Interview: Ulrich Gebauer

Der Schauspieler spricht über das Älterwerden, zwielichtige Rollen und eine Beinahe-Karriere als Eiskunstläufer.

von Thomas Röbke, 09.08.2018
Ulrich Gebauer

Senioren Ratgeber: Sie waren kürzlich auf Theatertournee. Wie fanden Sie es, jeden Tag an einem anderen Ort zu spielen?

Ulrich Gebauer: Jeden Abend in einem anderen Raum vor einem ­Publikum zu spielen, das sich ganz anders zusammensetzt, ist extrem spannend. Denn die Aufgabe bleibt gleich: die Menschen jedes Mal aufs Neue packen. Das entspricht genau der Art, wie ich Theater auffasse: Es muss jeden Abend neu entstehen, als wäre es das erste Mal. Die Zuschauer und wir Schauspieler gehen zusammen auf eine Reise und schauen einfach, wo wir ankommen.

Sie wären beinahe Eiskunst­läufer geworden …

Als Kind war ich extrem gut darin. Mit zwölf stand ich kurz vor der ­baden-württembergischen Meisterschaft. Aber ich wurde in der Schule so schlecht, dass meine Mutter für mich entschied, mit diesem Sport aufzuhören. Ich bat und bettelte – alles umsonst. Aus Protest schwor ich, nie wieder aufs Eis zu gehen. Daran habe ich mich bis heute gehalten.

Konnten Sie das Ihrer Mutter jemals verzeihen?

Es gab in unserer Familie keine Verletzungen, die so weitreichend waren, dass sie unverzeihbar gewesen wären. Das ist alles längst vergessen.

Das Schauspieltalent haben Sie dann selbst in sich entdeckt?

Ich stellte mich schon als Dreijähriger auf einen Schemel und hielt eine Andacht … Später kam das Schul­theater hinzu, beim Ravensburger Stadtfest gaben wir immer etliche Vorstellungen. Als ich 17 war, war ein Spielleiter vom Landestheater in Tübingen da und empfahl mir, eine Schauspielschule zu besuchen. Das habe ich gemacht.

Sie sagen immer noch: "Ich möchte ein guter Schauspieler werden." Sind Sie es nicht schon – bei Ihren zahlreichen Preisen?  

Nein. Ich glaube, dass wir alle auf der Welt sind, um zu lernen. Und wir ­lernen bis zum Schluss. "Ich möchte ein guter Schauspieler werden" beinhaltet: Ich weiß, dass ich es nicht werden kann. Weil das Leben endlich ist und damit auch die Suche nach Perfektion.

Deutscher Comedypreis

Sie sagen, Sie hätten "immer gern die Schrägen, Zweilichtigen" gespielt, aber jetzt reizen "die Geraden" Sie viel mehr. Wie meinen Sie das?

Die Schrägen, Zwielichtigen sind leichter zu spielen. Weil sie in kein Schema passen und das Publikum nur sagen kann, "glaubwürdig" oder "nicht glaubwürdig". Die Geraden, die für etwas stehen, sind viel schwerer zu spielen, weil jeder glaubt, etwas von ihnen in sich wiederzuerkennen.

Haben Sie Vorbilder?

Nein. Das hört sich jetzt pathetisch an: Ich bin auf der Suche nach der Wahrheit. Auch im Bewusstsein darüber, dass Wahrheit relativ ist. Die Menschen haben aufgrund ihrer Struktur alle ihre eigenen Wahrheiten. Wenn ich einen Mörder spielte, der die Tat abstreitet, fragte ich mich anfangs: Wie geht das? Wie kann er so lügen, ohne dass man es ihm ansieht? Bis mir klar wurde, dass es für ihn eine eigene Wahrheit gibt. Die lebt er, und darum kann er aus Überzeugung sagen: "Das war ich nicht!"

Haben oder hatten Sie einen Plan für Ihr Leben?

