Verwirrtheit nach einer Operation vorbeugen

Vor allem ältere Menschen leiden unter den Nachwirkungen einer Narkose. Wie ein Krankenhaus in Münster gezielt gegensteuert – und was Patienten selbst tun können

von Petra Haas, aktualisiert am 16.02.2016

Altenpflegerin Ute Bröker kümmert sich um Patienten nach der Operation

W&B/Dominik Asbach

Behutsam fasst Altenpflegerin Ute Bröker der Patientin an die Schulter, beugt sich zu ihr hinunter und ruft ihr ins Ohr: "Frau Herzog, Sie sind gestern gestürzt und soeben operiert worden, Sie liegen im Aufwachraum des Franziskus-Hospitals." Die Seniorin blinzelt als Zeichen des Verstehens, leckt sich die Lippen, woraufhin Bröker ihr ein Glas Wasser reicht. "Wo ist mein Hörgerät, ich verstehe sonst die Schwestern hier nicht?", sagt die alte Dame. Dass sich die 90-Jährige kurz nach der Narkose schon so gut orientieren und artikulieren kann, ist für Bröker ein gutes Zeichen.

Gemeinsam mit vier weiteren Kolleginnen von der Abteilung für perioperative Altersmedizin am St.- Franziskus-Hospital in Münster betreut sie Ältere während des Klinikaufenthalts, geht individuell auf deren Bedürfnisse ein und überwacht ihr Befinden. Ziel dieses Projekts ist es, eine Operation für Senioren so glimpflich wie möglich ablaufen zu lassen und eine Verwirrtheit danach zu verhindern.


Narkose: Ausnahmezustand im Gehirn

Ob neues Hüftgelenk oder neue Herzklappe: Eine Operation belastet besonders Ältere. Viele strapaziert der Klinikaufenthalt sogar so sehr, dass ihr Gehirnstoffwechsel aus dem Lot gerät. Schätzungen zufolge sind etwa 20 bis 30 Prozent der über 65-Jährigen nach einem chirurgischen Eingriff verwirrt, desorientiert, haben Gedächtnislücken. Sie sehen Mäuse in Zimmer­­ecken, möchten ihre verstorbenen Eltern besuchen oder wirken, ganz entgegen ihrer Art, hyperaktiv.

Ein Delir, wie Mediziner dieses Syndrom nennen, kann sofort nach dem Erwachen aus der Narkose auftreten, aber auch erst mehrere Tage danach. Was dabei im Gehirnstoffwechsel passiert, ist noch nicht genau untersucht. Ursache ist meist "ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren", weiß Professorin Claudia Spies, Leiterin der Klinik für Anästhesiologie an der Berliner Charité, die das Delir erforscht. Dazu gehören etwa Durchblutungsstörungen, bereits vorhandene geistige Einbußen, bestimmte Arzneien oder an den älteren Patienten nicht angepasste Narkosemittel. Spies: "Bei einem Eingriff kann das den Organismus so überfordern, dass Nervenzellen zugrunde gehen." 

Operation kann beim Patienten lange nachwirken

Mit zuweilen fatalen Folgen: Knapp jeder zweite Betroffene ist noch nach einem Jahr in seinen Aktivitäten eingeschränkt. Etwa sieben Prozent erholen sich nicht mehr und werden dauerhaft pflegebedürftig. Zudem steigt das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Verschärft wird die Delirgefahr noch, wenn der Patient den Klinikaufenthalt als extrem belastend empfindet. Die fremde Umgebung, ungewohnte Geräusche, ständig andere Schwestern, neue Untersuchungen, die oft angstbesetzte Narkose und Operation. "Manche produzieren vor einem Eingriff schon viele Stresshormone – was dem Gehirn schadet", weiß Anästhesistin Dr. Simone Gurlit, die das Münsteraner Projekt leitet.

Narkose schonend steuern

Die Erfahrungen, die Ute Bröker und ihre Kolleginnen tagtäglich im Stationsalltag sammeln, werden dokumentiert, um das Delirmanagement in Kliniken weiter zu verbessern. Auch der Patient selbst kann im Vorfeld eine Menge tun, um das Risiko klein zu halten (siehe unten).

