschließt und auch abstirbt. Zu meinem Lebenskonzept gehörte darum schon sehr früh das Interesse für die Zusammenarbeit mit jungen Menschen.

Wie war es, mit brasilianischen Kindern zu spielen, die zum Teil tatsächlich Straßenkinder sind?

Großartig. Da habe ich mich schon manchmal gefragt: Wo ist eigentlich meine unmittelbare Lebensfreude geblieben? Die Fähigkeit, einfach mal in den Tag hineinzuleben? Mein Leben ist ja sehr durchgetaktet. Spontan und frei fühle ich mich eher in meinen Arbeiten. Wenn ich spiele, werden die Sekunden groß, und es öffnen sich Räume von Freiheit. 

Ihr Vater war Gefängnisdirektor. War es bedrückend, neben dem Knast aufzuwachsen?

Es war einfach so. Aber später merkte ich, dass Freiheit oder Eingesperrtsein für mich zentrale Erfahrungen sind. Wenn ich einen Vertrag unterschreibe, zum Beispiel wenn ich mich zu etwas verpflichten muss, kommt sofort das Bild des Gefängnisses in mir hoch. Mein Freiheitsbedürfnis hängt stark damit zusammen. Wie die Strafgefangenen ihre Köpfe durch die Gitterstäbe stecken und mit sehnsuchtsvollen Augen versuchen, ein Stück Himmel oder einen Baum zu erblicken: Das ist ein großes Bild für vieles in meinem Leben geworden.

Sie hatten auch viel Kontakt mit den Strafgefangenen …

Ich habe als Kind im Gefängnis Theater gespielt, war dort bei Sportveranstaltungen, unsere Möbel wurden im Gefängnis hergestellt, Strafgefangene arbeiteten bei uns im Garten oder sie waren bei uns zu Gast, wenn mein Vater Konzerte für sie gab. Er war ein sehr guter Pianist.

Wie haben die Häftlinge auf die Musik reagiert?

Ich habe viele von denen weich werden sehen, weinen sehen. Mein Vater bekam später sehr viele Briefe von ehemaligen Gefangenen, wie wichtig ihnen die Musik war. 

Das Gefängnis war sicher ein Riesenreservoir für Charakterstudien.

Ich habe immer gerne andere Menschen nachgemacht und mir als Kind dafür viele Ohrfeigen eingefangen. Viele Leute haben es nicht so gern, wenn man sie imitiert, sie wollen kein Bewusstsein dafür haben, wie sie gehen, wie sie schauen, wie sie sprechen. Mir wurde früh klar: Schauspielerei kann auch eine sehr gefährliche Waffe sein.

Edgar Selge

Picture Press Bild- und Textagentur GmbH/Karin Rocholl

Was gab den Ausschlag, zum Theater zu gehen?

Am Theater erhoffte ich mir eine größere Freiheit als im Leben. Auch Anarchie, Loslassen, ein viel lockereres Umgehen mit anderen. Ich habe mich dann sehr gewundert, wie diszipliniert dieser Beruf abläuft. Aber im Laufe meines Lebens bin ich auf viele Menschen getroffen, die etwas Ähnliches suchen wie ich: große Disziplin, kombiniert mit der Sehnsucht nach Anarchie und Freiheit.

Als Kind mussten Sie zu Hause viel lügen, um Schlägen zu entgehen …  

Das stimmt. Ich war ein sehr fantasievolles Kind und passte nicht in das regelkonforme Verhalten hinein, das meinen Eltern vorschwebte.

"Angst war als Kind meine zweite Haut", sagen Sie.  Das ist heftig!

Finden Sie? Ich finde es eher normal und beziehe das auch auf mein Erwachsenenleben: Angst ist meine zweite Haut. Das heißt ja nicht, dass man sich nur ängstlich verhält. Mut erwirbt man sich als Reaktion, um besser mit der Angst umzugehen. Aber wenn ich mit einem Stück wie mit Houellebecqs "Unterwerfung" auf die Bühne gehe, muss ich erst weite Räume von Angst durchqueren, bis ich bei dieser Unverschämtheit gelandet bin, mit der ich den Text vortrage. Angst ist mir auch gesellschaftlich sehr vertraut. Was wir im Augenblick erleben, die Stärkung der gesellschaftlichen Ränder, das macht mir natürlich Angst.

Was tun gegen die Angst?   

Unsere Demokratie, unsere Freiheit ist etwas sehr Kostbares, das nur zu halten sein wird, wenn wir viel mehr in Bildung investieren. Einerseits um die Flüchtlinge zu integrieren, aber gleichzeitig muss man auch den eigenen bildungsfernen Schichten viel mehr Chancen zukommen lassen.

Bildung würde helfen, Ängste abzubauen!?

Angst ist auch immer Angst vor dem Unbekannten. Und diese Angst wird im Augenblick größer.

Beschäftigt Sie das Älterwerden?

(Pause). Ja (lange Pause). Ein bisschen vielleicht. Eigentlich fühle ich mich sehr arbeitsfähig und auch jung im Kopf. Gleichzeitig merke ich, dass ich viel schneller müde werde. Darum hoffe ich, dass mich eines Tages nicht die "senile Bettflucht" erfasst. Stattdessen würde ich gerne mehr schlafen, mehr lesen, irgendwann nur noch Tagträume haben und dann wegdämmern. 

Das Schwinden der Kräfte schockt Sie nicht?

Ich habe nicht das Gefühl, bis zum Schluss unbedingt ganz stark, potent und kräftig sein zu müssen. Ich möchte mich eher damit anfreunden, dass ich durchaus Kräfte verlieren kann und dass das nicht nur schlimm sein muss.

Zur Person

  • Geboren am 27. März 1948 in Brilon (Sauerland)
  • Schauspiel Aufgewachsen in Herford, wo sein Vater Direktor des Jugendgefängnisses war. Brach das Klavierstudium ab, wechselte zu Philosophie und Germanistik und besuchte die Schauspielschule. Seither zahlreiche erfolgreiche Bühnen-, Film- und Fernsehrollen.
  • Privat Seit 1985 mit Schauspielkollegin Franziska Walser verheiratet, Tochter des Schriftstellers Martin Walser. Das Ehepaar hat einen Sohn und eine Tochter.

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