Nur insofern, als ich mir zu Beginn der Ausbildung geschworen habe: Ich bleibe nur bei der Schauspielerei, wenn ich irgendwann in die erste Reihe komme.

Was war der beste Ratschlag, den Sie erhalten haben?

Ein großer Regisseur hat zu mir gesagt: "Uli, immer wenn du glaubst, dass du gut bist, dann bist du schlecht." Damit hat er absolut recht. Schauspieler, die glauben, sie hätten alles erreicht oder begriffen, und dann eigenen Eitelkeiten nachgeben, werden immer schlechter.

Kann man denn so, wie Sie arbeiten, jemals Zufriedenheit erreichen? 

"In der Kunst gibt es keine Zufriedenheit." Das ist von Bertolt Brecht und eine große Wahrheit. Ich lehne Zufriedenheit ab. Sie steht für mich für Angekommen-Sein, Sich-eingerichtet-Haben – und im Widerspruch zum Weiterschauen, Wachbleiben, Lernen.

Ulrich Gebauer 

* 28. Januar 1956 in Laufen


Bühne Schauspielstudium in Berlin. Danach feste Theaterengagements in Stuttgart und Bochum. Seit 1980 mehr als 100 Film- und TV-Rollen, etwa in "Der Landarzt", "Tatort".

Privat Mit Schauspielerin Anne Moll hat er zwei Töchter (10 und 12). Die Familie lebt in Hamburg. Gebauer hat zwei weitere Kinder aus einer früheren Beziehung.

Sie haben Familie. Gehört da nicht angekommen sein und den Kindern ein Heim bieten dazu?

Das stimmt, aber das hat nichts mit diesem landläufigen Zufriedenheitsbegriff zu tun. Ich glaube, dass ich ­einer der glücklichsten Menschen überhaupt bin. Weil ich so überschüttet werde mit Geschenken: Ich habe wunderbare Kinder, die mich tag­täglich erfreuen, eine Frau, die mich immer noch liebt, ich kann auswählen, welche Arbeiten ich annehme. Das hat mit Zufriedenheit überhaupt nichts zu tun – sondern mit Glück. Ich bin unendlich glücklich und sehr dankbar. Dieses Glück ist nicht selbstverständlich. 

Machen Sie sich Gedanken über das Älterwerden?

Ja, natürlich denke ich darüber nach. Ich bin aber eigentlich gelassen. Das liegt wohl daran, weil mir das Alter noch keine gesundheitlichen Probleme bereitet. Doch ich weiß, dass ich älter werde, und ich weiß, dass ich sterben muss.

Leben Sie gesundheitsbewusst?

Ich bewege mich sehr viel und achte auf meine Ernährung, lebe relativ gesund. Zum Glück muss ich bei meinem Beruf nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen.

Welche Eigenschaft von sich selbst würden Sie gerne ablegen?

Eine, die ich zutiefst ablehne, aber in meinem Alter wohl nicht mehr loswerde: Ich bin äußerst nachtragend. Wenn mich jemand verletzt, trenne ich mich sofort von ihm. Darum versuche ich, diese Verletzungsschwelle so hoch wie möglich anzusetzen. 

Wo finden Sie Ruhe?

Bei meiner Familie, aber auch bei mir selbst. Ich arbeite extrem viel, aber nie dort, wo ich lebe. Dann bin ich viel allein, aber zugleich ganz bei mir.

Steckte diese Gabe in Ihnen, oder mussten Sie das erst lernen?

Ich bin sehr erstaunt darüber, dass es so gekommen ist. Heute bringt mich wenig aus der Ruhe, früher konnte ich in 0,2 Sekunden von null auf hundert sein. Ich war wirklich cholerisch. Wieso, ist mir ein Rätsel. Auch, wie ich davon weggekommen bin. Vielleicht, weil du im Lauf der Zeit mitbekommst, dass das Leben noch aus anderem besteht als dir selbst. Dass du nicht der Nabel der Welt bist, sondern ein kleines Teilchen.

 


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