Helfer auf Knopfdruck

Telemedizin, Hausnotruf, Fitness-App: Moderne Technik hilft alten Menschen, länger selbstbestimmt zu leben. Ein Überblick

von Petra Haas, aktualisiert am 11.08.2015

Vernetzt: Smartphones lassen sich intuitiv bedienen. Das begeistert viele Senioren

F1online

Von unterwegs mit dem Smartphone die nächstgelegene Apotheke orten. Während der Zugfahrt ein kleines Rückenprogramm abrufen. Sich auf Städtetour den kürzesten Weg zum Bahnhof anzeigen lassen. Oder sich durch eine aufploppende Nachricht an die morgendliche Arzneieinnahme erinnern lassen.

Das 21. Jahrhundert ist geprägt von technischen Innovationen, die es mit nur wenigen Klicks ermöglichen, jederzeit und fast überall maßgeschneiderte Informationen abzurufen. So helfen sie, stressfreier den Alltag zu bewältigen und sorgenfreier leben zu können. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage "Alter und Technik heute,­ morgen und übermorgen" halten 73 Prozent der Deutschen ab 60 Jahren technische Hilfen, die es ermöglichen, länger selbstbestimmt wohnen zu bleiben, für sehr sinnvoll – auch wenn sie längst nicht allen von ihnen nützen.


Moderne Technik: Vor- und Nachteile

Hilfreiche Apps

Die Bandbreite an Möglichkeiten ist riesig. Einige nutzen ein Smartphone oder Tablet. Durch Apps, das sind Miniprogramme, die man daraufladen kann, lassen sie sich Rezepte zum Abnehmen anzeigen, tauschen sich in Communitys online mit Sportpartnern aus oder rufen Erste-Hilfe-Maßnahmen ab. Andere nutzen kleine Helfer für die Wohnung: ein Hausnotrufsystem etwa, das auf Knopfdruck den Rettungsdienst alarmiert, oder einen Funk-Rauchmelder, der die Bewohner durch ein akustisches, Gehörlose durch ein optisches Signal vor einem Brand rechtzeitig warnt.

Geht es nach dem Willen von Ärzten und Politikern, soll digitale Technik gezielt helfen, die Vorbeugung von Krankheiten voranzutreiben und chronische Erkrankungen besser in den Griff zu bekommen. Menschen mit Diabetes oder Herzschwäche etwa erhalten von ihrem Arzt kleine telemedizinische Apparate. Die täglich übermittelten Daten sollen helfen, gesundheitliche Probleme frühzeitig zu erkennen und Komplikationen vorzubeugen.

Smartphone und Tablets sind intuitiv

Mitarbeiter um Marten Haesner von der Arbeitsgruppe Alter und Technik der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité Berlin etwa untersuchen derzeit, wie Fitnessmessgeräte am Handgelenk die körperliche Aktivität von Älteren steigern können. Oder wie Vergessliche durch interaktive Übungen am Tablet von zu Hause aus ihre geistige Fitness und Lebensqualität verbessern können – ohne dafür die Wohnung zu verlassen.

Forscher wie Haesner setzen dabei verstärkt auf handliche Smartphones oder Tablets. "Die Geräte sind einfach und intuitiv mit nur einem Finger auf dem Bildschirm zu bedienen, ohne zusätzliche Geräte oder Kabel gelangt man ins Internet", sagt der Berliner Wissenschaftler. Die Schrift kann per Zeigefinger und Daumen mühelos vergrößert oder verkleinert werden.

Studie: Internet verbessert Lebensqualität

Studien belegen: Auch wenn Ältere in Sachen Technik der Jugend noch immer hinterherhinken – sie holen auf. In der Gruppe der 50- bis 64-Jährigen besitzt bereits jeder Dritte ein Smartphone. Vier von zehn Senioren ab 65 sind regelmäßig online, ergab eine Studie des Branchenverbands Bitkom. Und wer die Möglichkeiten, vernetzt zu sein, erst einmal für sich entdeckt hat, möchte es häufig nicht mehr missen. 52 Prozent der Älteren sind zum Beispiel überzeugt, dass sich ihre Lebensqualität durch das Internet deutlich verbessert hat.

68 Prozent suchen gezielt nach für sie relevanten Gesundheitsthemen. Digital zu kommunizieren ist besonders wichtig: 91 Prozent schreiben E-Mails, 28 Prozent telefonieren online, und 15 Prozent sind in sozialen Netzwerken aktiv, tauschen sich mit Gleichgesinnten aus.

"Moderne Techniken ermöglichen es Älteren, viel stärker als die Generationen zuvor am gesellschaftlichen Alltag ihrer Familie und Freunde teilzuhaben – selbst wenn manche aufgrund körperlicher Beschwerden nicht mehr mobil sind", sagt Reinold Sackmann, Soziologie-Professor von der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg.

Mit dem Enkel auf Augenhöhe

Bis vor einigen Jahren hätten Opa und Oma noch staunend danebengestanden, wenn ihre Kinder oder Enkel mit dem Zeigefinger über ihr Smartphone, Tablet oder das Lesegerät wischten. Damit Musik hörten, Fotos knipsten und sofort verschickten, die Wettervorhersage auf den Bildschirm holten oder sich mithilfe kurzer Textnachrichten verabredeten. "Doch damit ist nun Schluss", meint auch Christian Steiner, Programmbereichsleiter an der Berliner Volkshochschule Steglitz-Zehlendorf aus vielen Gesprächen. "Wer sieht, was die kleinen Geräte alles können, möchte nicht länger die Enkel fragen, etwa wie man eine kostenlose Textnachricht von unterwegs verschickt oder die Wanderkarte für den Urlaub herunterlädt – sondern sich das Wissen selbst aneignen."

Ob praktisches Alltagsgerät oder Baustein einer medizinischen Therapie. "Künftig werden wir immer mehr mit noch intelligenteren Helfern im Alltag zu tun haben", prognostiziert der Ingenieur Professor Stephan Schäfer von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Der Rollator der Zukunft? "Bald kein bloßes Hilfsmittelgestell mehr, sondern vielmehr ein schickes Accessoire mit eingebautem Navigationsgerät, Herzfrequenzmesser und Hausnotrufknopf", meint er.

"Dennoch benötigen Ältere häufig Nachhilfe", weiß Thomas Hardieck, Student der Informationswissenschaften. Er bietet im süddeutschen Raum Smartphone-Kurse speziell für Senioren an, und beantwortet Fragen wie: Was ist eigentlich ein Tablet? Brauche ich für die App Internet? Was ist eine Flatrate? Hardieck rät, sich vor Ort in speziellen Kursen, Workshops oder Vorträgen ganz unverbindlich zu informieren, wie sie etwa Seniorenvereine, Wohlfahrtsverbände, Computerclubs oder Volkshochschulen anbieten.     



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