Chronische Verstopfung: Was hilft?

Manchmal scheint bei chronischer Verstopfung kein Mittel zu wirken. Doch mit einer passgenauen Behandlung lässt sich die Verdauung meist wieder anregen
von Heidi Loidl, 17.07.2017

Obstipation: Längere Toilettensitzungen sind nicht sinnvoll

W&B/Fotolia

"Bin ja selber schuld." Heike Pfäffle-Planck hört das oft, ausgesprochen, meist aber unausgesprochen. "Menschen mit Verstopfung spielen ihr Problem nicht selten herunter, ja schämen sich dafür", sagt die promovierte Apothekerin. Von Schuld kann aber keine Rede sein. "Und dass man ‚einfach nur‘ gesünder leben muss, um das Problem in den Griff zu kriegen, stimmt für viele Betroffene schlicht nicht."

Keine Scheu vor Medikamenten bei Verstopfung

Immer mehr setzt sich die Auffassung durch, dass die chronische Verstopfung ein eigenständiges Krankheitsbild ist und nicht nur eine Befindlichkeitsstörung. Erst 2013 hat eine Gruppe von Experten Empfehlungen zur Behandlung der chronischen Verstopfung erarbeitet. Wer allein nicht zurechtkommt, sollte professionelle Hilfe suchen und Medikamente nehmen.

Die chronische Verstopfung ist eine der häufigsten Gesundheitsstörungen. Fünf bis 15 Prozent der Deutschen sind betroffen, Frauen öfter als Männer. Dass Ältere eher damit zu tun haben, hat mehrere Gründe. Einmal bringen es die Jahre mit sich, dass der Darm träger wird. Manchmal stecken auch Krankheiten wie Diabetes oder Parkinson dahinter. Nicht selten ist sie eine Nebenwirkung bestimmter Medikamente.

Wenn ein älterer Kunde "was zum Abführen" verlangt, hat Apothekerin Pfäffle-Planck daher viele Fragen. Zuallererst: Wie lange haben Sie das schon? Haben Sie weitere Beschwerden? "Kam die Verstopfung plötzlich und zeitgleich mit starkem Bauchweh, muss ein Arzt draufschauen", sagt sie. Auch wenn die Verstopfung erstmals auftritt und Tage anhält, bei Blut im Stuhl, Fieber und unbeabsichtigtem Gewichtsverlust in den vergangenen Wochen, empfiehlt sie, zur Abklärung zum Doktor zu gehen. Ebenso bei Beschwerden, die schon länger als drei Monate andauern.

Obst, Bewegung, Wasser

Ein paar allgemeine Tipps gibt sie ihren Kunden aber schon mal mit auf den Weg: in Bewegung bleiben, viel Gemüse und Obst essen und – wenn verträglich – auch öfter Vollkornbrot. Eineinhalb Liter am Tag trinken, es sei denn, der Arzt sagt etwas anderes. Auch wenn die Anpassung der Lebensweise allein das Problem selten löse, "als unterstützende Maßnahme ist sie doch sinnvoll", erläutert die Apothekerin. Allerdings weiß man heute auch: Die meisten Menschen mit chronischer Verstopfung machen eigentlich alles richtig. Umso wichtiger ist die gezielte Therapie.

Sorgfältige Diagnose

Was viele nicht wissen: Es gibt mehrere Formen der chronischen Verstopfung, die auch verschieden zu behandeln sind. Daher sollte ein Arzt die Diagnose stellen. "Das verlangt keine aufwendige Apparatemedizin", erklärt der Mannheimer Gastroenterologe Professor Heiner Krammer, "fürs Erste ein paar Fragen und eine Tastuntersuchung des Enddarms." Bei der Gelegenheit schickt er aber jeden ab 55, der noch nie zur Darmkrebsvorsorge war, zur Darmspiegelung.

Wie oft gehen Sie zur Toilette? Bis vor Kurzem maßen Mediziner die Krankheit ausschließlich an der Antwort auf diese Frage, erläutert der Magen-Darm-Experte: "Seltener als jeden dritten Tag galt als krankhaft." Viele Patienten quälen sich aber ganz unabhängig von der Stuhlhäufigkeit. Sie haben klumpigen, harten Stuhl, müssen pressen oder mit dem Finger nachhelfen oder fühlen sich danach nicht entleert. Diese subjektiven Beschwerden fließen heute in die Diagnose ein. Krammer schließt daraus auch auf die Form der Verstopfung: eine Passagestörung, bedingt durch einen trägen Darm, oder eine Entleerungsstörung, etwa infolge einer Fehlfunktion des Schließmuskels.

