Der blonde Verkaufsleiter duzt seine Gäste von der ersten Minute an. „Ich bin der Matthias“, sagt er. „Und das ist der Christoph, mein Mitarbeiter. Wir wollen heute höflich und gut zusammenarbeiten, damit unsere Veranstaltung ein großer Erfolg wird. Versprecht ihr mir das?“ Die Mehrzahl der Mitreisenden kennt den Ablauf von Kaffeefahrten und antwortet „Ja“.
85 Prozent der Teilnehmer nehmen immer wieder Einladungen an, auch wenn sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, so wie Anne Meier (alle Namen von der Redaktion geändert), die mit am Tisch sitzt. „Ich habe mal eine Magnetfeldmatte für 1200 Euro gekauft“, sagt sie. „Genützt hat es nichts, meine Rückenschmerzen sind unverändert.“ Harald Becker hat die Neugier getrieben. „Herzlichen Glückwunsch, Herr Becker. Sie sind dabei! Ihre persönliche Jubiläumsfahrt ist am 18.8.! Anmeldung zur LCD-Übergabe!“, stand in der Einladung, und der Absender schien seriös: Medienzentrum Deutschland. Im „schönen Naturpark Starnberger See“ sollte er noch ein „hochwertiges Reiseradio“ obendrauf bekommen.
Auch Annemarie Meier hatte über das Schreiben in ihrem Briefkasten gestaunt: Der Telefonbuch-Verlag wollte ihr Geld schenken, und das „feierlich und bei ausgelassener Stimmung“: „1500,00 Euro stehen immer noch zur Auszahlung, Frau Meier! Sie, Frau Meier, sind immer noch einer dieser glücklichen Gewinner unseres Gewinnspieles!“ Diesmal will sie sich nicht von den geschickten Werbesprechern über den Tisch ziehen lassen, sondern hofft auf den Gewinn von 1500 Euro, der ihr versprochen wurde. „Ich wollte mal von zu Hause raus“, sagt die 70-Jährige. „Vielleicht gibt es ja wirklich einen LCD-Fernseher zu gewinnen“, fällt Harald Becker hoffnungsfroh ein.
Um sieben Uhr morgens haben die beiden am Treffpunkt im Münchner Norden auf den Bus gewartet. Vier Stunden später endet die Fahrt in einem Dorfgasthof. Bis alle 45 Teilnehmer an verschiedenen Orten zugestiegen sind, hat es gedauert.
Für jeden gibt es ein Brötchen und eine Tasse Kaffee, jede weitere Tasse der dünnen Brühe kostet 1,80 Euro. Staubsauger, Küchenmaschine, Werkzeugkoffer, Stereoanlage und Videokamera sind auf einem Tisch drapiert. „Der Matthias“ preist die Produkte an, die er angeblich den Teilnehmern schenken wird, falls sie etwas kaufen. Er nennt Fantasiepreise. Der 186-teilige Werkzeugkoffer soll einen Wert von 890 Euro haben. Harald Becker ist Handwerker und erkennt rasch, dass die Werkzeuge nichts taugen.
Unterhaltungen am Tisch duldet Matthias nicht. „Ihr müsst hier zuhören. Wenn ihr stört, könnt ihr gleich rausgehen. Und sperrt gefälligst eure Ohren auf.“ Er will Reisen verkaufen, die Ziele hören sich gut an. Der Weihnachtsmarkt in Dresden, die italienische Riviera, die Masurische Seenplatte. „Wenn ihr eine Reise bucht, schenke ich euch noch einen von meinen Schätzen hier!“ Durch seinen raffinierten Vortrag entgeht den Senioren das Wesentliche: Brauche ich die „geschenkte“ Ware überhaupt? Was ist sie wert? Wo genau geht die Reise hin? Wann findet sie statt? Was kostet so eine Reise normalerweise? Stehen im Kleingedruckten weitere Verpflichtungen?
Die Reisen führen in „landestypische“ Hotels, an Orte „in der Nähe von“, genauso wie diese Kaffeefahrt nicht an den Starnberger See führt, sondern zu einem Gasthof im Hinterland. „Der Christoph“ kassiert eine deftige Vermittlungsgebühr. Die Reiserücktrittsversicherung ist keine, die Reise kann nur verschoben werden. Die meisten Fahrten finden in ferner Zukunft statt. Spekulieren die Veranstalter darauf, dass viele der betagten Teilnehmer dann nicht mehr mitfahren können?
Nun gibt es Plastiksitzauflagen zu kaufen, die Rückenschmerzen lindern sollen. Eine alte Dame darf sie ausprobieren. Matthias massiert ihr den Nacken, und dann bestätigt sie, dass die Matte gut tut. Elf Matten wechseln zum „einmaligen Vorzugspreis“ von 50 Euro den Besitzer. Matthias redet mit Verstärker. Wer Fragen stellt, wird überdröhnt.
Nach dem Mittagessen, das um halb drei der erschöpften Gesellschaft serviert wird, steuert die Verkaufsschau auf ihren Höhepunkt zu: das Geschäft mit den Nahrungsergänzungsmitteln. Dafür holt „der Matthias“ weit aus. Er jammert über das heutige Essen, „schmeckt doch alles nicht mehr“, und behauptet, dass auch die notwendigen Vitamine und Spurenelemente nicht mehr enthalten seien.
