Woran kann man eine Altersdepression erkennen?
Die Altersdepression ist kaum auf den ersten Blick erkennbar. „Oftmals versteckt sie sich hinter rein körperlichen Beschwerden, die keiner anderen Grunderkrankung oder Nebenwirkungen von Medikamenten zugeordnet werden können. Dazu zählen Übelkeit, Herzklopfen, Bauchschmerzen und Schwindel- oder Schwitzanfälle“, sagt Professorin Dr. med. Kerstin Wessig, Altersforscherin am Lehrstuhl für Medizin und Gerontologie an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. „Deswegen ist es sogar für den behandelnden Arzt oftmals schwierig, eine Altersdepression frühzeitig festzustellen.“
Deutlicher wird es meistens erst, wenn weitere Zeichen hinzukommen: Wenn einst wichtige Aktivitäten auf einmal keine Freude mehr machen, die Stimmung über mehrere Tage hinweg gedrückt ist und ein Mensch sich zunehmend in die eigenen vier Wände zurückzieht. Auch Warnzeichen: wenn Gedächtnisstörungen und ein mangelndes Selbstwertgefühl dazu führen, dass die eigenen Wünsche immer mehr in den Hintergrund geraten: „Dafür bin ich doch sowieso zu alt“, „mir ist alles egal, ich bin nutzlos“ – spätestens dann sollte dringend geholfen werden. Den Betroffenen selbst fällt es meist schwer, die Altersdepression zu erkennen. „Erkrankte halten ihre Beschwerden häufig für Begleiterscheinungen des normalen Alterungsprozesses. Das führt dazu, dass diese gar nicht erst benannt werden und die Altersdepression nicht oder erst spät entdeckt wird“, so Wessig.
Trauer ist nicht gleich Altersdepression, oder?
Reaktionen auf einschneidende Lebensereignisse wie etwa der Verlust des Partners oder der Selbstständigkeit sind von der Altersdepression abzugrenzen. Aber gerade die Einsamkeit im Alter kann den Übergang einer Trauerreaktion in eine Altersdepression fördern.
Wie häufig ist die Altersdepression?
Gerade weil beim Arzt oder im Umfeld mehr die körperlichen Beschwerden betont werden, wird die Altersdepression viel zu selten diagnostiziert. Zugleich ist sie aber die häufigste psychische Erkrankung im höheren Alter. Bei zehn bis 15 Prozent der älteren Menschen über 65 Jahren finden sich Symptome einer depressiven Verstimmung. Bei Menschen in Seniorenheimen sind es sogar 40 Prozent. Allerdings wird nur bei zehn bis 20 Prozent die Diagnose ‚Altersdepression‘ gestellt. Mehr als 25 Prozent aller Selbsttötungen finden sich jedoch im Kreis der Über-60-Jährigen. Die Dunkelziffer der Suizidversuche ist noch sehr viel höher.
Wer ist besonders gefährdet?
„Frauen sind grundsätzlich eher von Depressionen unterschiedlichster Ursachen betroffen als Männer, insbesondere wenn sie ohne soziale Unterstützung leben“, erklärt Wessig. Altersdepressionen haben häufig psychosoziale Ursachen: Wenn beispielsweise ein geliebter Mensch verloren wird oder der Freundeskreis in die Brüche geht, stürzt für viele Menschen eine Welt zusammen. „Leider sind aber auch Armut und die dadurch gefühlte Hoffnungslosigkeit, sowie Mangel- und Unterernährung eine Ursache“, so die Expertin. „Weil sich bei Depressiven überhöhte Mengen des Stresshormons Cortisol im Blut und im Urin finden, lässt sich die Depression daher auch als eine Antwort auf chronischen Stress verstehen.“
Gibt es typische Warnzeichen?
Die Altersdepression und die Demenz weisen relativ ähnliche Symptome auf. Zu den Zeichen, die eher auf eine Depression hindeuten, zählen Klagen über einen geistigen Abbau, Appetit- und Gewichtsverlust, Tagesschwankungen in der Stimmung und im Antrieb, depressive Gedanken, sowie Schlafstörungen. Diese Symptome sind meist von kurzer Dauer, werden aber im Gegensatz zur Demenz in der Regel sehr detailliert geschildert. Natürlich dürfen dabei die familiäre oder persönliche Vorgeschichte und früher durchlebte Störungen nicht außer Acht gelassen werden.
Welche Rolle spielt der Schlaf für die Entstehung einer Altersdepression?
„Der Schlaf spielt bei Depressionen eine entscheidende Rolle. Gesunder und erholsamer Schlaf ist eine wichtige Voraussetzung, um Depressionen zu vermeiden“, sagt Dr. Herbert Plischke. Seit 2004 ist er Alters- und Hirnforscher und Leiter des Generation Research Programms an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Während des Schlafs laufen viele wichtige Gehirnprozesse ab.
Wie häufig ist Schlaflosigkeit im höheren Alter?
„Die Zeit des Schlafens wird mit zunehmendem Alter immer weniger. Das ist an und für sich ein normaler Vorgang“, so Plischke. Darüber hinaus verschiebe sich der Schlaf-Wach-Rhythmus in die früheren Abendstunden, ergänzt Kerstin Wessig. Das führt dazu, dass ältere Menschen abends früher müde und morgens früher wach sind. „Problematisch ist, dass damit auch eine Verschiebung der inneren Uhr und der Ausschüttung von Hormonen und Nervenbotenstoffen einhergeht“, so die Expertin. Gerade weil diese Verschiebungen zu wenig bekannt sind, nehmen Schlafstörungen im Alter stark zu. Sie müssen sehr ernst genommen werden, denn Studien haben bewiesen, dass Schlafstörungen die Lebenserwartung drastisch verkürzen.
