Aneurysma: Gefährliche Aussackungen

Die Aorta oder Hauptschlagader ist das größte Blutgefäß im menschlichen Körper. Nimmt ihre Wand Schaden, können sich gefährliche Aussackungen bilden, die oft lange unbemerkt bleiben

von Stephan Soutschek , 06.10.2016

Aussackungen in der Aorta: Vor allem Männer sind betroffen

Shotshop/DC2

Die Blutgefäße sind die Straßen im menschlichen Körper. So wie die Verkehrswege einer Stadt sicherstellen, dass die Bewohner von ihrem Zuhause in die Arbeit kommen, sorgen die Adern im Organismus dafür, dass Nährstoffe, Hormone und Abwehrzellen dorthin gelangen, wo sie benötigt werden – oder Schadstoffe so schnell wie möglich entsorgt werden. Und wie jede Stadt bestimmte Straßen hat, die einen Großteil des Verkehrsaufkommens bewältigen müssen, hat auch der Körper seine Hauptstraße: die Aorta.

Aorta verteilt das Blut im Kreislauf

Die Aorta – auch Hauptschlagader genannt – ist die größte Arterie im menschlichen Körper. Arterien heißen die Gefäße, die das Blut vom Herzen zu den Organen und dem übrigen Gewebe befördern. In der Aorta nimmt der Blutkreislauf vom Herzen aus seinen Anfang. Von ihr aus verteilt es sich auf die verschiedenen Körperregionen. Das komplette Blut fließt durch die Aorta.


Die Form der Aorta ähnelt einem Spazierstock: Sie entspringt an der linken Herzkammer, verläuft dann zunächst etwas nach oben, um im sogenannten Aortenbogen einen Schwenk nach unten zu vollziehen und sich schließlich auf Höhe der Lenden in die beiden Beckenschlagadern aufzuteilen. Während dieses Verlaufs zweigen immer wieder größere Gefäße ab, die das Blut zu den verschiedenen Organen führen.

Windkesselfunktion: Aorta fängt Druck des Herzens ab

"Die Wände der Aorta sind sehr elastisch", sagt Professor Hans-Henning Eckstein, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie am Klinikum Rechts der Isar an der Technischen Universität München. Das müssen sie auch sein. Denn die Aorta federt den Druck ab, mit dem das Herz in der Auswurfphase (Systole) das Blut in die Gefäße pumpt. Indem die Wände der Hauptschlagader sich erweitern, sorgen sie dafür, dass der Blutfluss gleichmäßiger verläuft und der Blutdruck in den übrigen Gefäßen geringer ist. Wäre dieser zu hoch, könnte das die kleineren Adern wie die Kapillargefäße schädigen. Dieser Druckausgleich heißt auch Windkesselfunktion.

Aneurysmen: Gefährliche Erweiterungen

Wie bei anderen Blutgefäßen können Kalkablagerungen an den Wänden die Aorta beschädigen. Allerdings droht die Gefahr weniger in Form von Engstellen, die in den Herzkranzgefäßen etwa einen Infarkt auslösen können, sondern durch Erweiterungen. Mediziner sprechen hier von Aneurysmen. Diese entstehen, wenn zum Beispiel Entzündungen oder Verletzungen das Gewebe der Gefäßwand schwächen, sodass sich Aussackungen bilden.

Weitet sich die Aorta an einer Stelle zu stark, kann sie dort platzen. "Eine solche Situation ist akut lebensgefährlich", sagt Gefäßspezialist Eckstein. Betroffene drohen in kurzer Zeit innerlich zu verbluten. Das Tückische an Aortenaneurysmen: Sie verursachen zunächst keine Beschwerden. Erst wenn sie reißen, machen sie sich mit starken Schmerzen bemerkbar.

Wenn der Riss in Längsrichtung innerhalb der Gefäßwand passiert, liegt eine sogenannte Dissektion (Wandspaltung) vor. Blut kann in den neuen Hohlraum gelangen und abgehende Gefäße zusammendrücken, sodass es zu schwerwiegenden Durchblutungsstörungen in den entsprechenden Körperbereichen kommt. Meist treten außerdem plötzliche, massive Schmerzen auf. Auch die Dissektion der Aorta ist lebensbedrohlich.

Risikofaktoren für Aneurysmen in der Aorta

Aneurysmen treten vor allem in der Bauchschlagader auf. Etwa ein Prozent der Bevölkerung besitzt wohl ein solches Bauchaortenaneurysma, Raucher überdurchschnittlich häufig. Männer sind rund fünfmal öfter betroffen als Frauen. Und auch die Gene und das Alter spielen eine Rolle. Je älter jemand ist, desto größer ist die Gefahr, dass sich ein Aneurysma in der Aorta bildet. Zudem begünstigen Faktoren, die zu Gefäßverkalkungen beitragen, auch die Aussackungen – also etwa Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte.

Eckstein rät Rauchern und Männern, ab dem 65. Lebensjahr einmal jährlich die Hauptschlagader mittels Ultraschall überprüfen zu lassen. Zumindest im Bauch lassen sich Aneurysmen so frühzeitig entdecken. Eine britische Studie aus dem Jahr 2012 kam zu dem Schluss, dass bei Männern über 65 Jahren frühzeitige Todesfälle vermieden werden können, wenn diese sich flächendeckend dem Vorsorgecheck unterziehen. In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen allerdings nicht die Kosten für die Vorsorge-Ultraschalluntersuchung der Aorta.

Aneurysma vorbeugen und behandeln

Bei einem gerissenen Aneurysma kommt es auf jede Sekunde an. In der Regel ist eine Notfall-Operation notwendig. Ist die Schlagader nur geweitet, aber noch intakt, kommt es unter anderem auf die Größe der Aussackung an, ob ein chirurgischer Eingriff sinnvoll ist. Je größer der Durchmesser des Gefäßes an der Stelle, desto höher das Risiko, dass es einreißt. Eine Möglichkeit besteht darin, die Ausweitung zu entfernen und durch eine Gefäßprothese zu ersetzen. Manchmal kann auch eine Gefäßprothese eingelegt werden (endovaskuläre Therapie). Anschließend ist unter anderem eine gute Blutdruckeinstellung wichtig.

Besser ist, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen. "Einige Risikofaktoren wie Geschlecht oder Gene kann ich nicht ändern. Andere dagegen schon", sagt Eckstein. Wer raucht, lässt also in Zukunft am besten seine Finger von den Glimmstengeln. Viel bewegen, gesund ernähren und Übergewicht vermeiden trägt ebenfalls dazu bei, Bluthochdruck und Kalkablagerungen zu vermeiden. Und das schützt mit der Aorta nicht nur die Hauptstraße in unserem Gefäßsystem – sondern gleichzeitig alle Nebenstraßen, die Organe und Gewebezellen mit Nährstoffen versorgen.

So behandelt der Arzt ein Aneurysma


W&B/Sczcesny

Eine Aussackung (Aneurysma) der Bauchschlagader entsteht meist unterhalb der Nieren. Die Schlagader (Aorta) ist ballonförmig erweitert.


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Offene Operation:

Bei der klassischen Operation öffnet der Chirurg den Bauch. Die Aorta wird abgeklemmt, die Prothese eingesetzt, der Blutfluss wieder freigegeben. Der aufgeschnittene Aneurysma-Sack wird über der Prothese vernäht.


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Katheter-Operation:

Über die Leistenarterie wird eine Gefäßprothese in das Aneurysma geschoben. Dort entfaltet sich die Prothese und dichtet das Aneurysma von innen ab.



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