Über große Distanzen in Kontakt bleiben

Ein gutes Verhältnis zu den Enkeln lässt sich auch dann aufbauen, wenn diese weit entfernt wohnen. Unter Umständen können solche Fernbeziehungen sogar eine Chance sein

von Caroline Mascher, aktualisiert am 15.03.2017

Blickkontakt über tausende Kilometer Entfernung: Moderne Technik macht's möglich

Getty Images/Westend61

Den Moment, als ihre Tochter ihr eröffnete, dass sie in Neuseeland heiraten und dort leben wolle, vergisst Renate K. (78) nie: "Mein erster Gedanke war, o Gott, jetzt werde ich nicht erleben, wie meine Enkelkinder aufwachsen." Immerhin liegen zwischen Auckland und Hamburg 32 reine Flugstunden.

So fern – und doch so nah

Heute, 15 Jahre später: Die kochbegeisterte 13-jährige Ella tauscht stundenlang am Telefon Rezepte mit der Oma aus. Erst gestern hat der jüngste von mittlerweile drei Enkeln spontan angerufen, um dem Opa zu erzählen, dass er sich "ziemlich gut aussehend" finde. Und steht ein Schulreferat an, verlegen alle drei Geschwister ihre Generalprobe auch gerne mal vor den Skype-Bildschirm.


So weit weg – und doch so nah. In Zeiten der Globalisierung und beruflicher Mobilität stellen sich immer mehr Großeltern auf eine Fernbeziehung zu ihren Enkeln ein. Oft leben sie Hunderte Kilometer entfernt.

Weit verstreute Familie: Auch eine Chance

Eine Herausforderung – und zugleich eine Chance, belegen Studien. "Die Generationen sind zumindest in Nordeuropa sogar näher zusammengerückt", weiß Alters- und Generationenforscher Professor Francois Höpflinger aus Horgen in der Schweiz. Ein Grund, so der Experte, könnte sein, dass Fernbeziehungen ein hohes Engagement voraussetzen und aktiv gestaltet werden müssen.

Doch was ist der Schlüssel zur gelungenen Kommunikation mit den Enkeln, die so weit weg sind? Experten sind sich einig: Der Kontakt geht immer über deren Eltern. Sie bestimmen, was an Nähe möglich ist. Heutige Eltern wünschen sich von Oma und Opa Engagement ohne Einmischung, erklärt Altersforscher Höpflinger. "Das funktioniert nur, wenn Großeltern ihre eigenen Kinder als mündige Eltern akzeptieren."

Beziehung zu den eigenen Kindern klären

Um einen guten Draht zu den Kleinen zu finden, müssen frischgebackene Großeltern als Erstes das Verhältnis zu ihrem eigenen Sohn oder ihrer eigenen Tochter klären, meint Margareta Rick. Hilfestellung gibt die Pädagogin in Großeltern-Kursen, die sie unter anderem am Münchner Bildungswerk anbietet. Ihr Rat: Großeltern müssen bereit sein, bei pädagogischen Uneinigkeiten über den eigenen Schatten zu springen.

Renate K. und ihr Mann sind froh. Ihr Verhältnis zur Tochter und zum Schwiegersohn sei gut, erzählt die frühere Sozialpädagogin. Als die Enkel noch klein waren, flog das Ehepaar zweimal im Jahr rund um den Globus. Mittlerweile kommen Oma und Opa einmal im Jahr nach Auckland. "Wir kümmern uns in den großen Ferien um die Kinder", erzählt die engagierte Großmutter. Damit die Enkel auch Germany kennenlernen, hat sich ihre Mutter etwas Besonders einfallen lassen. "Jedes Kind erhält zum elften Geburtstag eine gemeinsame Reise zu Oma und Opa", erzählt die 78-Jährige.

Technik, die verbindet

Auch bei einer Fernbeziehung gilt: Regelmäßige Treffen fördern die Vertrautheit. Zumindest in den ersten Jahren sollten Großeltern mehrmals im Jahr und so lange wie möglich Zeit mit den Enkeln verbringen.


Dank moderner Kommunikationsmittel wie Mails, Skype oder Chatprogrammen muss der Kontakt zwischen den Treffen nicht abbrechen. Aber auch das Telefon verbindet Generationen nachhaltig, hat Dr. Fabienne Becker-Stoll selbst erlebt. Ihre in Frankreich lebende Mutter habe ihrem kleinen Enkel bei jedem Telefonat über den Lautsprecher ein französisches Kinderlied vorgesungen, erzählt die Leiterin des bayerischen Staatsinstituts für frühkindliche Bildung. Wann immer der Kleine die Stimme der Oma hörte, habe er strahlend "Pommes, pommes" gerufen – so wie im Refrain des Lieds. Sein drittes Wort nach Mama und Papa, erinnert sich Becker-Stoll.

Einmal pro Woche telefonieren

Die Psychologin rät, Kleinkinder sollten die Kommunikation am besten gemeinsam mit Mama und Papa auf deren Schoß erleben. Auch sollten Eltern, Großeltern und Enkel wenigstens einmal pro Woche auf diese Weise telefonieren oder skypen.

Und wenn man die ersten Jahre nicht aktiv miterleben konnte? Auch dann ist es für eine gute Beziehung nie zu spät, beruhigt Generations­forscher Höpflinger. Gerade Jugendliche entwickeln oft eine starke Nähe zu ihren Großeltern, betont er. Wer sonst könnte ihnen etwas über die eigenen Wurzeln erzählen? Oder davon berichten, wie schräg ihre spießigen Eltern selbst einmal waren?

Nähe trotz Entfernung

Auf ihrer Suche nach der eigenen Identität profitieren Enkel jetzt vom Wissen der Älteren. Aber diese sollten sich bewusst machen: Der Nachwuchs ist groß. Statt Bilderbuch und Bauklötze zählen nun eher Piercing und Hip-Hop, oder der erste Liebeskummer drückt. Nicht gleich den Zeigefinger heben. Lieber zuhören.

Renate K. hat nicht nur ihre Enkel in Übersee begleitet. Auch der 16-jährigen Enkelin Marla aus München ist sie trotz Entfernung nah geblieben. Im vergangenen Sommer hat der Teenager sie gefragt, ob sie samt Freundin mit auf die Segeltour von Oma dürfe. "Was für eine Frage", sagt Renate K. "Sie hätte uns doch gar kein schöneres Geschenk machen können."



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