Wer nicht pünktlich zum Zug oder in die Arbeit muss, braucht sich den Wecker am Bett eigentlich nicht zu stellen. Denn es gibt noch eine andere Uhr, die in unserem Inneren tickt und uns auch ohne schrilles Gebimmel morgens wach werden lässt. Ob Blutdruck, Puls, Körpertemperatur oder Hormonspiegel – alle Körperfunktionen unterliegen einem Rhythmus und wiederholen sich Tag und Nacht in einem bestimmten Takt. Doch nicht nur das: Auch manche Krankheitszeichen halten sich an einen Stundenplan.
Eine Hauptuhr im Gehirn sorgt wie der Dirigent eines Orchesters dafür, dass seine Musiker, die Körperzellen, ihre Einsätze nicht verpassen. Dass sich um eins in der Früh der Blutdruck auf den niedrigsten Stand zubewegt, dass das Schlafhormon Melatonin im Blut in den ersten Stunden nach Mitternacht seinen Gipfel erreicht und uns in tiefen Schlaf versetzt. Dass zwischen vier und acht der Wachmacher Adrenalin ausgeschüttet wird und deshalb Blutdruck und Puls wieder steigen. Dass auch das Aktivitätshormon Kortisol wenige Stunden vor dem Erwachen freigesetzt wird und bis acht ansteigt. Vorgänge, die erklären, warum sich auch manche Beschwerden von chronischen Krankheiten in der Früh am deutlichsten zeigen. Ärzte, Pharmakologen und Therapeuten machen sich inzwischen diese Erkenntnisse zu eigen und richten ihre Therapien danach aus. Lesen Sie, was Bluthochdruckpatienten in den Morgenstunden beachten sollen, weshalb Zeitpläne für Menschen mit Rheuma oder COPD eine Starthilfe bedeuten und was Licht mit Depressionen zu tun hat.
Spüren Sie beim Aufwachen ein unangenehmes Kopfdrücken oder gar einen Brustschmerz, pochen die Schläfen, ist Ihnen schwindlig? „Das könnten die Boten eines Morgenhochdrucks sein, auch wenn man meist seinen Hochdruck gar nicht merkt“, sagt Allgemeinarzt Dr. Ulrich Huntgeburth aus Grafing. „Entweder schützen die bisherigen Medikamente nicht ausreichend, oder der Mensch weiß noch gar nichts von seiner Krankheit.“ Gerade in der Früh sind normale Werte äußerst wichtig, da diese Tageszeit besonders riskant ist für Herz-Kreislauf-Gefahren wie Infarkt oder Schlaganfall. Der frühmorgendliche Anstieg des Blutdrucks ist zwar durch unsere innere Uhr geregelt und sinnvoll für den Körper, doch bei Hochdruck kann das schnell zu überschießenden Blutdruckspitzen führen. „Eine 24-Stunden-Blutdruckmessung findet das im Detail heraus“, rät der Blutdruckspezialist, „dann kann der Arzt etwa lang wirksame Medikamente verschreiben und auch die Einnahmezeiten mit Ihnen ändern. Eventuell wäre mittags oder abends besser.“
Das Schlafhormon Melatonin kommt mit der Dunkelheit – das Stresshormon Kortisol mit dem Tag. Der Blutdruck steigt mit dem Wachwerden.
Menschen, die unter einer chronischen Polyarthritis leiden, kennen das Problem nur zu gut: Über Nacht schwellen ihre Gelenke an. Wenn sie aufwachen, können sie ihre Hände oft für eine Stunde nicht bewegen. „Der Grund sind Entzündungsstoffe, die nachts noch vor dem körpereigenen Kortisol freigesetzt werden“, erklärt Rheumatologe Dr. Volker Nehls vom Rheinischen Rheumazentrum Meerbusch und ergänzt: „Wer bis zu drei Stunden oder länger unter den steifen Gelenken leidet, braucht neue Medikamente.“
Und Physiotherapie. Denn das Gewebe der Gelenkkapseln quillt auch auf, weil Hände nachts ruhen und nicht bewegt werden. Ergotherapeut Erwin Elsbernd rät deshalb, das Versäumte gleich in der Früh nachzuholen. Wärme, Massagen oder Fingerübungen, etwa mit Igelbällen, nehmen den Schmerz, entspannen die Muskulatur. „Das Wichtigste aber ist“, betont er, „dass die Betroffenen ihre Krankheit akzeptieren. Nur so können sie ihr Leben und ihren Alltag besser darauf einstellen und strukturieren entsprechend ihren Tag.“
Verschleimte Bronchien, Dauerhusten, bei der geringsten Anstrengung bleibt die Luft weg – die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) erschwert den Atemfluss. „Die kritische Stunde ist bei vielen die Morgenstunde“, sagt Dr. Birgit Krause-Michel, Lungenärztin und Vorsitzende der Sauerstoffliga. „Denn der Patient muss dann den Schleim abhusten, der sich über Nacht angesammelt hat.“ Ob Schleim- oder Reizhusten: Atemphysiotherapeuten wie Sabrina Göth von der Schön Klinik Berchtesgadener Land bringen COPD-Patienten bei, wie sie richtig atmen und husten: „Mit besonderen Ausatemtechniken, etwa mit Strohhalmen, kann ich das Bronchialsystem stabil halten und weiten.“ Welche psychischen Belastungen die ständige Atemnot dagegen mit sich bringt, betont Pneumologe Dr. Klaus Kenn: „Allein der Gedanke an einen Termin ist für viele geradezu atemberaubend.“ Sich selbst und seine körperlichen Grenzen zu kennen und von nun an alles langsamer anzugehen – „das wäre bereits ein wichtiger Therapieschritt“.
Morgens sehr früh zu erwachen, nicht mehr ein- noch durchschlafen zu können, das gehört zu den Begleiterscheinungen auch leichterer Depressionen.
„Eine Rolle spielt dabei der Schlaf-Wach-Rhythmus, der bei depressiven Menschen gestört ist“, erklärt Prof. Frank Schneider, Psychiater an der Uniklinik Aachen. Dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Stimmungslage und innerer Uhr, zeigen auch die Erfolge der Lichttherapie. Verantwortlich dafür sind biochemische Prozesse im Gehirn, die durch das Tageslicht angeregt oder gedämpft werden. Auch Lichtduschen für zu Hause wirken auf Schlaf- und Stimmungshormone wie Melatonin und Serotonin. „Eine weitere gute Hilfe, um den Rhythmus wieder zu stablisieren“, betont Prof. Schneider, „ist eine regelmäßige Tagesstruktur.“
Elke Schurr / Senioren Ratgeber;
04.04.2012
Bildnachweis: Thinkstock/Digital Vision, W&B/Dr. Ulrike Möhle
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