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Immer mehr Männer in Deutschland berichten, dass sie von häuslicher Gewalt betroffen sind. Von den etwa 240.000 Betroffenen 2022 waren etwa 70.000 Männer. 421 suchten bei Männerschutzeinrichtungen nach Hilfe. 2021 waren es noch 251 gewesen.

Doch nicht immer finden Betroffene Hilfe. So gibt es deutschlandweit aktuell 46 Schutzplätze in 15 Wohnungen. Auch, wer nur Beratung sucht, muss eventuell länger suchen: Viele Beratungseinrichtungen sind vor allem auf hilfesuchende Frauen vorbereitet.

Enrico Damme ist Fachreferent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM). Die Koordinierungsstelle wird vom Familienministerium gefördert und hat unter anderem das Ziel, Hilfsangebote für Männer aufzubauen und zu fördern.

Im Interview spricht er darüber, von welcher Art von Gewalt Männer besonders oft trifft, warum Männer seltener Schutz suchen als Frauen und, was mit Männern passieren kann, die keine Hilfe finden.

Apotheken Umschau: Herr Damme, Männer gelten als das „starke Geschlecht“. Wie können sie von Gewalt betroffen sein?

Enrico Damme: Es gibt verschiedene Formen von Gewalt: Körperliche, psychische, ökonomische und soziale. Körperliche Gewalt kennt jeder: Schläge, Tritte, Schubsen. Psychische Gewalt ist, wenn sich Grenzüberschreitungen für Betroffene wie Gewalt anfühlen. Wer über längere Zeit beleidigt, erniedrigt, bedroht oder auch gedemütigt wird, ist davon betroffen.

Was sind ökonomische und soziale Gewalt?

Von ökonomischer Gewalt sprechen wir, wenn Männer von ihrer Lebensgrundlage abgekoppelt werden. Wenn die Partnerin oder der Partner Ihnen zum Beispiel Handy, Geld oder Lebensmittel wegnimmt. Bei sozialer Gewalt dürfen Männer nicht mehr einfach so das Haus verlassen, Freunde treffen oder mit Kolleginnen und Kollegen Kontakt aufnehmen. Sie werden getriezt, nach der Arbeit schnell nach Hause zu kommen, um für Partner oder Partnerin da zu sein.

Welche Art von Gewalt betrifft Männer am meisten?

90 Prozent der Betroffenen sind von psychischer Gewalt betroffen. Daneben gibt es noch einen hohen Anteil an Männern, die körperliche Gewalt erfahren. Die anderen Formen von Gewalt sind eher selten. Es melden sich dabei Männer aller Altersschichten. Die meisten davon sind aber mittleren Alters. Es gibt zuweilen auch Männer in der Pflege, die Gewalt durch Pflegepersonal oder pflegenden Angehörige erfahren.

Gewalt in der Pflege?

Als gepflegte Person ist man abhängig von den Angehörigen, die einen pflegen. Die können einem zum Beispiel etwas entziehen oder einen unter Druck setzen, ohne dass man sich wehren kann. Viele Leute machen das nicht mit Absicht: Sie sind mit der Situation überfordert und versuchen, sich selbst Luft zu verschaffen. Doch das ist der falsche Weg. Diese Art von Gewalt wird aber nicht gesondert erfasst – es gibt zudem eine sehr hohe Dunkelziffer. Das trifft ohnehin auf das ganze Thema „Gewalt gegen Männer“ zu.

Enrico Damme ist Fachreferent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM).

Enrico Damme ist Fachreferent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM).

Wir können dazu nicht viel sagen. Es gibt verschiedene Studien, die versucht haben, das zu ergründen. Laut denen sind 20 bis 50 Prozent der Männer von Gewalt betroffen. Das sind aber meist Abschätzungen oder Hochrechnungen, die nicht repräsentativ sind.

Wer sind Täterinnen und Täter?

Oft sind es Ex-Partnerinnen oder -Partner, die Betroffenen Gewalt antun. In unser Hilfesystem kommen aber auch junge Männer, die von clanbezogener Gewalt oder Zwangsheirat betroffen sind.

