„Älterwerden? Finde ich großartig“

TV-Unterhalter Harald Schmidt verrät im Interview, warum er es nicht abwarten kann, endlich 60 zu werden – und weshalb er Staus sensationell findet

von Thomas Röbke, aktualisiert am 29.01.2016

Harald Schmidt: Sein zynischer Humor machte ihn berühmt

ddp Images / INTERTOPICS

Sie als Berufszyniker sind Schirmherr der Depressionshilfe. Ist das Thema nicht zu ernst für Witze?

Harald Schmidt: Ich reiße einen Witz, und dann kommen die Fachleute, die das Thema ernst abhandeln. Das ist doch sinnvoller, als wenn sich jemand hinstellt und jammert, wie schlimm das ist. Ich will aufmerksam machen und Betroffene ermuntern, zum Arzt zu gehen. Erste Anlaufstelle ist der Hausarzt.

Wie kam der Kontakt zustande?

Der Vorstandsvorsitzende schrieb mich an, weil er bei mir eine Mischung aus Herzlichkeit und Kompetenz entdeckt und auch erfühlt hatte.


Waren Sie überrascht?

Nein. Ich habe ihn nur gefragt: Warum erst jetzt? 

Hatten Sie vorher eine Verbindung zum Thema Depression?

Nein, aber ich dachte, wenn es mich mal trifft, kann ich im vollen Wartezimmer sagen: "Ich bin der Schirmherr, lasst mich durch!" Ich habe mir ein Netz aus Topspezialisten geknüpft – ich brauche nur die passende Krankheit und habe eine Erstversorgung.  

Das passt zu einem bekennenden Hypochonder …

Das bin ich gar nicht, das ist ein Gerücht.

Beschäftigen Sie sich mit dem Alter mehr mit Gesundheit?

Nein, weil ich mein privates Gesundheitsprogramm betreibe. Keinen Sport, aber dafür viel zügiges Gehen. Mir sagen führende Orthopäden, mit denen ich natürlich auch befreundet bin, das ist tausendmal besser als Joggen. Ansonsten wenig Alkohol, wenig zusätzlichen Zucker und nicht auf Krampf den Teller leer essen. Früher musste man ja immer aufessen, weil sonst das Wetter schlecht wurde oder die Kinder in Afrika froh über das Essen gewesen wären. Beides ist nicht mehr zulässig, also kann ich einen Rest auf dem Teller lassen.

Horchen Sie mehr in sich hinein? Ob Sie einen schlechten Tag haben oder mehr dahintersteckt?

Nein, ich habe gar keinen schlechten Tag mehr. Seit ich die Fälle von echten Depressionen geschildert bekomme, sage ich nur: Wo ist mein Problem? Ich habe natürlich auch manchmal Krisen, wo ich nicht mehr weiß: Ist das jetzt meine Bankleitzahl oder der Kontostand? Aber das ist machbar.

Zu Ihrem Job gehört es, überall und ständig Menschen zu beobachten.

So ist mir nie langweilig, ich finde selbst einen Stau sensationell. Gestern hatte mein Flugzeug zwei Stunden Verspätung, und es war fantastisch zu beobachten, wie sich meine Mitreisenden aufregten. Ich finde eigentlich alles interessant. Gleichzeitig auch nichts. Das ist das Erfolgsrezept: komplette Begeisterung bei gleichzeitiger kompletter Langeweile.

Wird Ihnen das nicht manchmal zu viel?

Nein. Ich kann ausblenden. 

Wo finden Sie Ruhe?

Im Sturm. Ich mag es gern, wenn ringsum Chaos herrscht, ich kann auch gut lesen oder schreiben, wenn es bei mir zu Hause richtig laut ist. Als Vater von fünf Kindern lernt man mit der Zeit, die Qualität der Schreie einzuschätzen: Müssen wir in die Uni-Klinik, oder hauen die sich normal die Köpfe ein?

