Eine neue Sprache lernen? Yes, you can!

Im Alter Englisch pauken? Klingt verrückt, tut aber gut. Spätlerner vergessen zwar öfter Vokabeln, dafür haben sie andere Stärken: Zeit, Disziplin und Erfahrung

von Katja Töpfer, aktualisiert am 16.10.2015

Gemeinsam zur Fremdsprache: Die Motivation steigt beim wöchentlichen Lerntreff

Fotolia/Claudia Paulussen

"The roses were so colourful", schwärmt eine Kursteilnehmerin von ihrer Gartenreise durch Südwales. Schnell ist das Thema für die kommenden 90 Minuten gefunden – Flora und Fauna und ganz viele neue Vokabeln für Gartenliebhaber. "The lilac in my schrebergarden is blooming", erzählt eine andere, und ein Dritter beschreibt, worauf er beim Beschneiden seiner Appletrees achtet. "What does Kugelbuxbaum mean in English?" Bei dieser Frage eines älteren Herrn muss die Englischlehrerin kurz überlegen. "I think Buxbaum is Buxbaum. Easy!"


Jeden Mittwoch trifft sich die Seniorengruppe in der Münchner Volkshochschule (vhs), um miteinander Englisch zu sprechen, sich spielerisch neue Vokabeln zu erarbeiten und nebenbei grammatikalische Fragen zu klären. Die Seniorenrunde an der Münchner vhs ist hier keine Ausnahme. Viele Deutsche entscheiden sich dafür, im Rentenalter eine Fremdsprache zu lernen. Eine Auswertung der Teilnehmerzahlen an Volkshochschulen zeigt, dass 20 Prozent der Kursteilnehmer in Sprachkursen zwischen 50 und 64 Jahre alt sind, etwa sieben Prozent sind 65 Jahre und älter.

Fitness für das Gehirn

Was macht dieses Hobby unter Älteren so beliebt? Diese Frage stellte die Sprachlehrforscherin Annette Berndt von der Technischen Universität Dresden Senioren, die sich für einen Sprachkurs angemeldet hatten. Dabei zeigte sich, dass Spätlerner sehr ähnliche Motive antreiben. Vielen war es wichtig, im Alltag eine sinnvolle Aufgabe zu haben. Andere träumten schon als Kind davon, eine Fremdsprache zu lernen, hatten aber keinen Unterricht in der Schule. Auch der Wunsch zu reisen war für viele Spätlerner eine Triebfeder.

Das Lernen einer neuen Sprache fasziniert Hirnforscher und Lernpsychologen, denn es fordert all unsere Sinne. Wir müssen denken, die richtigen Laute mit dem Mund formen, uns in unser Gegenüber hineinversetzen – und das alles gleichzeitig. "Das Lernen einer Sprache ist neben dem Musizieren die komplexeste Hirnaktivität überhaupt", sagt Dr. Björn Schott vom Leibniz-Institut in Magdeburg. Der Hirnforscher untersucht, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir etwas lernen.

Unser Gehirn giert nach Neuem

Lange Zeit trauten Hirnforscher älteren Menschen in Sachen Lernen wenig zu. Nach der Pubertät sei das Gehirn fertig verdrahtet, danach würde das Lernen nicht mehr so gut funktionieren, besagte ihre Theorie. Heute weiß man, dass das ein Irrtum war. Unser Gehirn will und kann immer lernen, egal wie alt wir sind. Das zeigen auch die Forschungsergebnisse von Arne May.

Der Hamburger Neurowissenschaftler ließ für sein Experiment 24 Frauen und 20 Männer im Alter zwischen 50 und 67 Jahren drei Monate lang das Jonglieren üben. Das Ergebnis: Die Senioren lernten die Ballkunststücke ähnlich gut wie Jüngere, sie brauchten nur etwas länger dazu. Vor und nach dem Training machte May computertomografische Aufnahmen von den Gehirnen der Testpersonen. Dabei stellte er fest, dass der sogenannte Hippocampus gewachsen war, jener Teil des Gehirns, der für das Lernen zuständig ist.

Keine Angst vor Fehlern

Auch wenn es etwas länger dauert, bis die Vokabeln sitzen, hat Inge Reber (Name von der Redaktion geändert) nicht bereut, sich für einen Spanischkurs angemeldet zu haben. "Das hält meinen Geist fit", ist sie überzeugt. Tatsächlich zeigen Studien, dass Menschen, die eine Fremdsprache beherrschen, seltener an Demenz erkranken als Menschen, die nur ihre Muttersprache sprechen. Die gute Nachricht: Es ist nicht zu spät, mit dem Lernen zu beginnen. Hirnforscher Schott rät Spätlernern, eine Sprache zu wählen, die ihnen nicht völlig fremd ist. Wer als Kind etwas Englisch gelernt hat, knüpft im Alter leichter daran an. Wer früher die Ferien häufig in Frankreich verbrachte, hat noch ein paar Sätze parat und erinnert sich schnell.

Vom Wunsch nach Perfektionismus sollte man sich jedoch verabschieden. Bestimmte Dinge kann man im Alter nicht mehr perfekt lernen, etwa die Aussprache: Die Fähigkeit, eine Sprache akzentfrei zu sprechen, verlieren wir schon im Grundschulalter. Auch grammatikalische Regeln können wir als Erwachsene nicht mehr so leicht verinnerlichen. Darauf kommt es auch nicht an. "Zuerst hatte ich ein wenig Hemmungen. Dann habe ich einfach drauflosgeredet", erzählt die Wales-Reisende. Dass ihr dabei auch Fehler unterliefen, war eher lustig als peinlich für die Seniorin. "Einmal habe ich zum Frühstück versehentlich garbage (Müll) statt oat flakes (Haferflocken) bestellt."