Zwangsheirat? Männer gelten oft als Profiteure von Zwangsheirat.

Die uns bekannten Fälle sind junge Männer mit Migrationshintergrund, die hier sozialisiert und mit unserem Wertesystem groß geworden sind. Die wollen sich ihre Partnerin selbst aussuchen. Dann wird aber von der Familie in der alten Heimat etwas arrangiert. Das ist für die jungen Männer hochbelastend und nicht der Weg zum Glück.

Was können Betroffene tun?

Im Internet bieten wir eine Karte mit Anlaufstellen unter www.ohne-gewalt-leben.de. Hier kann sich jeder ein Hilfsangebot in der Nähe suchen. Betroffene können sich auch bei Familien- und Gewaltberatungsstellen melden. In allen Fällen erhalten sie eine psychosoziale Unterstützung, die sie erstmal brauchen, um stabil zu werden.

Viele Beratungsangebote scheinen vor allem auf Frauen ausgerichtet zu sein. Haben Männer abseits der Fachstellen eine Chance, Hilfe zu bekommen?

Es ist wichtig, dass Schutzeinrichtungen alle Geschlechter unterstützen. Die meisten schaffen es aus personellen Gründen nicht. Auch, weil viele Anlaufstellen für gewaltbetroffene Frauen überlastet sind. Da ist der Bedarf deutlich größer. Dennoch, viele Beratungseinrichtungen sind für Männer offen, auch wenn es nicht explizit dransteht. Wir bei der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz geben Fortbildungen und schulen Einrichtungen, wie man mit Männern umgehen kann, die von Gewalt betroffen sind.

Wie muss man mit Männern umgehen?

Es dauert oft eine Zeit, bis Männer sich trauen, Hilfe zu holen. Es fällt ihnen nicht leicht, über sich und ihre Gefühle zu sprechen. Da müssen Beraterinnen und Berater oft einen anderen Zugang finden. Gerade psychische Gewalt wird oft selbst nicht als solche wahrgenommen. Und für Männer ist das ja schambehaftet, „Opfer“ zu sein. Gut wäre es auch, wenn beim Erstkontakt gefragt wird, ob Betroffene mit einem Mann oder einer Frau reden wollen, falls das geht. Es sollte strukturell die Möglichkeiten geschaffen werden, dass sie wählen können. Männer fühlen sich so in der Regel willkommener.

Wieso fällt es Männern schwerer, sich Hilfe zu holen?

In der Gesellschaft gibt es viele Tabus. Dazu gehört auch die Annahme, dass Männer nicht von häuslicher Gewalt betroffen sein können. Aber auch sie können und dürfen Probleme haben, Emotionen zeigen und Hilfe benötigen. Ich appelliere an die Männer: Wer Bedarf verspürt, sollte sich Hilfe holen. Es ist wichtig, dass man solche Impulse nicht wegdrückt. Und wer möchte, kann die Hilfe natürlich auch anonym in Anspruch nehmen.

Können Außenstehende auch etwas tun?

Man kann auf körperliche Anzeichen achten und vielleicht nicht jede Ausrede akzeptieren, wenn Gewaltfolgen sichtbar sind. Ich glaube, dass es ein guter Freund beim Zuhören spüren kann, wenn etwas nicht stimmt. Dann sollte man nicht wegschauen, sondern Hilfe anbieten, indem man zum Beispiel die Nummer einer Anlaufstelle heraussucht und den Freund dazu ermuntert, sich dort professionelle Unterstützung zu suchen.

Oft heißt es, dass vor allem Polizistinnen und Polizisten bei häuslicher Gewalt oft den Mann als Schuldigen sehen. Haben Sie solche Erfahrungen auch gemacht?

Es ist oft so, dass Polizistinnen und Polizisten in Fällen häuslicher Gewalt beim Einsatzort mit der Grundhaltung ankommen: Der Mann ist Täter. Wir sensibilisieren aktiv, damit sich das ändert. Die Polizei muss zudem noch besser wissen, an wen sie Männer als Opfer häuslicher Gewalt vermitteln kann. Besonders bei uns in Sachsen ist die Polizei sehr offen und arbeitet gut mit uns zusammen.

