In Moers versetzt sich Pflegepersonal regelmäßig in die Lage von Heimbewohnern. Ein Weg von vielen, um Pflegebedürftige besser zu verstehen – und ihre Würde zu achten
Selbstversuch: Mal nachempfinden, wie es ist, einsam zu sein
"Tschüs, bis morgen", ruft die Schwester. Irgendwo lacht jemand, dann verflüchtigen sich die Stimmen neben Kathrin Plotke. Die Frühschicht geht, Stille kehrt ein. „Dann wird einem die Einsamkeit besonders bewusst“, sagt Plotke leise. 37 Jahre ist sie jung und gesund. Doch so wie sie da zwischen den alten Frauen hockt, wirkt sie gebrechlich. So soll sie sich auch fühlen, das ist Teil des Programms, auf das sich die Wohnbereichsleiterin im Rudolf-Schloer-Stift der Grafschafter Diakonie in Moers eingelassen hat.
„Schattentage“ heißt es. Regelmäßig schlüpft jemand vom Personal in die Rolle der Bewohner. „Ich wollte aus erster Hand erleben, wie man sich hier als Mensch fühlt“, erklärt die „Schattenfrau“ nach dem Experiment. „Erst war das komisch. Aber es funk-tioniert. Ich wurde ganz schnell wie alle anderen Bewohner hier behandelt.“
"Auf Hilfe angewiesen zu sein fällt mir ziemlich schwer", berichtet "Testpflegefall" Kathrin Plotke
Bundesweit wagen erst wenige Heime diesen mutigen Rollentausch. Experten hoffen aber, dass selbstkritische Projekte solcher Art Schule machen. „Pflegebedürftige sind besonders verletzlich, aber häufig können sie ihre Bedürfnisse nicht mehr äußern oder werden nicht ernst genommen. Sie brauchen sensible Fürsprecher“, findet Daniela Sulmann von der Leitstelle Altenpflege am Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin.
Um die Lebenssituation der mehr als zwei Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland zu verbessern, hat Sulmann mit rund 200 Fachleuten sowie Vertretern von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen eine „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ entwickelt. Darin ist nachzulesen, was eigentlich selbstverständlich ist, aber in dieser Form noch nie geschrieben stand: etwa, dass ein Pflegedürftiger nicht seelisch und körperlich verletzt werden darf. Dass seine Intimsphäre geschützt werden muss. Oder dass er ein Recht auf Wertschätzung und Austausch mit anderen Menschen hat.
„Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern“, betont Sulmann. Sie erhält hilfesuchende Anrufe von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen, die sich auf das Dokument berufen. Kritiker belächelten dieses anfangs als Papier-tiger. Inzwischen haben sich viele Pflegeheime und ambulante Dienste freiwillig selbst verpflichtet, nach den Grundsätzen der Charta zu pflegen.
Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber;
27.10.2009
W&B/Rainer Unkel
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