„Für meine Kinder bin ich der Hallwachs“

Der Mann mit der markanten Stimme: Hans Peter Hallwachs ist Schauspieler und Hörspielsprecher. Der dreifache Vater spricht über exotische Hobbies, das Älterwerden und Kinder

von Thomas Röbke, aktualisiert am 29.12.2015

Charakterdarsteller: Hans Peter Hallwachs

Sabine Brauer Photos/Neugebauer

Wie sind Sie zu dem exotischen Hobby des Kyudo, des japanischen Bogenschießens, gekommen?

Die Lebensart der Samurai und ihre Art, den Bogen oder das Schwert zu führen, hat mich schon immer fasziniert. Denn dahinter steht ein hoher geistiger Anspruch. Dann musste ich für einen Film ein paar Kyudo-Lehrstunden nehmen – und seitdem hat mich Kyudo nicht mehr losgelassen.

Sie müssen dafür nicht einmal das Haus verlassen ...

Ich schieße jeden Morgen nach dem Aufstehen auf mein Makiwara im Wohnzimmer, das ist ein scharf gebundenes Reisstrohbündel. Damit fängt der Tag gut an, da kann ich viel dran sehen. Ob ich wackle, ob ich gut stehe, ob ich im Kopf sauber bin.

Beschäftigt Sie das Thema Älterwerden?

Ja, der Abbau des Körpers ist schließlich nicht zu leugnen. Auch wenn es ein paar Tricks gibt, wie die neue Hüfte, die ich mir habe einsetzen lassen. Aber man kann sich auch nicht alles neu machen lassen, dann wäre man am Ende ein Roboter. Ein fremdes Herz zu haben könnte ich gar nicht ertragen.


Ernähren Sie sich besonders gesundheitsbewusst?

Ich bin seit etlichen Jahren Vegetarier, das kommt meinen Blutwerten sehr zugute.

Was hat Sie veranlasst, Vegetarier zu werden?

Die Berichte über Massentierhaltung, Tiertransporte, diese ganze Quälerei. Tiere so zu behandeln, das geht nicht.

Wäre Biofleisch eine Alternative?

Wenn ich Appetit auf Fleisch hätte, würde ich es dort kaufen, wo ich weiß, das Tier hatte ein gutes Leben. Aber diesen Appetit habe ich nicht. Es gibt genug anderes für mich.

Merken Sie so etwas wie Altersweisheit?

Bei mir zu Hause hängt ein gemaltes Porträt, das mich mit etwa 40 Jahren zeigt. Das schaue ich mir oft an und denke: "Den kennste ja kaum." Ich habe extra ein Foto von damals mit in den Rahmen gesteckt, als Beweis: So sah ich tatsächlich mal aus.

Sie sehen das Bild und denken ...

"... mit dem hast du nichts mehr zu tun." Ob die Stufen, die man erreicht hat, nun besser sind oder nicht, kann ich gar nicht sagen. Mal ist es besser, mal nicht. Wenn ich schneller laufen könnte, wäre es besser. Aber da ich das nicht kann, mache ich im Park eine Geh-Meditation, gehe bewusst.

Als Kind lebten Sie in Österreich, gingen aber im schleswig-holsteinischen Plön in die Schule ...

Mein Vater war Tierarzt bei der Wehrmacht und wurde nach Österreich beordert. Nach 1945 mussten alle Reichsdeutschen raus, und wir kamen in die Nähe von Berlin. Später sind wir dann weiter in den Westen.

Ihr Vater ist im Krieg gefallen. Haben Sie Erinnerungen an ihn?

Ich kann nicht mehr trennen, ob sich das Bild, das ich von ihm habe, aus Erlebtem speist oder aus Erzählungen. Aber ich weiß, dass ich ihm übel nahm, dass er in Russland erschossen worden war.

Wie das?

