Ich pflege

Man darf wütend sein, aber man muss stabil sein"

Jürgen Chmielek pflegte seine Frau, die im Wachkoma liegt.

Sandra Chmielek ist in der Zwischenzeit leider verstorben. Auf Wunsch ihres Ehemanns lassen wir den Text trotzdem in der alten Fassung online:

Ich pflege...

meine Frau. Mit 38 Jahren hatte sie einen Herzinfarkt. Der Sanitätswagen kam erst nach 25 Minuten, in der Zeit wurde ihr Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt. Seit zehn Jahren ist sie im Wachkoma. Früher dachte ich mir: Die Frau ist unkaputtbar. Gesund, ständig draußen. Weil ich älter bin als sie, hat sie mal gesagt: Im Rollstuhl rumschieben tu ich dich später aber nicht! Tja, das Schicksal wollte es andersrum.

Das strengt mich an

Mich belastet, dass die Ärzte die Symptome meiner Frau damals nicht erkannt haben. Wir waren am Abend zuvor in der Notfallaufnahme. Sie zitterte, schwitzte, hatte Schmerzen im Oberbauch. So äußert sich ein Infarkt oft bei Frauen. Man hat uns heimgeschickt. Ich bin bis vor den obersten Gerichtshof gegangen, habe aber verloren.

Das gibt mir Kraft

Wenn ich mit meiner Frau rede, habe ich nie das Gefühl, ich spreche ins Leere. Ich habe da einen Trick: Ich wandere mit ihr in die Vergangenheit. Meine Frau war ­begeisterte Trabrenn­fahrerin. Ich erzähle ihr von den Pferden, die wir ­früher hatten, vom gemeinsamen Urlaub auf einer Ranch in Amerika. Da lächelt sie manchmal.

Mein Tipp für andere

Als Angehöriger darf man wütend und traurig sein, aber man muss stabil bleiben. Zwei Pa­tienten, das geht ja nicht.

Protokoll: Elsbeth Bräuer, 29.04.2019
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Arnold Schnittger
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