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Partnersuche im Alter

Viele ältere Menschen fühlen sich einsam und sehnen sich nach einem Partner. Worauf es ankommt, wenn man sich neu binden möchte.

von Orla Finegan, 07.12.2020

Wenn Angelika Z., 65 Jahre, von ihrem ersten Kuss mit Rudolf spricht, kommt sie ins Schwärmen. Silvester war es, Schlag zwölf auf dem Balkon einer Freundin. Und noch gar nicht so lange her: "Vor zwei Jahren zog ich ins Seniorenheim, weil ich mir das Bein gebrochen hatte. Ich bin blind, daher war der Umzug früher oder später ohnehin nötig." Sie zog also um, um gut versorgt zu sein. Womit sie nicht gerechnet hatte: dass es im neuen Zuhause noch mal funkt.

26 Prozent der Befragten über 55 würden 
Online-Dating eine Chance geben. (Quelle: Statista)

Die neue Freiheit im Alter

Wenn der langjährige Partner verstorben ist oder man aus anderen Gründen schon länger alleine ist, kommt bei vielen irgendwann der Punkt, an dem sie sich einsam fühlen. Für den Paartherapeuten Dr. Stefan Woinoff aus München gibt es ein klares Anzeichen dafür, dass jemand bereit ist für eine neue Beziehung: "Wenn es etwas gibt, was ich mit ­einem Partner oder einer Partnerin machen möchte." Ob wandern oder Kaffee trinken – er rät, sich jemanden genau dafür zu suchen. "Es muss gar nicht das gesamte Paket sein. Das ist ja gerade die neue Freiheit im ­Alter: Jeder lebt für sich, und man macht nur das zusammen, was gut miteinander geht und schön miteinander ist."

Einer Umfrage der Online-Dating-­Plattform Parship zufolge ist genau diese Freiheit die wichtigste Erwartung, die Singles ab 60 an eine Be­ziehung haben. Ein Drittel von ihnen gab an, dass sie nach jemandem suchen, mit dem sie sich gut verstehen. Es sei aber auch in Ordnung, wenn man nur gelegentlich gemeinsam Zeit verbringe. Ein erfüllteres Liebensleben erreichte dagegen nur Platz vier der Erwartungen.

Für Angelika Z. und ­ihren neuen Lebensgefährten ist die Beziehung aber doch etwas verbindlicher geworden: Beide leben in einem Seniorenheim im bayerischen Schwandorf, jeder in seiner eigenen Wohnung. Das Paar trifft sich aber ­jeden Tag, macht gemeinsame Ausflüge oder geht spazieren, wobei Rudolf seine Angelika immer sanft am Arm führt. "Das hat er von Anfang an gemacht", erzählt die 65-Jährige. "Da war er mir sofort sympathisch." Als sie neu im Seniorenheim war, landete sie bei einer Feier auf dem Platz neben ihm. Sie unterhielten sich gut, und er brachte die blinde Frau danach bis zu ihrer Wohnung. Die Initiative zum Wiedersehen ging dann von ihm aus: Noch an der Tür verabredeten sie das nächste Treffen.

11 Prozent der Befragten über 
65 Jahre haben Erfahrung mit Online-Dating. (Quelle: Statista)

Flirten mit Mund-Nasen-Schutz

Im Jahr 2019 lebten in Deutschland rund 16,79 Millionen Personen ohne Partner. Knapp 17 Prozent der Singles waren zwischen 60 und 69 Jahre alt. Unter den 70- bis 79-Jährigen sind dann schon 28 Prozent für sich. Doch wie lernt man einen neuen Partner kennen? Zumal Corona Treffpunkte wie Theater und Kino einschränkt oder der Mund-Nasen-Schutz den Flirt erschwert?

Beziehungsexperte Woinoff sieht in der Corona-Pandemie kein Hindernis: "Das ist doch ein ideales Gesprächsthema, über das man überall und mit jedem und in fast jeder Situation sprechen kann", meint er. "Die Art der Maske, die Umstände wegen Corona und wie man sie meistert, was man für sinnvoll und weniger sinnvoll erachtet – das sind erfolgreiche Eisbrecher."

Einen Tipp, falls das Ansprechen an der eigenen Schüchternheit scheitern sollte, hat Woinoff auch: "Wer von Selbstzweifeln geplagt wird, wer denkt, dass er niemals die Ansprüche des anderen erfüllen könne, muss sich klarmachen, dass wir alle im selben Boot sitzen." Höchstwahrscheinlich habe der andere die gleichen Selbstzweifel wie man selbst.
Und dann ist da ja noch Plan B, der  gerade bei jüngeren Singles mittlerweile die wichtigste Form des Kennenlernens geworden ist: Kontaktaufnahme via Internet. Haftete Online-Dating vor zehn Jahren noch der Beigeschmack der Verzweiflung an, erzählen Paare heute freimütig, sich auf diese Art gefunden zu haben.

Verliebt auf einen Klick

In Corona-Zeiten, erzählt Paartherapeut Stefan Woinoff, scheint Online-Dating  sogar noch besser zu funktionieren: "Man kommt sich langsam näher, lernt sich erst mal auf Abstand kennen. Darin liegt auch eine Chance." Ein paar Regeln beim Online-Dating im Alter müssen aber dann doch beachtet werden: So sollte man sich nur bei einer seriösen Plattform registrieren. Solche Angebote kosten allerdings in der Regel etwas. Die Betreiber versuchen, Betrüger und Heiratsschwindler, so gut es geht, von der Plattform zu verbannen.  

Sie müssen sich aber auch selbst schützen: Vergewissern Sie sich zum Beispiel durch ein Videogespräch, dass es sich bei Ihrem Gegenüber wirklich um die Person handelt, die auf dem Foto zu sehen war. Erst dann geht es darum, Vertrauen zueinander aufzubauen. "Dass die Gefühle Purzelbäume schlagen und man auf Wolke sieben tanzt, kommt eher ­selten vor", sagt Woinoff. Und trotzdem kann aus einer ersten Sympathie ­eine tiefe Verbundenheit und Liebe wachsen.  "Die Beziehung ist gesetzter", erzählt Angelika Z. und denkt kurz nach. "Aber es ist etwas ganz Besonderes. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal eine Liebe erlebe."


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