Tipps und Adressen

  • Hingehen: Volkshochschulen sind der größte Anbieter von Sprachkursen in Deutschland. Viele haben spezielle Angebote für Senioren. Im Vergleich zu privaten Instituten sind die Kurse an Volkshochschulen in der Regel günstiger.
  • Üben: Gute Sprachführer kombinieren alltagstaugliche Phrasen und kleine Sätze mit Hinweisen zur Satzbildung und zur Grammatik. Gut sind auch Lehrbücher, die mit CDs arbeiten. Mit ihnen lassen sich die Aussprache und das Hörverstehen trainieren.

Marga Prahl (75) lernt mit Spaß, aber ohne Ehrgeiz

W&B/Katja Zimmermann

"Nice to meet you!" (Schön, Sie kennenzulernen!)

Seit vier Jahren besuche ich den Englischkurs "Teatime" an einer Lübecker Sprachschule. Die älteste Teilnehmerin ist 81 Jahre alt. Bei Kaffee und Kuchen sprechen wir über Themen, die uns interessieren. In der vergangenen Woche haben wir uns zum Beispiel über Pflanzen und Vögel unterhalten und nebenbei etliche neue Vokabeln gelernt. Diese Treffen bereichern mein Leben und geben mir Struktur. Wir sind eine lustige Truppe, lachen viel, denn wir haben in unserem Alter keinen Lernzwang mehr. Durch die Übungen im Kurs und die Hausaufgaben lerne ich sehr viel dazu. Das hält mein Gehirn fit.


Inge Reber (Name von der Redaktion geändert) tanzt gern beim Lernen

W&B/Bernhard Kahrmann

"He reservado una mesa." (Ich habe einen Tisch reserviert.)

Ich mag den Klang der spanischen Sprache. In der Schule hatte ich Latein, das ist eine gute Basis und erleichtert das Lernen. Seit sechs Jahren besuche ich einen Spanisch-Kurs an der Volkshochschule. Unsere Lehrerin ist Spanierin und hat immer tolle Ideen für den Unterricht, gerade lesen wir gemeinsam einen spanischen Roman. Auch zu Hause übe ich ab und zu. Manchmal übersetze ich Texte, am liebsten lerne ich neue Vokabeln jedoch beim Flamenco-Tanzen, meiner zweiten Leidenschaft. Ich lebe allein, meine Hobbys geben mir eine schöne Aufgabe und vertreiben die Einsamkeit. Im Kurs habe ich neue Menschen kennengelernt. Das hat mir gutgetan.


Hans-Eberhard Pradel (80) aus Meppen

W&B/Martin Egbert

"Lei, come  si chiama?" (Wie heißen Sie?)

Meine Liebe zu Italien erwachte auf einer Reise nach Neapel. Gleich im Anschluss daran meldete ich mich bei einem Italienischkurs an. Das ist 50 Jahre her, und ich feile noch immer an meinem Italienisch. Im Ruhestand hatte ich die Chance, über ein Senioren-Stipendium eine Sprachreise nach Italien zu machen. Das Stipendium ist ausgelaufen, aber die Sprachreise mit Einzelunterricht gönne ich mir auch heute einmal im Jahr. In ein paar Tagen fahre ich wieder in die Toskana. Mit meinem Sprachlehrer lese ich italienische Lyrik, wir analysieren politische Texte und klären nebenbei grammatikalische Fragen. Mein Italienisch ist heute so gut wie nie zuvor.


Professor Wolfgang Butzkamm lehrte Englisch und Didaktik in Aachen und unterrichtet Deutsch für Migranten

W&B/Privat

"In ganzen Sätzen"

Herr Professor Butzkamm, Auswendiglernen fällt vielen älteren Menschen schwer. Kann man eine Sprache lernen, ohne zu pauken?

Eine Fremdsprache ist eine vollkommen neue Klangwelt. In diese sollten wir eintauchen und uns mit ihr vertraut machen. Das funktioniert am besten über genaues Hören und Nachsprechen und nicht über starres Auswendiglernen.

Wie kann das gelingen?

Ein guter Weg ist es, gemeinsam mit einem Lernpartner kleine Alltagsdialoge einzuüben, das ist Theaterarbeit im Kleinen. Auch in einem Kurs kann man sich regelmäßig gemeinsam kleine Stücke erarbeiten. Dabei geht es nicht um einzelne Wörter, die Kursleiter sollten vielmehr mit kleinen Äußerungen und ganzen Sätzen arbeiten.

Was verdirbt Spätlernern die Lust an einer Fremdsprache?

Ich würde von Kursen abraten, in denen nur die Fremdsprache gesprochen wird und Deutsch tabu ist. Gerade für Anfänger ist das problematisch. Denn für den Einstieg in eine neue Sprache braucht man auch die Muttersprache. Eines sollten sich Spätlerner zudem klarmachen: Ohne Wiederholen und Üben geht es nicht.



Bildnachweis: W&B/Martin Egbert, Fotolia/Claudia Paulussen, W&B/Privat, W&B/Katja Zimmermann, W&B/Bernhard Kahrmann

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