2021 hatten noch etwa 30.000 Männer berichtet, dass sie von häuslicher Gewalt betroffen waren. 2022 waren es etwa 70.000. Was ist passiert?

Da hat sich die Zählweise des Bundeskriminalamtes geändert. Es kam zu partnerschaftlicher noch die innerfamiliäre Gewalt, also durch Angehörige dazu. Das Thema ist zudem einfach sichtbarer geworden und das Netz der Anlaufstellen bekannter. In den Medien wird mehr darüber gesprochen, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt sein können. So fühlen sich mehr Männer ermutigt, Hilfe zu holen. Die Ermutigung zur Hilfe ist eine gute Entwicklung, denn jeder Betroffene ist einer zu viel.

Woran erkennt Mann, dass er betroffen ist?

Das ist sehr individuell. Jede Person muss für sich selbst festlegen, wo und wann die Grenze überschritten ist. Bei psychischer Gewalt muss man aufpassen, dass eine Beziehung nicht einseitig wird und man sich nur vorgaukelt, zufrieden zu sein.

Ein Beispiel: Ein Betroffener wurde jahrelang von seiner Frau drangsaliert: Er war Firmeninhaber, durfte die Wohnung nur zum Arbeiten verlassen. Sie hatte ihm das Geld abgenommen und den Freundeskreis eingeschränkt. Ihm war gar nicht bewusst, dass es so schlimm ist. Bis er eines Tages zur Apotheke wollte, um sich ein Halsschmerzmittel zu holen. Da ist ihm schlagartig klargeworden: Ich muss jetzt hier weg. Da ist er mit dem Auto weggefahren und weggeblieben. Das war der Augenblick, in dem er angefangen hat, sich Hilfe zu holen.

So ein krasser Fall wäre sicher ein Anwärter für eine Schutzwohnung. In Deutschland gibt es bundesweit nur 46 Schutzplätze für Männer in fünfzehn Wohnungen – und das auch nicht in jedem Bundesland. Warum ist das Angebot so klein?

Professionelle Beratung kostet Geld. Das Thema Männergewaltschutz steht da bei vielen Ministerien auf Landesebene nicht weit oben auf der Tagesordnung. Mit Ausnahme von Sachsen sind die bisherigen Schutzwohnungen bundesweit nur Pilotprojekte – die weitere Finanzierung nach der Projektphase ist offen. Dabei ist es wichtig für die Gesellschaft, dass auch Männern geholfen wird. Denn jeder, der keine Hilfe bekommt, kann abrutschen und geht der Gesellschaft verloren.

Wie meinen Sie das?

Männer, die keine Hilfe finden, können frustriert werden und sich von der Gesellschaft und unseren demokratischen Werten abwenden. Frustrierte Väter, die ihre Kinder nicht mehr sehen können, driften teilweise in sogenannte „männerrechtlerische Kreise“ ab. Das können auch rechtspopulistische Gruppen sein, die permanent gegen den Staat und unsere demokratische Grundordnung wettern, und Verbesserungen nicht mehr wahr oder ernst nehmen. Solche Gruppen sind maßgeblich vom Alleinsein der Männer getrieben. Männer meinen dann schon mal, sie müssten selbst für Ordnung sorgen, weil es sonst niemand tut.

Das ist eine Entwicklung, die wir deutlich beobachten können und der man entgegenwirken muss. Ich hoffe, dass das Thema noch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rückt und auch in der Politik ernster genommen wird. Es ist so leicht, dem Klischee zu folgen, dass Männer Täter sind und Frauen Opfer. Aber das bildet die Realität nicht ab.


Quellen:

  • Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz: Männerschutzeinrichtungen in Deutschland Nutzungsstatistik 2022. https://www.maennergewaltschutz.de/... (Abgerufen am 13.12.2023)