Was gegen Wundliegen hilft

Vor allem bei bettlägerigen pflegebedürftigen Menschen besteht das Risiko für einen Dekubitus, ein schlecht heilendes Druckgeschwür. Hier die wirksamen Vorbeugemaßnahmen für Pflegebedürftige und Angehörige
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 17.06.2016

Regelmäßig die Liegeposition wechseln: Verhindert gefährliche Druckgeschwüre

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Viele Pflegebedürftige sind ihrer Beweglichkeit so stark eingeschränkt, dass sie einen großen Teil ihrer Zeit im Bett verbringen müssen. Das macht sie anfällig für Druckgeschwüre, in der Fachsprache Dekubitus genannt. Sie können entstehen, wenn geschwächte Patienten stundenlang in derselben Haltung verharren. Dadurch lastet für lange Zeit ein ständiger Druck auf bestimmten Körperstellen. Irgendwann sind die Haut und das darunterliegende Gewebe schlecht durchblutet und zu wenig mit Sauerstoff versorgt und das Areal nimmt Schaden.

Nach einer Erhebung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) aus dem Jahr 2014 hatten 3,8 Prozent aller Pflegebedürftigen in Heimen ein solches Druckgeschwür. In der ambulanten Pflege, also bei Menschen, die vor allem zu Hause versorgt werden, lag der Anteil bei 3,2 Prozent. Rund ein Drittel der Pflegebedürftigen, die der MDK daheim besuchte, hatte ein erhöhtes Risiko für Dekubitus.


Dekubitus entsteht in der Tiefe

Im Gegensatz zur landläufigen Annahme ist ein Druckgeschwür meist keine Verletzung der Haut, sondern des darunter liegenden Gewebes. "Ein Dekubitus entsteht in der Tiefe", sagt Gonda Bauernfeind, Pflegedienstleiterin und Wundtherapeutin in Windeck. Betroffene bemerken oft lange nichts davon. Der Schaden in der Tiefe kann schon stark fortgeschritten sein, bis sich auf der Haut die für Dekubitus typischen Rötungen zeigen.

Wann kommt es zu einem Dekubitus? "Das zentrale Kriterium ist die Mobilität", sagt Privat-Dozent Dr. Nils Lahmann vom Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Charité Berlin. Je weniger ein Mensch sich selbstständig bewegen kann, desto anfälliger ist er. Betroffen sind deswegen vor allem pflegebedürftige Menschen, die sich im Bett nicht mehr wenden oder beim Sitzen ihr Gewicht verlagern können.

Dekubitus-Gefahr hängt von mehreren Faktoren ab

Fehlen selbst solche kurzen Druckentlastungen, kann sich an der betroffenen Stelle ein Wundgeschwür bilden. "Häufig entsteht Dekubitus dort, der Knochen nah an der Hautoberfläche sitzt", sagt Lahmann. Das sind vor allem Schulterblätter, Ellenbogen, Fersen und das Kreuzbein.

Wie lange es dauert, bis die ersten Gewebeschäden auftreten, hängt von vielen Faktoren ab. Die Faustregel von rund zwei Stunden ist nur ein grober Richtwert. Eine Rolle spielen hier unter anderem der Zustand der Haut, deren Spannkraft im Alter nachlässt, sowie die Dicke des Unterhautfettgewebes, das zum Beispiel bei einer Mangelernährung schwindet. Pflegebedürftige, die wenig Appetit verspüren oder denen das Schlucken Beschwerden bereitet, sind deshalb besonders anfällig für Druckgeschwüre.


Wundliegen vorbeugen: Darauf kommt es an


1. Bewegung fördern

Die wichtigste Maßnahme zur Vorsorge: "Jede Bewegung tut gut", sagt Lahmann. Und sei es nur, dass der Pflegebedürftige die wenigen Schritte vom Rollstuhl zum Bett selbst geht. Manchmal können bestimmte Anreize zu mehr Bewegung motivieren, zum Beispiel Musik oder ein Besuch der Enkel. Bereiten Bewegungen dem Betroffenen aber Schmerzen, dann diesen nicht dazu zwingen.

 

2. Lagerung häufig wechseln

Verschiedene Lagerungstechniken helfen, die einzelnen Hautpartien von Druck zu befreien. Am besten von Pflegefachkräften zeigen lassen, welche im Einzelfall hilfreich sind. Mit diesen auch abklären, wie häufig ein Lagerungswechsel stattfinden sollte. Unterlagen und Spezial-Matratzen (siehe unten) sorgen ebenfalls für Entlastung.

 

3. Haut pflegen

Trockene Haut mit Feuchtigkeit spendenden, rückfettenden Lotionen behandeln. Zu viel Feuchtigkeit kann aber ebenfalls wunde Stellen begünstigen. Gefährdete Hautstellen nicht zu kräftig rubbeln. Insgesamt spielt die Hauthygiene aber eine untergeordnete Rolle in der Vorsorge, da Dekubitus meist in der Tiefe entsteht.

