Ob jung oder alt: Heimwerker leben gefährlicher als andere Menschen. Jährlich kommt es zu rund 300.000 Heimwerkerunfällen in Deutschland, das sind etwa 820 pro Tag. Meist trifft es Männer. Die Bundesanstalt für Arbeitssicherheit und Arbeitsmedizin in Berlin (BAuA) beziffert ihren Anteil auf 87 Prozent. Kein Wunder. Traditionell sind es die Ehemänner, Großväter und Onkel, die in der Familie den Hammer schwingen und den Schlagbohrer ansetzen.
Mangelnde Übung, unsachgemäßer Einsatz von Werkzeugen, Unaufmerksamkeit, Leichtsinn oder Eile gelten als Hauptunfallursachen beim Werkeln. Kreissägen und Bohrmaschinen sind Spitzenreiter des Heimwerkerhorrors, auf Platz zwei rangieren Stürze von Leitern, Treppen oder Dächern sowie das Stolpern über herumliegendes Material und Werkzeug. Die häufigsten Verletzungsarten laut BAuA: offene Wunden, Prellungen und Knochenbrüche. Junge Senioren sind überproportional unfallgefährdet, wie eine aktuelle BAuA-Statistik zeigt. Demnach geht fast jeder fünfte Heimwerkerunfall auf das Konto der 55- bis 64-Jährigen (18 Prozent), obwohl diese nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Für die höheren Altersklassen liegen keine Daten vor, „man kann aber davon ausgehen, dass sich der Trend mit zunehmendem Alter weiter verstärkt“, sagt Dr. Susanne Woelk, Geschäftsführerin der Aktion „Das sichere Haus“ (DSH).
Ein Grund könnte sein, dass in der jüngeren Generation deutlich weniger gewerkelt wird als bei den Älteren und somit die Unfallzahlen geringer sind. Experten wie Woelk beobachten seit längerem einen „Rückgang der Kompetenz im Heimwerken und Handwerken“ in der Bevölkerung. Das Gros der jüngeren Generation erledige die berufliche Arbeit vor allem am PC und werde handwerklich kaum noch gefordert, so Susanne Woelk. Das Wissen und die Fertigkeit, eine Fußbodenleiste auf Gehrung zu schneiden, ein Zimmer zu tapezieren oder auch nur eine Lampe anzuschließen, gehört nicht mehr zum Standardrepertoire. „Deshalb werden Senioren gern und häufig gerufen, wenn im Haus der Kinder, Enkel oder Neffen eine Reparatur beziehungsweise Renovierung ansteht“, sagt Woelk. Die Älteren wiederum freuen sich, jüngere Familienmitglieder praktisch unterstützen zu können und ihr Expertenwissen anzuwenden.
„Wenn jemand versiert ist, weil er sein Leben lang in Haus und Garten herumgetüftelt hat, spricht nichts dagegen, dies fortzuführen. Sofern man körperlich dazu in der Lage ist“, betont Expertin Woelk. Allerdings ist es ratsam, sich nicht nur auf das eigene Urteil verlassen. Besser ist eine neutrale Überprüfung, etwa durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt. Vor allem auf seine Sehkraft sollte sich der Heimwerker verlassen können, selbst wenn er seine Werkzeuge blind beherrscht. Die Zeichen und Zahlen auf der Bohrmaschine muss er selbstverständlich lesen können.
Ausreichend Pausen einzulegen ist ebenso wichtig. Selbst wenn die Schlagbohrmaschine noch perfekt funktioniert – die Muskelkraft des Heimwerkers lässt mit den Jahren nach, der Körper ist schneller erschöpft. „Außerdem sollte man darauf achten, nicht längere Zeit in Zwangshaltungen zu verbringen“, rät Dr. Woelk. Das Knien auf hartem Boden, die Arbeit über Kopf oder mit vorgebeugtem Oberkörper sollte nur in kurzen Phasen erfolgen und immer wieder durch Streck- und Dehnbewegungen ausgeglichen werden. Was spricht im Übrigen dagegen, die Arbeit auf mehrere Tage zu verteilen? „Es muss doch nicht alles sofort fertig werden“, betont die DSH-Geschäftsführerin.
Auch eine kritische Bestandsaufnahme der Arbeitsgeräte ist wichtig. Oft wird jahrzehntelang mit derselben Bohrmaschine gearbeitet. Schließlich hat man sich an sie gewöhnt, sie liegt gut in der Hand und funktioniert noch immer tadellos. Auch das brüchige Kabel wird umwickelt - ohne daraus resultierende Gefahren weiter zu beachten. Motto: Geht doch. Außerdem scheuen viele ältere Heimwerker die Anschaffung neuer Maschinen, die mit Elektronik oft überladen sind und den Benutzer leicht überfordern. Prüfen Sie dennoch Ihr jetziges Gerät kritisch. Wenn es nicht mehr in Ordnung ist, tauschen Sie es lieber aus oder lassen Sie es von einem Profi auf Vordermann bringen.
Am gefährlichsten beim Heimwerken ist das „Schnell mal eben“. Darin sind sich alle Experten einig. Schnell mal eben das Loch bohren, mal eben die Glühbirne auswechseln. Das geht fast immer zu Lasten der Sicherheit. Anstatt die Sicherheitsleiter aus dem Schuppen zu holen, wird der Stuhl auf den Tisch gestellt, und – falls das nicht reicht – kommt das dicke Telefonbuch noch obendrauf. Das bedeutet höchste Gefahrenstufe, Stürze sind bei älteren Menschen die häufigste Todesursache bei Unfällen im eigenen Haus.
Zeitdruck, Ablenkung, Leichtsinn – dies sind die Zutaten, aus denen Unfälle entstehen. Auch bei den Senioren. Höchst brisant ist der sicherheitswidrige Einsatz von Werkzeugen wie Ketten-, Tisch- oder Kreissäge. „Besonders leichtsinnig ist der Verzicht auf eine Schutzabdeckung, die immer wieder von Hobbyhandwerkern wegen angeblicher Zeitersparnis abmontiert wird“, warnt Rainer Kolator vom Österreichischen Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV). Auch die Bohrmaschine hat es in sich. Häufigste Heimwerkerfehler laut KfV bei diesem Gerät sind keine Schutzbrille zu tragen und Späne zu entfernen, während die Maschine noch läuft.
Heimwerken macht Spaß und spart Geld, setzt aber auch ein Mindestmaß an Kenntnissen voraus. Manche Baumärkte bieten Heimwerker-Workshops an Wochenenden an, bei denen man das nötige Wissen erwerben oder auffrischen und sich mit modernen Geräten vertraut machen kann. Auch Volkshochschulen haben Heimwerker-Kurse in ihrem Angebot. Die meisten Senioren überlassen die komplizierten handwerklichen Arbeiten ohnehin einem Fachbetrieb. Sie kümmern sich selbst nur um die kleinen Reparaturen und Verschönerungsarbeiten, bei denen es sich kaum lohnt beziehungsweise zu teuer wäre, den Meister zu rufen.
In höherem Alter können jedoch auch Alltagsreparaturen wie das Richten einer klemmenden Haustür, das Aufhängen eines Spiegels oder der Austausch eines Duschkopfes schwierig werden. Dann hilft im besten Fall ein Familienangehöriger, Freund oder Nachbar. Eine Alternative sind Senioren-Handwerksdienste, wie sie mittlerweile in zahlreichen Städten und Gemeinden angeboten werden. Gegen eine geringe Gebühr und eine Fahrkostenpauschale kommen handwerklich versierte Senioren ins Haus. Sie leisten diesen Service ehrenamtlich – und dazu ganz nebenbei oft auch eine wichtige soziale Aufgabe, wie Otto Schad vom Handwerksdienst „Senioren für Senioren“ der Stadt Willich in einem Online-Interview sagte: „Viele freuen sich schon darüber, dass man sich mit ihnen unterhält.“
Die folgenden Sicherheitstipps helfen Ihnen, Verletzungen vorzubeugen:
Ingrid Kupczik / www.senioren-ratgeber.de;
10.02.2012
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto
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