Ich fühlte mich im Stich gelassen. Warum kommt er nicht, warum ist er nie da? Man ist als Kind ein bisschen grob mit seinen Eltern. Heute komme ich mir etwas schäbig dafür vor und frage mich: Wie konntest du Esel so rücksichtslos denken?

Planen Sie viel, oder nehmen Sie das Leben, wie es kommt?

Ich erinnere mich nicht, dass von mir Geplantes von besonderem Erfolg gekrönt war. Man muss nicht grübeln und warten, man muss machen.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Früher dachte ich, es wäre "Carpe diem". Aber mit dem Alter merke ich, dass ich lieber eine Stunde länger schlafe, als den Tag früh zu fangen.

Welche Fähigkeit würden Sie gerne besitzen?

Schreiben. Ich bewundere das und versuche es schon seit Langem. Aber wenn ich mich hinsetze und anfange, etwas zu schreiben, das haut nicht hin. So lese ich lieber. Shakespeare, ein Stück nach dem anderen.

Wollten Sie immer schon Schauspieler werden?

Das war in der Schule sehr schnell klar. Wir hatten einen wunderbaren Englischlehrer, der uns Shakespeare nahegebracht hat. Ich habe mal vor der Klasse ein paar "Macbeth"-Monologe aufgesagt und merkte plötzlich, dass mir die Mitschüler gebannt lauschten. Das war sicher eine Initialzündung. Auch Kleist legt einem eine begeisternde Sprache in den Mund, die ich rückhaltlos bewundere. Ich bin dankbar dafür, wenn ich so etwas sprechen darf.

Haben Sie Clara, Ihrer jüngsten Tochter, Klassiker vorgelesen?

Ja.

Kleist für Kinder – ist das nicht eine Überforderung?

Bei Kleist war sie schon ein bisschen älter. Ich war immer dagegen, zu Kindern wie zu Idioten zu reden. Was sie nicht verstehen, kann man ihnen erklären. Ich verstehe ja auch manches nicht. Wir haben aber auch Kinderbücher mit höchster Spannung gelesen, etwa "Der Herr der Diebe" von Cornelia Funke. Das spielt in Venedig, da sind wir hinterher hingereist und haben die beschriebenen Orte aufgesucht, sofern sie existierten. Da waren wir richtig detektivisch tätig.

Als Clara auf die Welt kam, waren Sie bereits 58 Jahre alt. Wie war das als "alter" Vater?

Ich war sicher kein Spielkamerad mehr für meine Tochter. Kein Vater, der sagt: "Komm, wir laufen jetzt!" Andererseits haben sehr junge Eltern wenig Lebenserfahrung. An der Schule meiner Tochter habe ich mal eine Shakespeare-Gruppe geleitet. Von den Kindern hat sich jedenfalls keines über mein Alter beschwert.

Ihre Kinder haben Sie immer mit "Hallwachs" angesprochen. Das klingt schräg ...

Hans Peter fand ich immer blöd. Deshalb bin ich der Hallwachs für sie.

Warum nicht einfach "Papa"?

Nein, Papa ist mir ganz scheußlich. Papageno wäre gut, aber Papa ist zu kurz. Oma und Opa mag ich auch nicht und mit i hinten schon gar nicht. Es gefällt mir einfach nicht.

Zur Person:


Hans Peter Hallwachs

/hgm-press
  • Hans Peter Hallwachs: geboren am 10. Juli 1938 in Jüterbog (Mark Brandenburg)
  • Bühne: Bis 1961 besuchte der Sohn eines Tierarztes die Schauspielschule in Berlin. Es folgten Engagements an den großen Bühnen in Salzburg, Hamburg, München und Berlin. Ab den 1970er-Jahren wurde er zum gefragten Darsteller in Kino und Fernsehen. Außerdem wirkte Hallwachs bei zahlreichen Hörspielproduktionen mit.
  • Privat: Hallwachs war zweimal verheiratet und hat zwei Töchter (56 und 19 Jahre) sowie einen Sohn (38). Er lebt in Berlin.

 


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