 

4. Auf die Ernährung achten

Mangelernährung und Gewichtsverlust sollten Menschen im Hinblick auf eine Anfälligkeit für Druckgeschwüre nach Möglichkeit vermeiden. Im Bedarfsfall können Angehörige die Pflegefachkräfte darauf ansprechen und gegebenenfalls einen Ernährungsberater dazuholen.

 

5. Bei Medikamenten aufpassen

Vor allem Beruhigungs- und Schmerzmittel können die Gefahr für ein Wundliegegeschwür erhöhen. Solche Medikamente aber nicht einfach absetzen, sondern immer den behandelnden Arzt auf mögliche Alternativen ansprechen.

 

6. Auf Warnhinweise achten

Angehörige sollten bei Pflegebedürftigen genau beobachten, ob Risikofaktoren für ein Wundgeschwür auftreten. Dann können sie rechtzeitig gegensteuern. Je eher, desto besser in der Regel. "Bewegt sich ein Betroffener zu wenig, heißt das Alarmstufe Rot", sagt Bauernfeind. Außerdem ist es ratsam, gefährdete Hautstellen regelmäßig auf Veränderungen zu überprüfen.

 

7. Frühzeitig um Hilfe kümmern

Der Pflegebedürftige bewegt sich kaum noch? Viele pflegende Angehörige sprechen solche Probleme nicht gerne an, wenn der Hausarzt oder Pflegedienst zu Besuch kommt. Dabei ist das kein Eingeständnis von Schwäche. Die Profis können Tipps geben und die Organisation von Hilfsmitteln wie etwa Wechseldruckmatratzen in die Wege leiten. Probleme nicht zu verschweigen lohnt sich also.


Hautrötungen mit Fingertest überprüfen

Treten auf der Haut von bettlägerigen Menschen Rötungen auf, können Angehörige mit dem Fingertest überprüfen, ob wahrscheinlich ein Dekubitus vorliegt. Dazu müssen sie mit einem Finger ein paar Sekunden lang auf die gerötete Stelle drücken. Wenn sie den Finger wieder wegnehmen, sollte die Hautpartie kurz weiß werden. "Verändert sie ihre Farbe dagegen nicht, ist das ein möglicher Hinweis auf ein Druckgeschwür in der Tiefe", sagt Bauernfeind. Absolut zuverlässig ist der Fingertest allerdings nicht.

Dennoch sollten Angehörige spätestens bei einem verdächtigen Testergebnis ihren Hausarzt oder eine Pflegefachkraft ansprechen. Bei falscher Behandlung in Eigenregie kann die Wunde sich noch verschlechtern.

Bei der Behandlung eines Druckgeschwürs übernehmen am besten Fachleute die Regie. Werden rechtzeitig geeignete Gegenmaßnahmen eingeleitet, stehen die Chancen gut, dass der Dekubitus zumindest in frühen Stadien wieder verschwindet oder nicht weiter fortschreitet.

Druck von der betroffenen Stelle nehmen

"Am wichtigsten ist, die betroffene Stelle völlig von Druck zu entlasten", sagt Gerhard Schröder, Direktor der Akademie für Wundversorgung in Göttingen. Angehörige können sich von Pflegefachkräften entsprechende Lagerungstechniken zeigen lassen.

Eine zusätzliche Unterstützung bei der Entlastung stellen spezielle Wechseldruckmatratzen dar. Diese sind in Sanitätshäusern erhältlich. Vor dem Kauf ist wiederum gute Beratung im Fachhandel oder von den Pflegespezialisten unerlässlich. Nicht jede Matratze eignet sich gleich gut für jeden Patienten.

"Die Kosten für die Unterlagen müssen die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen", sagt Schröder. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts müssen sie das schon im Vorfeld, wenn dem Patienten ohne die Matratze unmittelbar ein Dekubitus droht (Aktenzeichen AZ B 3 KR 15/02 R). Bei Pflegebedürftigen mit erhöhtem Risiko kann es Sinn machen, frühzeitig zu diesen Hilfsmitteln zu greifen. Die Einschätzung, ob Bedarf besteht, trifft der Pflegedienst vor Ort.

Wunden sorgfältig behandeln

Auch die Versorgung der Wunde gehört in die Hände von Fachleuten. Sorgfältige Reinigung und feuchte Spezialverbände verbessern die Heilung und verhindern, dass Keime sich in der Wunde ansiedeln.

Schreitet ein Dekubitus fort, können die betroffenen Gewebe- und Hautschichten absterben und tiefe Wunden entstehen, die bis zu den Knochen reichen können. "Im schlimmsten Fall droht eine Blutvergiftung", sagt Schröder. Ist in schweren Fällen bereits Gewebe abgestorben, muss ein Arzt dieses entfernen und gegebenenfalls neues einsetzen.

"Wer einmal einen Dekubitus hatte, hat auch meist auch in Zukunft ein erhöhtes Risiko dafür", sagt Bauernfeind. Deswegen gilt es nicht nur die akute Wunde zu versorgen, sondern darüber hinaus die Ursachen anzugehen. Mangelernährte sollten wieder an Körpermasse zulegen. Und ausreichend Bewegung ist ohnehin für jeden empfehlenswert.



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