Heilt mein Körper in höherem Alter anders als früher? Eine berechtigte Frage. Viele ältere Menschen stellen fest, dass kleine Hautwunden sich mühsamer schließen, dass aber auch ein banaler Schnupfen hartnäckiger und kräftezehrender ist als in jüngeren Jahren. Im Prinzip heilt der Körper genauso wie früher, doch es dauert eventuell länger. Dafür sind normale physiologische Altersvorgänge verantwortlich. „Im Verlauf des Alterns verändern sich die Hautfunktionen in vielfältiger Weise. Das beeinflusst natürlich die Qualität der Heilungsprozesse im Gewebe“, erklärt Cynthia Wortley, Wundexpertin der University of Texas, in der Zeitschrift Dermatology.
Ihre Auflistung der alterstypischen Hautveränderungen erinnert an einen TÜV-Schadensbericht: geringere Nährstofflieferung an die Epidermis, verringerte Immunabwehr, verminderte Mikrodurchblutung in der Haut, erhöhter pH-Wert und daher verringerter Säureschutzmantel, nachlassende sensorische Wahrnehmung und Differenzierungsfähigkeit, verminderte Fähigkeit zur Temperaturregulation, und so weiter.
Der alternde Körper bildet nicht mehr im gleichen Tempo wie früher neue Zellen und Blutgefäße. So gehen beispielsweise die Zellen der Oberhaut (Keratinozyten) zurück. Sogenannte Langerhans-Zellen, Abwehrzellen der Haut, nehmen ab. Wunden sind nicht mehr so zugfest, heilen daher eventuell schlechter.
Eine Rolle spielen dabei wohl auch die Hormone. So hat Östrogen anscheinend einen Einfluss auf die Wundreparatur, wie Gillian Ashcroft von der University of Manchester in England nachwies. In höherem Alter lässt aber die Östrogenproduktion bei Frauen nach.
Angesichts der Vielzahl an potenziellen Störfaktoren ist es kein Wunder, dass das Risiko für eine gestörte Wundheilung mit den Lebensjahren steigt. Forscher der Universitätsklinik Tübingen beobachteten, dass nach einer chirurgischen Operation bei Patienten über 70 Jahre ein erfolgreicher Wundschluss deutlich seltener erreicht wurde als in den jüngeren Altersklassen. Der Anteil abgeheilter Wunden nimmt demnach um 25 Prozent ab. Die Schlussfolgerung der Tübinger Mediziner: Alter ist ein unabhängiger Risikofaktor für den Heilungsprozess.
Fest steht aber auch: Der Körper ist – und bleibt bis ins hohe Alter – ein Meister der Selbstreparatur. Er bietet ein riesiges Arsenal verschiedener Zellen und Substanzen auf, um einen Schaden möglichst schnell und gut zu beheben. Und er bedient sich raffinierter Methoden. So werden im Bereich der Wunde Wachstumsfaktoren und Botenstoffe produziert, die die Immunabwehr, die Zellteilung und die Wanderung neugebildeter Zellen vom Wundrand zum Wundzentrum aktivieren. „Normal ist, dass Wunden heilen“, betont Walter Seiler von der Geriatrischen Universitätsklinik Basel. Der Experte für Wundheilungsstörungen fordert deshalb ältere Menschen auf, sich niemals an einen chronischen Wundstatus zu gewöhnen und als schicksalhaft hinzunehmen.
Mit zunehmendem Alter steigt statistisch das Risiko für Krankheiten, die die Wundheilung stören können. Diabetiker beispielsweise tragen im Vergleich zu ansonsten gesunden Patienten ein fünfmal höheres Risiko, dass sich eine Operationswunde entzündet. Auch Krebs und bestimmte Bindegewebserkrankungen können den Heilvorgang beeinträchtigen. Wenn aufgrund einer Arteriosklerose zu wenig Sauerstoff ins Gewebe gelangt, heilt die Wunde nicht so gut. Auch ein Mangel an Gerinnungsfaktoren kann die Wundheilung beeinträchtigen. Wenn das Immunsystem durch Infektionen, Krankheiten oder durch Medikamente wie beispielsweise Kortison geschwächt ist, beeinflusst das ebenfalls den Heilungsprozess.
Auch psychologischer Stress verzögert – unabhängig vom Lebensalter – die Wundheilung, wie Parodontologie-Professor Phillip Marucha von der University of Illinois in Chicago/USA kürzlich im Tierversuch beobachtete. Chronischer Schlafmangel hat nach Angaben von Schlafforscher Jürgen Zulley von der Universität Regensburg die gleiche negative Wirkung.
Die gute Nachricht: Jeder kann in jedem Alter die Wundheilungskräfte seines Körpers unterstützen, durch eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen – aber auch durch Vermeidung von Übergewicht und eine gute Hautpflege. Sogar durch Sport: Psychologie-Professor Charles Emery von der Ohio State University hat dies in einer Studie mit gesunden älteren Personen im Alter zwischen 55 und 71 Jahren nachgewiesen. Die Probanden ließen sich am Oberarm eine kleine Stichwunde setzen. Während die Hälfte der Versuchsgruppe drei Mal wöchentlich eine Stunde lang ein moderates Fitnesstraining absolvierte, blieb die andere Hälfte sportlich untätig. Ergebnis des Vergleichs: Die Sportler benötigten 25 Prozent weniger Zeit für die Wundheilung. Bei größeren Wunden, zum Beispiel nach Operationen, ist Sport natürlich nicht das Mittel der Wahl: Dann verordnen die Ärzte in der Regel für eine gewisse Zeit Schonung.
Ingrid Kupczik / www.senioren-ratgeber.de;
08.11.2011
Bildnachweis: PhotoDisc/ RYF
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