Diagnose Demenz: Wie geht es weiter?

"Sie haben Alzheimer": Keine anderen Worte vom Arzt dürften so gefürchtet sein. Doch Betroffene sind einer Demenz nicht hilflos ausgeliefert
von Kai Klindt, aktualisiert am 29.06.2016

Gedächtnisverlust: Frühe Gegenmaßnahmen können eine Demenz bremsen

Your Photo Today/A1PIX

Wie geht es weiter? Richard Dodel kennt diese Frage von Patienten mit der Diagnose­ Alzheimer. Der Professor von der Universitätsklinik Marburg zeichnet dann eine Kurve. Sie zeigt den mutmaßlichen Verlauf der Erkrankung.

Gleich am Anfang markiert Dodel einen Punkt. "Wir können die Alzheimer-Krankheit mit Medikamenten einfrieren", erklärt der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. "Für sechs, vielleicht auch zwölf Monate." Später schreite die Erkrankung zwar oft fort. "Aber den Gewinn aus der Therapie nehmen Sie mit." Eine Chance auf Aufschub besteht vor allem in frühen und mittleren Phasen – ein Grund, weshalb Dodel für eine rechtzeitige Diagnose wirbt.

Scheu vor der Diagnose "Demenz"

Häufig verstreicht die Gelegenheit. "Nur etwa jeder zweite Demenzkranke wird als solcher diagnostiziert", weiß Professor Frank Jessen, Psychiater an der Kölner Universitätsklinik. "Noch weniger erhalten eine angemessene Therapie."

Das liegt unter anderem daran, dass viele Betroffene – und gelegentlich auch ihre Ärzte – eine Diagnose scheuen. Mehr noch als Parkinson oder Schlaganfall "hat Demenz einen sehr schlechten Klang", bemerkt der Sozialwissenschaftler Peter Wißmann von Demenz-Support Stuttgart. Wer die Nachricht erhält, fürchtet nicht selten, dass jetzt mehr über ihn geredet wird als mit ihm.

Hinzu kommt: Oft lassen sich Demenzleiden, darunter auch Alzheimer, nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Ärzte sprechen von Wahrscheinlichkeit – die aber immerhin hoch genug ist, um darauf therapeutische Ratschläge zu gründen. Zumal die Medizin ihre Untersuchungsmethoden verfeinert hat.

Jede Demenz verläuft anders

"Die Diagnostik hat heute bei Demenzerkrankungen einen ähnlichen Stellenwert wie bei Krebs", meint Experte Jessen. "Sie hilft, über eine Behandlung zu entscheiden, die Beschwerden zu erklären und Patienten und Angehörige zu beraten."

Keine Demenz gleicht der anderen. Zwar treten bei den meisten Spielarten Gedächtnislücken auf. Ansonsten aber ist die Bandbreite möglicher Probleme groß: Bei manchen Patienten verkümmert der Wortschatz, andere tun sich mit einfachen Handgriffen schwer – zum Beispiel Wasser in ein Glas zu gießen. Auch teilnahmsloses Verhalten oder trügerische Wahrnehmungen können Zeichen einer Demenz sein.

Verlauf bei Alzheimer lässt sich bremsen

Für den Arzt gilt es zu klären, was dahintersteckt. In mehr als fünf Prozent der Fälle lassen sich die Ursachen behandeln: etwa wenn die Schilddrüse untertourig läuft.

Die häufigste Erklärung ist die Alzheimer-Krankheit, bei der sich Ablagerungen wie Mehltau auf die Nervenzellen legen. Bisherige Arzneien kommen dem zwar nicht bei. Indem sie die Botenstoffe im Gehirn hochregeln, können sie aber den Verlauf bremsen. Mancher Patient kann darüber hinaus an Studien mit neuen Mitteln teilnehmen, die gegen die nervtötenden Beläge gerichtet sind.

Auch schlechte Durchblutung kann eine Demenz hervorrufen. Oft hängt der Engpass im Gehirn mit Grunderkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck zusammen. "Bei der gefäßbedingten Demenz haben Alzheimer-Medikamente nur eine geringe Wirkung", sagt Psychiater Jessen. Andere, eher seltene Formen des Gehirnschwunds sprechen zum Teil gar nicht auf die Mittel an – eine gute Diagnostik kann dem Kranken eine unnötige Therapie ersparen.

Gute und schlechte Momente

Mindestens genauso wichtig ist die Spurensuche im Gehirn, weil sie die Symptome verstehen hilft. So ist das Befinden vielfach stark von der Tagesform abhängig: Lichte Momente wechseln mit Phasen, in denen der Patient neben der Spur steht.

"Demenzkranke haben wenig Reserven, um Schwankungen abzufedern", erklärt Neurologe Dodel. Bei manchen Formen, etwa der gefäßbedingten Demenz, treten solche Aufs und Abs besonders häufig auf.

Anderes Beispiel: Betrifft der Raubbau im Kopf vordere Teile des Gehirns, kann sich ein freundlicher Familienmensch zu einem Streithammel ohne jede Einsicht wandeln. Der Gedanke, dass sich dahinter eine Krankheit verbergen könnte, kommt häufig spät, weiß Professorin Janine Diehl-Schmid vom Münchner Klinikum rechts der Isar, Expertin für die sogenannte frontotemporale Demenz. "Manchmal ist es leider so: Erst geht die Ehe in die Brüche, dann kommt die Diagnose."

Therapieangebote ausprobieren

Unabhängig von der Art der Demenz bescheinigen Forscher psychologischen und sozialen Therapien gute Wirksamkeit. Auch diese sollten auf den Kranken zugeschnitten sein. Einfaches Gedächtnistraining, Zahlen- und Wortspiele beispielsweise, kann die geistigen Fähigkeiten stützen. Ergotherapie – am besten zu Hause – hilft, den Alltag ohne fremdes Zutun im Griff zu behalten. Musiktherapie kann Unruhe und Ängste lindern.

"Manche Angebote muss man einfach mal ausprobieren", beobachtet Sabine Seipp von der Würzburger Beratungsstelle "Halma", die Patienten und Angehörigen zur Seite steht. Die Gerontologin legt Betroffenen tägliche Bewegung ans Herz. "Sie schafft Freude, und man kommt aus dem Haus." Laut Studien regt körperliche Aktivität das Gehirn an und wirkt Begleiterscheinungen einer Demenz wie Depression entgegen.

Seipp kennt die Falle, in die viele Betroffene nach der Diagnose tappen: dass sie sich "in ihr Schneckenhaus zurückziehen". Mitten im Leben zu bleiben, am besten mit dem Rückhalt einer Vertrauensperson, sei vielleicht die wichtigste Empfehlung.  

Wie viele Experten rät Sabine Seipp zum Coming-out: Wer andere von seiner Krankheit in Kenntnis setzt, "hat davon immer profitiert".


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