Manche Medikamente wirken stopfend

Zur Spurensuche gehört auch die Frage nach Medikamenten. Schmerzpatienten, die Opiate einnehmen, "kriegen oft gleich ein Abführmittel mit verschrieben", erläutert Krammer.  Auch manche Antidepressiva wirken stopfend, "hier kann der Wechsel auf ein anderes Mittel die Lösung sein". Bei Blutdruckmitteln kann man auf eine andere Wirkstoffgruppe ausweichen. Keinesfalls sollten Patienten eigenmächtig Mittel weglassen. "Dann lieber ein leichtes Abführmittel dazu", so Krammer.

Hilfe für den Darm: Der Dickdarm entzieht dem Stuhl Wasser, dieser dickt ein – je länger er unterwegs ist, umso mehr. Laxanzien zum Einnehmen (links) beschleunigen den Transit, rektale Mittel (rechts) erleichtern die Entleerung

W&B/W&B/Dr. Ulrike Möhle

Einem trägen Darm kommt man vor allem mit Ballaststoffen und Medikamenten bei. Bei der Entleerungsstörung nützt zusätzlich etwa ein Beckenbodentraining gegen eine Fehlfunktion des Schließmuskels oder ein Toilettentraining gegen das Pressen. Als Entleerungshilfen bieten sich Zäpfchen an, die Kohlendioxid freisetzen oder den Stuhl aufweichen.

Bei beiden Formen der Verstopfung schwört Krammer auf Flohsamenschalen. Der lösliche Ballaststoff macht den Stuhl weich. "Hab ich schon probiert, hat nichts gebracht", lässt der Professor nicht gelten. "Man muss Flohsamenschalen fest in den Speiseplan einbauen, etwa im täglichen Müsli, und genug dazu trinken, um eine Wirkung zu erzielen."

Laxanzien: Auf die Dosis kommt es an

Reicht das nicht, sind laut Behandlungsschema Laxanzien im engeren Sinn dran. "Das erfordert viel Zureden, denn Patienten hinterfragen oft die regelmäßige Einnahme, aus Angst, das könnte schon Missbrauch sein", weiß Krammer. "Tatsächlich ist der Laxanzienmissbrauch ein Mythos." Davon kann erst die Rede sein, wenn die Mittel extrem überdosiert werden. "Betroffene sollten auf einen weichen, aber geformten Stuhl achten. Er zeigt an, dass die Dosis stimmt. Das Risiko für Nebenwirkungen ist dann sehr gering", ergänzt Professor Thomas Frieling, Gastroenterologe und Buchautor aus Krefeld.

Patienten müssen auch verstehen: Nur ein voller Darm entleert sich. Ein Abführmittel leert ihn besonders gründlich. Daher dauert es danach etwa drei Tage, bis man wieder "muss". Also nicht gleich am nächsten Tag die nächste Gabe einnehmen.

Verstopfung: Behandlung benötigt Zeit

Das geeignete Mittel, die richtige Dosis, zur rechten Zeit. Das zu finden, ist oft ein längerer Prozess. "Den muss nicht zwingend der Arzt begleiten", sagt Frieling. "Ist die Ursache einmal abgeklärt, ist eine Behandlung auch längerfristig in Eigenverantwortung möglich."

Apothekerin Heike Pfäffle-Planck rät zunächst zu Macrogol. "Es ist, genau wie Bisacodyl und Natriumpicosulfat, wirksam und gut verträglich und daher ein Mittel der ersten Wahl." Kunden dagegen fragen eher nach möglichst schonenden Tees. Vorsicht, warnt die Apothekerin. Faulbaumrinde, Rhabarberwurzel, Sennesblätter und -früchte kämen zwar als Heilpflanzen infrage, "der Wirkstoffgehalt des fertigen Tees kann aber so hoch sein, dass er Durchfall hervorruft". Wünscht jemand ausdrücklich Pflanzliches, empfiehlt sie lieber Flohsamenschalen. Und wenn jemand auf Teekräuter besteht, rät sie zu den Pflanzenextrakten in Tablettenform.

Viele Möglichkeiten bei Verstopfung

Auch Lactulose ist für die Apothekerin nur zweite Wahl, "der Zucker führt leicht zu Blähungen". Sinnvoll kann es aber sein, mehrere Mittel zu kombinieren. "Und für ganz schwierige Fälle gibt es verschreibungspflichtige Mittel", ergänzt Frieling.

In der Therapie der chronischen Obstipation ist heute vieles möglich, auch wenn nicht jeder Patient erreicht, dass es völlig rundläuft. Fest steht aber: Eine chronische Verstopfung bringt kein erhöhtes Darmkrebsrisiko mit sich und wirkt auch nicht lebensverkürzend.     



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