Ist Ihnen das Spotten eigentlich in die Wiege gelegt worden?

Ich bin Vertriebenenkind, wir hatten keine Wiege, sondern einen Kinderwagen, der auf Raten abgestottert wurde. Bei uns zu Hause war es aber immer sehr lustig. Es wurde viel gespottet über Nachbarn, die hatten alle ihre Spitznamen. Teilweise wusste ich nicht, wie die wirklich hießen.

Wie hat das Schicksal Ihrer Eltern Ihr Leben beeinflusst?

"Wir müssen unseren Vätern Fragen stellen", diesen Satz kann ich nicht nachvollziehen. Mir wurde unaufgefordert jeden Sonntag beim Kaffee die Komplettgeschichte erzählt.

Beschäftigt Sie das Älterwerden?

Ja, und ich finde es großartig. Ich lechze danach, endlich 60 zu werden, dann kann ich billiger Bahn fahren. Vor allem fällt so viel von einem ab, dieser ganze Stress, was man alles wissen muss, können muss, toll finden muss. Und ich habe tiefes Mitleid mit den armen Irren, die mit Mitte 60 noch mal Vater werden, die Studentenschlampe liegt längst im Liegestuhl und lässt sich verwöhnen, und der alte Sack torkelt hinter dem Zweijährigen her und muss die Windeln wechseln. Habe ich alles beobachtet, und es war mir eine Warnung, im Alter besser schwul zu werden.

Welches ist der beste Rat, den Sie je erhalten haben?

Schwer zu sagen. Das waren eher so allgemeine, ganz schlichte Sachen. Im Sinne von "Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht?"

Und der beste Ratschlag, den Sie je gegeben haben?

Ich gebe eigentlich keine. Na ja, wahrscheinlich doch, ohne es zu merken.

Wahrscheinlich vor allem Ihren Kindern …

Da bin ich reaktionär, ich höre mich dauernd typische Elternsätze sagen. Ich sage nicht wörtlich: "Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst …" Ich formuliere es anders. 

So ein dauer-spöttelnder Vater muss schwierig sein.

Das ist Training. Ich lasse zum Beispiel Leute über die Straße, wo kein Zebrastreifen ist. Aus verschiedenen Ethnien. Ich sage dann: Schaut mal, für wen Papa alles bremst. Dann haben meine Kinder das selber mitzukriegen. Aber der Hauptgrund, warum ich halte, ist der unfassbare Hass, der hinter mir in den Autos tobt, das Hupen, Toben, die Fäuste … Das sind meine kleinen Freuden des Alltags.

Wie bekommt Ihnen die Fernsehabstinenz?

Großartig! Hätte ich nicht erwartet, ehrlich gesagt. Ich erlebe es total als Befreiung und mache nur noch Sachen, auf die ich Lust habe. 

Drängt es Sie nicht mal wieder raus vor die Kamera?

Nö. Alle zwei Jahre ein Interview mit dem Senioren Ratgeber, dann ist mein Aufmersamkeitsdefizitsyndrom gestreichelt. Das reicht mir.


Zur Person:

  • Harald Schmidt wurde am 18. August 1957 in Neu-Ulm geboren.
  • Spott: Nach dem Schauspielstudium schlug Schmidt früh eine kabarettistische Laufbahn ein. Im Fernsehen machte er ab 1988 Karriere mit "MAZ ab!", "Pssst…" und "Schmidteinander". Er war Nachfolger von Paola und Kurt Felix bei "Verstehen Sie Spaß?" und startete 1995 seine Late-Night-Show, die er in wechselnden Konstellationen und bei wechselnden Sendern bis 2014 moderierte.
  • Spaß: Mit seiner Familie – Schmidt hat fünf Kinder – lebt er in Köln-Marienburg.


Bildnachweis: ddp Images / INTERTOPICS

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Seniorin am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Sind Sie abergläubisch?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages