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Stuhlinkontinenz – das versteckte Leiden

Enddarmspezialisten und Selbsthilfegruppen geben Rat, wie Betroffene mit der manchmal peinlichen Krankheit umgehen sollten


Stuhlinkontinenz ist Betroffenen peinlich. Gerne würden sie sich hinter einer Maske verstecken

Hätte ich die Kontinenz-Gruppe nicht kennengelernt, hätte ich mich wahrscheinlich nie mehr aus dem Haus getraut.“ Anna Pehlmann (Name geändert) aus Wasserburg leidet seit vier Jahren unter einer Stuhlinkontinenz. Sie kann ihren Stuhlgang nicht mehr willentlich kontrollieren: Ohne dass sie es merkt, entleert sich ihr Darm zu unpassenden Zeiten, an unpassenden Orten. „Ganz am Anfang, als es losging, habe ich mich so geschämt und war so verzweifelt, dass ich mich immer mehr in mein Schneckenhaus zurückgezogen habe“, erinnert sich die 90-Jährige.

Wie sehr die Darm- und Schließmuskelschwäche noch immer mit einem Tabu belegt ist, zeigt die fehlende Statistik: Exakte Zahlen über die Erkrankungsrate in Deutschland gibt es nicht, da gerade ältere Menschen größte Schwierigkeiten haben, ihrem Arzt die für sie so peinliche Angelegenheit zu schildern, geschweige denn das Thema im Familien- oder Freundeskreis anzusprechen. Zum großen Bedauern der Ärzte. „Wir sind uns des Schamgefühls auf seiten des Patienten sehr wohl bewusst“, erklärt Dr. Franz Raulf, Proktologe in Münster und Mitglied des Expertenrats der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft. „Doch ohne Fragen keine Diagnose.“ Welches Ausmaß hat überhaupt die Inkontinenz? Wann und wie geht der Stuhl buchstäblich in die Hose? Wie sehen die Stuhlgewohnheiten aus? Ging vielleicht eine Darmerkrankung oder Afterverletzung voraus? „Wenn wir das alles nicht erfahren, können wir auch nicht gezielt eingreifen.“ Hilfe gibt es nämlich – für jeden.


Auch Anna Pehlmann schwieg zunächst, statt zu reden. Sie zog sich zurück. Dorthin, wo sie die Toilette in sicherer Nähe wusste und niemand etwas von ihrer Darmschwäche ahnen konnte. Vorbei der Einkaufsbummel in der Stadt, unmöglich der Nachmittagskaffee mit ihren Freundinnen. Doch dann, vor einem Jahr, erfuhr sie von ihrer Enkelin, dass es Selbsthilfegruppen für Inkontinenzpatienten gibt. „Es war wie eine Befreiung. Endlich konnte ich offen und ehrlich über alles sprechen. Ich bekam so viele gute Ratschläge. Vor allem aber erfuhr ich, dass Proktologen als Ärzte für mich zuständig sind.“ Heute, nach vielen Untersuchungen und Gesprächen, kann Anna Pehlmann mit einigen Ernährungstricks ihren Darm ruhigstellen und mit Einlagen und Analtampons einigermaßen sorglos aus dem Haus gehen.

48 Selbsthilfegruppen der Deutschen Kontinenz Gesellschaft gibt es in Deutschland. „Ich habe dort nicht nur mein Leid teilen können“, erzählt Berta Ebinger (Name geändert) aus Stuttgart. „Ich habe auch sehr viel über die Krankheit erfahren und gelernt, selbstbewusst damit umzugehen.“ Die Stuttgarterin, dreifache Mutter und seit rund 40 Jahren inkontinent, wollte sich nicht mit dem „Los der Vielgebärenden“ abfinden. „Ich konnte diesen Satz meines Hausarztes nicht mehr hören“, sagt die heute 73-Jährige, die auch unter einem Reizdarm-Syndrom leidet, das ihren Stuhl immer wieder so sehr verflüssigt, dass sie ihn nicht mehr halten kann.

Zu wissen, welche Organe, Muskeln und Gewebe für das Dichthalten zuständig sind, heißt auch zu verstehen, dass schon die kleinste Verletzung oder Schwächung nur eines Teils dieses Systems zu Irritationen führen kann. Beckenboden- und Schließmuskeln, das Stuhlreservoir Enddarm und schließlich zahlreiche Nerven, die Darm und After versorgen, bilden zusammen das Kontinenzorgan. Auch die Hämorrhoiden, jene blutgefüllten Polster im Analkanal,helfen bei der Feinabdichtung des  Enddarms. Wenn sie sich vergrößern und dabei erschlaffen, hilft es oft schon, wenn der Arzt sie verkleinert, um ein leichtes Stuhlschmieren abzustellen. Damit nichts danebengeht, müssen also alle Beteiligten mitspielen.

„Frauen sind da leider im Nachteil“, weiß Dr. Beate Sprockamp, Proktologin im End- und Dickdarmzentrum Mannheim. „Sie haben ein schwächeres Muskel- und Bindegewebe als der Mann. Ihr Beckenboden wird im Laufe der Jahre viel mehr belastet, sei es durch Schwangerschaften, sei es durch Übergewicht.“ Eine Folge davon ist, dass fünfmal mehr Frauen als Männer das Gefühl für den sicheren Verschluss verloren haben, weil die zuständigen Nerven überlastet sind. Beckenbodengymnastik, am besten unterstützt durch ein Biofeedback-Gerät, ist deshalb bei allen Patienten einer der ersten Schritte der Behandlung. Wer aber auf diese aktive Weise sein zu lockeres Gewebe nicht zu stärken vermag, kann es auch passiv probieren: Inzwischen gibt es Geräte, die über die Sonden zusätzlich einen schwachen Strom aussenden, der die schlaffe Muskulatur des Beckenbodens anregt. Andere Stimulationsgeräte unterstützen direkt die Kraft des Schließmuskels oder regen – wie der Magnetstuhl – über elektromagnetische Impulse die Nervensensoren des Beckenbodens an.



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Elke Schurr / Senioren Ratgeber; 17.03.2010, aktualisiert am 10.05.2012
Bildnachweis: Mauritius Images/ Alamy

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