Viele Ältere möchten gerne das Fernsehprogramm am späten Abend noch erleben und versuchen dafür tagsüber zusätzlich zu schlafen. Die Folge ist, dass die körpereigene Schlafsteuerung weiter gestört wird – ein Teufelskreis entsteht, von dem vor allem die ‚Nachteulen‘ ganz besonders betroffen sind. „So kommt es, dass viele Menschen mit zunehmendem Alter mit einem Maß der Schlaflosigkeit zu kämpfen haben, das die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit stark einschränkt. Aus dem gestörten Biorhythmus geht eine ständige, quälende Müdigkeit hervor und die Gefahr für eine Depression wird enorm erhöht“, erklärt Herbert Plischke. Jetzt können eine Beratung im Schlafmanagement und eine Lichttherapie helfen.
Welche Rolle spielt Lichtmangel für die Entstehung einer Altersdepression?
Die optischen Medien im Auge, wie etwa die Hornhaut oder die Linse, lassen bei älteren Menschen immer weniger Licht durch. Die Folge ist einerseits, dass mit zunehmendem Alter immer höhere Lichtstärken beispielsweise zum Lesen benötigt werden. Andererseits kommt aber auch immer weniger sogenanntes ‚biologisch-wirksames Licht‘ durch. Dieses Licht hat allerdings großen Einfluss auf das Schlafhormon Melatonin und das Glückshormon Serotonin.
Noch eine weitere Erkenntnis muss bei älteren Menschen berücksichtigt werden: „Die Wissenschaft hat 2001 einen neuen Rezeptor im Auge entdeckt, der für die blauen Lichtanteile – vor allem der Sonne – empfänglich ist. Tagsüber unterdrücken diese Blauanteile die Ausschüttung des Melatonins, damit es nachts für einen guten Schlaf freigesetzt werden kann“, so Dr. Plischke. Problematisch sei, dass dieser Rezeptor mit zunehmendem Alter immer schwächer werde. Das Melatonin wird tagsüber also schlechter gespeichert. Die Folge ist Müdigkeit tagsüber und Schlafmangel nachts. „Lichtmangel zum falschen Zeitpunkt bringt den Stoffwechsel vieler Hormone durcheinander. Bei älteren Menschen ist hier neben dem Melatonin auch das Serotonin stark betroffen, das für Glücksgefühle sorgt“, fügt Wessig hinzu.
Kann die Sonne also Depressionen heilen?
Die positive Wirkung der Sonne ist vor allem durch die sogenannten SAD’s (Seasonal Affective Disorder) bekannt geworden. Dazu zählt etwa die Winterdepression, die durch Lichtmangel entsteht. „In nordischen Staaten, wo die Sonnenzeit kürzer ist als bei uns, ist daher die Depressions- und Selbstmordrate deutlich höher“, erzählt Herbert Plischke. Das beste Gegenmittel sei daher ein ausgedehnter Urlaub in der Sonne. „Erinnern Sie sich an Ihren letzten Urlaub: Selbst wenn Sie den ganzen Tag über nichts Anstrengendes getan haben, haben Sie nachts gut geschlafen, da die Melatoninspeicher durch die Sonne optimal aufgefüllt waren.“ Sich zum richtigen Zeitpunkt dem Sonnenlicht auszusetzen, könne die Stimmung und den Antrieb wesentlich verbessern und den Schlafrhythmus regulieren, ergänzt Wessig. Pflegekräfte in Seniorenheimen sollten dies berücksichtigen und die Älteren bei schönem Wetter unbedingt nach draußen bringen. Natürlich darf auch die körperliche Bewegung nicht vernachlässigt werden.
Wie kann eine Altersdepression behandelt werden?
„Neben der Lichttherapie kann ein therapeutisch gesteuerter Schlafentzug eine schnelle Hilfe bringen. Auch Lithiumsalze und Antidepressiva können gute Hilfe leisten, allerdings wirken diese erst nach einigen Wochen“, erläutert Wessig. Insbesondere die Psychotherapie und die Einbindung Älterer in ihr familiäres und ihr Wohnumfeld wirken der Altersdepression entgegen. Wichtig ist auch eine gute familiäre, ärztliche und seelsorgerische Begleitung, um schwierige Lebenskrisen und Trauerreaktionen im Alter zu bewältigen.
Wie sollen Angehörige mit der Erkrankung umgehen?
Wichtig ist, dass Angehörige die Kranken nicht stigmatisieren. Aus Angst vor der Verschlimmerung wird nicht selten der Fehler gemacht, die Betroffenen durch immerwährende Aufmunterung unter Druck zu setzen, möglichst rasch wieder gesund zu werden. „Häufig ist zu erleben, dass Angehörige die Erkrankung herunterspielen und wie der Depressive selbst die Depression als eine vorübergehende Episode betrachten, die ohne Behandlung vorübergeht“, warnt Kerstin Wessig. Angehörige sollten die Erkrankung unbedingt ernst nehmen und sich um eine Therapie kümmern.
Bastian Fersch / www.senioren-ratgeber.de;
05.08.2005, aktualisiert am 07.10.2011
Bildnachweis: Stockbyte/ RYF
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