Pflege verändern

Einmal Reform, bitte!

Für viele steht fest: In der Pflege muss sich etwas verändern. Wir haben Angehörige und Betroffene gefragt, was sie sich wünschen

Ich wünsche mir, dass die Kasse einen Familienmediator für pflegende Angehörige zahlt. Oft klinken sich etwa Geschwister bei der Pflege aus. Mit einem Mediator könnte man viele Konflikte lösen, wenn alle an einem Tisch sitzen.
Kornelia Schmid, pflegt ihren MS-kranken Mann

Es braucht mehr Angebote für Kinder mit Behinderung – es ist frustrierend, wie wenig es davon gibt. Die Kurzzeitpflegeeinrichtungen bei uns in Potsdam sind alle für Senioren. Dabei gibt es so viele besondere Kinder und Eltern, die das sehr entlasten würde.
Ariane Andres, pflegt ihre Tochter, die eine Behinderung hat

125 Euro im Monat können Angehörige für Betreuung und Hilfe im Haushalt nutzen. Eigentlich eine gute Idee. Aber ich darf damit nicht einfach irgendeinen Putzdienst engagieren. Abrechnen kann man nur mit zertifizierten Pflegediensten oder, in vielen Bundesländern, geschulten Ehrenamtlichen. Die Pflegedienste haben natürlich viel höhere Stundenlöhne als normale Haushaltshilfen. Wir bekommen also nicht einmal vier Stunden Unterstützung im Monat.
Judith Kraus
, pflegt ihre Tochter, die eine psychische Erkrankung hat

Es müsste viel mehr Personal da sein. Unser ambulanter Pflegedienst arbeitet super, aber sie haben lange nicht genug Mitarbeiter gefunden. Sobald jemand ausfällt, müssen die anderen Pflegekräfte das auffangen.
Waltraud LeBrun
, pflegte ihren demenzkranken Mann bis zu seinem Tod

Es wäre wichtig, dass mehr Ärzte Hausbesuche machen. Meine Frau hatte einen Schlaganfall und die meisten Neurologen weigern sich strikt, zu uns zu kommen. Dabei war sie eine Zeit lang nicht transportfähig. Die Anreise ist mühsam.
Hans Esser
, pflegt seine Frau nach einem Schlaganfall

Die Preise für Pflegeheime sind außerordentlich hoch. Im Großraum München liegt der Eigenanteil zwischen 2.000 Euro und 2.800 Euro. Für die meisten Rentnerehepaare ist das unbezahlbar! Seitdem meine Frau im Heim lebt, müssen wir unsere finanziellen Reserven anbrechen, und das trotz einer relativ hohen Rente. Die monatlichen Zuschüsse der Pflegekasse müssten deutlich höher sein.
Walter Oberst
, pflegte seine demenzkranke Frau erst zuhause, mittlerweile lebt sie in einem Heim

Die Behörden müssen empathischer werden. Ich habe meinen Job als Fotograf aufgegeben, um meinen Sohn zu pflegen. Als ich zum Arbeitsamt gegangen bin, dachte ich, die fragen mich erst mal: Wie können wir Ihnen helfen? Gefragt haben sie: Warum arbeiten Sie nicht, während Ihr Sohn in der Tagespflege ist? Dabei pflege ich 18 Stunden am Tag. Ich muss auch irgendwann mal schlafen.
Arnold Schnittger
, pflegt seinen Sohn, der eine Behinderung hat

Es gibt viele Angebote für pflegende Angehörige – aber man sollte sie mehr publik machen. Wo kann ich welche Hilfen nutzen? Das bekommen viele Menschen in vergleichbaren Pflegesituationen nicht mit.
Jürgen Chmielek
, pflegte seine Frau bis zu ihrem Tod

Es ist sehr aufwendig und anstrengend, dass so viele verschiedene Stellen zuständig sind: Pflegekasse, Versorgungsamt, Landkreis. Wer sowieso schon Probleme mit Behördenangelegenheiten und Schreibkram hat, ist da völlig aufgeschmissen. Es wäre viel einfacher, wenn es eine zentrale Anlaufstelle für Pflege, Schwerbehinderung und Persönliches Budget geben würde, die dann alle Maßnahmen koordiniert.
Johanna Kraus leidet an einer psychischen Erkrankung und wird von ihrer Mutter gepflegt

Mein Freund und ich pflegen gemeinsam meinen dementen Großvater. Ich habe eine 30-Stunden-Stelle, mein Freund ist zu Hause. Vor Beginn unserer Pflegetätigkeit hatte er kein Anstellungsverhältnis. Er kann sich zwar vergünstigt versichern, muss aber seine Krankenkassenbeiträge allein zahlen. Ich finde das ungerecht und würde mir mehr Unterstützung wünschen.
Josepha Dietz, pflegt ihren Großvater

Was mich stört und traurig macht: Viele pflegende Angehörige, die in Hartz IV leben, müssen sich immer wieder vor dem Jobcenter verantworten und begründen, warum ein Job nicht möglich ist. Dies auch in höheren Pflegegraden, obwohl im Jobcenter folgende Anweisung gilt: "Fachliche Hinweise SGB, II Gesetzestext, § 10 SGB II, Zumutbarkeit. 4. die Ausübung der Arbeit mit der Pflege einer oder eines Angehörigen nicht vereinbar wäre und die Pflege nicht auf andere Weise sichergestellt werden kann." Schlimmstenfalls wird auch noch auf die Wohnungsgröße und Miete geschaut – eventuell muss man sogar umziehen. Wir, als pflegende Angehörige, die oft das ganze Jahr mehr oder weniger rund um die Uhr pflegen, wollen ja nicht mal viel, aber eine Absicherung und bitte KEINE Rentenabschläge, wenn man sich Hilfe dazu holt. Diese Abschläge gibt es nämlich, wenn ein Pflegedienst mithilft. Es ist enorm ungerecht, dass die wenigen Minuten gegengerechnet werden, zumal wir dabei ja oft auch dabei sind und Hilfestellung leisten müssen!
Wiebke Worm
, pflegt ihren MS-kranken Mann

Was muss sich in der Pflege verändern, was wünschen Sie sich? Schreiben Sie uns!

Text: Elsbeth Bräuer, 29.04.2019
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