Zudem geht es darum, die Leitlinien für Ärzte weiterzuentwickeln. In Berlin etwa hat die Arbeitsgruppe um Claudia Spies in einer Studie mit mehr als 1000 Patienten über 60 herausgefunden, dass eine Messung elektrischer Hirnströme während der Narkose es dem Anästhesisten ermöglicht, den Tiefschlaf präziser und damit schonender zu steuern – "wodurch wir das Delirrisiko um 23 Prozent senken konnten", freut sich Spies. Doch die Ärztin weiß auch: "In manchen Kliniken wird das Delir immer noch als unvermeidbare Begleiterscheinung einer Narkose hingenommen."

Messbare Verbesserungen

Altenpflegerin Ute Bröker hält einem Patienten die Hand, während der Arzt einen Katheter anlegt. Ihre Kollegin begleitet einen anderen Senior zum Röntgen. Von der Aufnahme bis zur Entlassung bleiben die Altenpflegerinnen an der Seite ihrer Schützlinge. Sie erklären diesen in Ruhe, was mit ihnen gerade passiert, stellen den Kontakt zu Angehörigen her und achten darauf, dass der Kranke genug isst und trinkt. "Diese intensive Betreuung hilft, sich zu orientieren, und gibt Halt", resümiert Projektleiterin Gurlit. "Extremem Stress oder Ängsten beugen wir so vor." Der Erfolg lässt sich auch mit Zahlen belegen: Im Münsteraner Hospital liegt die Delirrate nach einer Hüftoperation bei unter zehn Prozent.

Ute Bröker blickt auf die Uhr. Noch bevor ihre heutige Schicht endet, wird sie an die Tür der 90-jährigen Patientin klopfen und einen Gedächtnistest mit ihr machen. "So können wir Veränderungen rasch entlarven", sagt sie. Doch ihr Gefühl sagt ihr schon jetzt: wohl alles gut überstanden!

Was Sie vor einem Eingriff beachten sollten

1. Nachfragen

Viele Operationen lassen sich planen. Fragen Sie nach, ob und wie sich die Ärzte speziell auf die Bedürfnisse Älterer einstellen. Ist es etwa erlaubt, bis zwei Stunden vor dem Eingriff zu trinken?

2. Fitness steigern

Ob Gymnastik oder Gehirnjogging: Wer vor einem Eingriff seine Fitness verbessert, bewältigt einen Eingriff leichter. Fragen Sie Ihren Hausarzt. Atemübungen etwa sind ideal vor Baucheingriffen.

3. Ehrlich sein

Haben Sie Kummer? Waren Sie nach einem früheren Eingriff schon einmal verwirrt? Seien Sie beim Aufklärungsgespräch ehrlich. So ist es für die Ärzte einfacher, ein Delir zu verhindern. Bitten Sie Ihren Apotheker, eine Medikationsliste zu erstellen, die Sie zur Aufnahme mitnehmen.

4. Bedürfnisse äußern

Die Bettdecke ist zu warm, das Schnarchen des Bettnachbarn hält Sie wach? Äußern Sie Bedürfnisse klar. Wer sich unwohl fühlt, produziert unnötig viel Stress, was eine Verwirrtheit begünstigt.

5. Den Tag strukturieren

Schlafen Sie tagsüber nicht zu viel, sonst liegen Sie nachts wach. Gehen Sie, wenn möglich, täglich an die frische Luft. Bitten Sie Angehörige um regelmäßige Besuche – diese helfen, den Tagen Struktur zu geben. Mitgebrachte Fotos, Zeitschriften oder eine Hör-CD sind eine schöne Abwechslung zum Fernsehprogramm.

6. Keine falsche Scham

Sie fühlen sich nach der Operation komisch, haben starke Schmerzen, bemerken Gedächtnislücken? Sprechen Sie Ihren behandelnden Arzt auf solche Dinge an. Je rascher ein drohendes Delir erkannt wird, desto besser sind Ihre Aussichten.



Bildnachweis: W&B/Dominik Asbach

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