Dann packt er die Zuhörer bei ihren echten Problemen: Gelenkschmerzen, Mattigkeit, Kreuzweh, schlechte Augen und Ohren, Gedächtnislücken. So nett hat wahrscheinlich lange keiner mehr geredet. „Eure Kinder braucht ihr nicht fragen. Habt ihr schon mal ein Altersheim an Weihnachten gesehen? Traurig“, sagt Matthias. „Gönnt euch lieber jetzt etwas! Da habe ich etwas, damit könnt ihr euch so richtig wieder aufbauen!“ Die Nahrungsergänzungsmittel, die er nun für 1680 Euro anpreist, bestehen aus einer billigen Mischung von Spurenelementen und Vitaminen. Keiner will wissen, was genau in der „Kur“ steckt und ob eine Wirkung bewiesen ist. Die Gruppe wirkt wie betäubt.
Matthias bietet Ratenzahlung an und lockt die Senioren in die Schnäppchenfalle. „Normalerweise müsstet ihr das Doppelte für diese schöne Therapie bezahlen, bei mir kriegt ihr sie für nur sechzehnachtzig! Obendrein schenke ich euch den Werkzeugkoffer oder die Küchenmaschine!“ Er schafft es, zwölf Packungen an den Mann zu bringen.
Anne Meier hat heute nur ein Waschmittel gekauft. Rausgekommen ist sie zwar, aber nur, um beschwatzt zu werden. Das Mittagessen musste sie bezahlen. „Das versprochene Freigetränk hat die Bedienung nicht gebracht“, klagt sie.
Die Kaffeefahrer werden in den Bus verladen. Niemand fragt, warum der versprochene Gewinn nicht ausbezahlt wird und wo die LCD-Fernseher bleiben. Grund zur Freude haben nur Matthias, Christoph und ihre Hintermänner, eine Vertriebsfirma aus Österreich. Die Zeche haben die Senioren gezahlt.
Bernhard Stitz arbeitet als Polizeibeamter in Flensburg und kämpft gegen Kaffeefahrt-Betrüger. Seine Tipps, wie Senioren sich vor kriminellen Veranstaltern schützen:
1. Wenn Sie eine Einladung bekommen, informieren Sie Polizei, Verbraucherzentrale und Lokalpresse.
2. Die versprochenen „Gewinne“ und „Geschenke“ gibt es nicht – und meist auch kein „kostenloses Essen“.
3. Der „schöne Ausflug“ besteht aus einer stundenlangen Busfahrt, anschließend müssen Sie einem Verkaufsredner zuhören. Wenn Sie eine nette Zeit mit anderen Menschen haben möchten: Vereine, Seniorenbüros, Kirchengemeinden oder Seniorenclubs bieten oft günstige Ausflüge an, ohne dass Sie eine Verkaufsshow mitmachen müssen.
4. Die Preise der Artikel, die als Bonus für Einkäufe „verschenkt“ werden, sind frei erfunden. Es handelt sich in der Regel um Billigware ohne Garantie und Rückgabemöglichkeit.
5. Besondere Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln und Magnet- sowie anderen Medizinprodukten. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Therapien irgendeine Wirkung haben. Die Produkte, die der Werbesprecher Ihnen andrehen will, sind zwar oft mit Pharmazentralnummer registriert. Der Preis – oft Tausende von Euro – kann vom Hersteller aber beliebig festgesetzt werden und sagt nichts über Inhaltsstoffe und Wirkung aus. Kein Apotheker würde Ihnen diese Artikel empfehlen. Kompetente Beratung zu Vitamin- und Mineralstoffpräparaten bekommen Sie in der Apotheke.
6. Reisen buchen Sie woanders günstiger, zum Beispiel in einem Reisebüro. Dort können Sie Angebote vergleichen. Auf Kaffeefahrten verspricht man Ihnen ein „landestypisches Hotel“ in der Nähe Ihres Reiseziels. Das bedeutet: geringer Standard, weite Entfernung zum Ziel. Im Kleingedruckten verpflichten Sie sich oft, an teuren Ausflügen teilzunehmen.
7. Falls Sie doch etwas kaufen oder einen Vertrag unterschreiben: Achten Sie auf das korrekte Datum und ob alles ausgefüllt ist – und nicht nachträglich die Zahl der Artikel geändert werden kann. Der Vertragspartner muss eine deutlich lesbare Anschrift angeben.
8. Innerhalb von 14 Tagen können Sie den Vertrag mit Einschreiben und Rückschein widerrufen. Falls Sie schon bezahlt haben, wenden Sie sich an die Verbraucherzentrale oder die Polizei. Die Polizei nimmt eventuell eine Strafanzeige auf.
9. Schämen Sie sich nicht, Hilfe zu holen. Die Verkäufer treten mit großer krimineller Energie auf. Es muss Ihnen also nicht peinlich sein, wenn Sie etwas gekauft haben – so wie viele andere Gäste auch.
Angelika Jakob / Senioren Ratgeber;
09.02.2012
Bildnachweis: Angelika Jakob, W&B/Gregor Schläger
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