Wo pflegende Angehörige Hilfe finden

Wer sich zu Hause um kranke Menschen kümmert, benötigt oft selbst Unterstützung. Eine Übersicht, an wen sich Angehörige wenden können

von Kai Klindt, aktualisiert am 18.12.2015

Pflegefachkräfte können Angehörige entlasten

Fotolia/Robert Kneschke

Vielleicht ist Liebe ein zu starkes Wort. Aber womit sonst lässt sich so etwas erklären? Demenzkranke, die zu Hause in der Obhut ihrer Angehörigen wohnen, fühlen sich wohler und kommen im Alltag besser klar als ähnlich betroffene Menschen im Heim. Patienten mit Kehlkopfkrebs, die verheiratet sind, haben größere Chancen als Leidensgenossen ohne Ehepartner. Beides sind Ergebnisse von Untersuchungen aus diesem Jahr. 

Ob gesundheitlicher Schicksalsschlag, ob Pflegebedürftigkeit oder Handicap: Nahe Angehörige sind für die Betroffenen meist die erste und stärkste Stütze. Mal geht es um kleine Handreichungen, mal um Fürsorge rund um die Uhr – immer aber um das Gefühl "Ich bin für dich da!".


Dabei auch an sich zu denken, liegt vielen fern – und ist doch so wichtig. Studien zeigen: Wer pflegt, läuft auf Dauer Gefahr, selbst krank zu werden. Partner von Krebspatienten leiden psychisch oft stärker als die Betroffenen. Und auch Familien, die ein erwachsenes Kind mit Behinderung betreuen, sind einem erhöhten Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Was hilft Angehörigen, die Belastung zu schultern?


Demenz: Mehr Verständnis, Auszeiten nehmen

Verständnis entwickeln: Oft leiden die Angehörigen schon früh unter den Wesensveränderungen des Patienten. Zu lernen, dass man den Kranken nicht ändern kann, sondern nur sein eigenes Verhalten, stellt eine große Herausforderung dar. Dabei helfen Gesprächskreise für pflegende Angehörige, die meist eine Fachkraft moderiert. Empfehlenswert: Schulungen für den Umgang mit Demenzkranken, deren Kosten von fast allen Kassen übernommen werden.

Auszeiten: Tagespflegestätten verschaffen dem Angehörigen Freiräume und fördern den Kranken durch einen Mix aus Beschäftigungs- und Bewegungsangeboten. Die Pflegekasse bezahlt die Tagespflege auch zusätzlich zur ambulanten Pflege. Geschulte ehrenamtliche Helfer – etwa von der Alzheimer-Gesellschaft oder einer gerontopsychiatrischen Beratungsstelle – kommen für Stunden ins Haus. Der Einsatz lässt sich mit den Betreuungsleistungen der Kasse verrechnen.

Gut für beide: Therapie und Betreuung für Angehörige und Patienten unter einem Dach: Das kennzeichnet Demenztherapiezentren, etwa in Bad Aibling. Einige Kurkliniken bieten auch Reha für pflegende Angehörige an, oft im Paket mit Kurzzeitpflege für den demenzkranken Partner.

Behinderung in der Familie: Unterstützung holen

Geld vom Staat: Kann das Kind nicht für seinen Unterhalt aufkommen, erhalten die Eltern Kindergeld – ohne Altersgrenze. Je nach sozialer Lage und Gesundheitszustand stehen behinderten Menschen Leistungen der Pflege- und Krankenkasse und der Sozialhilfe zu. Beschäftigte in einer Behindertenwerkstatt bekommen nach einiger Zeit eine Erwerbsminderungsrente – wichtiges Zubrot, weil die Rente der Eltern oft knapp ausfällt.

Pflegelehrer: Druckgeschwüre beim Patienten verhindern – und den eigenen Rücken schonen: Das kann man sich zu Hause von einem Profi zeigen lassen. Eine Leistung der Pflegekasse.

Ersatzpflege: Familienentlastende Dienste (FED) springen mancherorts für Stunden oder Tage ein, etwa wenn die Eltern Arzttermine haben. Bezahlt wird dies oft über die Pflegekasse im Rahmen der Verhinderungspflege.

Vorsorgen: Was wird, wenn wir nicht mehr können? Meist fällt es den Eltern schwer, die Betreuung abzugeben. Einzelne Behinderteneinrichtungen bieten Kurzzeitwohnplätze. So können Eltern probieren, ob ihr Kind in einer anderen Umgebung klarkommt. Mehr über die Ortsverbände der Lebenshilfe (www.lebenshilfe.de) oder des Bundesverbands für körper- und mehfachbehinderte Menschen (www.bvkm.de).

Familienmitglied pflegen: Hilfe in Anspruch nehmen

Luft verschaffen: Berufstätige Angehörige können eine bis zu zehntägige Pause von der Arbeit einlegen, um die Pflege eines Familienmitglieds zu organisieren. Seit Kurzem zahlt die Pflegekasse für diese Zeit auch einen Lohnersatz, der den Gehaltsausfall weitgehend wettmacht.

Fachleute ins Haus: Mehr als 12.000 ambulante Pflegedienste gibt es in Deutschland (Adressen finden Sie hier). Liegt eine Pflegestufe vor, übernimmt die Pflegekasse meist den größeren Teil der Kos­­ten. Oft ist es auch der Hausarzt, der die ambulante Pflege ins Haus bringt, indem er etwa Hilfe bei der Medikamentengabe oder das fachgerechte Anziehen von Kompressionsstrümpfen verordnet. Nebeneffekt: Die Pflege­­profis sehen nach dem Rechten.

Ins Netz: Internet-Plattformen wie die Facebook-Gruppe "Pflegende Angehörige" ermöglichen Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe unabhängig von Ort und Zeit. Kostenlose Online-Beratung durch Psychologen gibt es unter www.pflegen-und-leben.de.

Hindernisse ausräumen: Jede Stufe erhöht das Risiko für den Pflegebedürftigen und bedeutet unnötige Mühsal für den Angehörigen. Die Pflegeversicherung schießt für Umbauten, die die Pflege erleichtern, bis zu 4000 Euro zu.

Krebs: Mit der Angst klarkommen

Gegen die Angst: Krebs ist heute oft ein chronisches Leiden. Auch für die Partner heißt es daher, mit der Krankheit leben zu lernen. Belastend ist für sie besonders die Angst vor einem Fortschreiten oder der Rückkehr der Erkrankung. Hier unterstützen psychosoziale Krebsberatungsstellen, bei denen zunehmend Angehörige Rat suchen. Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums gibt auch zu medizinischen Fragen Auskunft (Tel. 08 00/4 20 30 40).

Austausch: Vielen Angehörigen tut der Besuch einer Selbsthilfegruppe an der Seite des Partners gut – auch weil dies einem Gefühl der Hilflosigkeit entgegenwirken kann. Der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe verzeichnet rund 270, die Frauenselbsthilfe nach Krebs sogar etwa 350 Gruppen – und meist sind Angehörige ausdrücklich erwünscht.

Miteinander reden: Häufig möchte der eine den anderen mit seinen Sorgen und Befürchtungen verschonen – und erreicht damit eher das Gegenteil. Die Partner sollten auch über schwierige Themen ins Gespräch kommen, raten Psychoonkologen. Erster Schritt: ein fixer Aussprachetermin in der Woche.

Ein Stück normales Leben: Oft ist es für Angehörige sinnvoll, den Bekanntenkreis aufzuteilen: in jene, denen man sein Herz ausschütten kann und möchte, und in andere, mit denen man lieber die Freizeit verbringt.



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