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Arthrose mit Bewegung behandeln

Wer Arthrose hat, soll seine Gelenke schonen? Falsch! Aktivität wirkt besser als Medikamente und Operationen, sagen Ärzte. Dabei geht fast alles – wenn die Dosis stimmt

von Kai Klindt, 14.07.2016
Seniorin mit Fitnessband

Gelenke nicht schonen: Bewegung hilft bei Arthrose


Für Synchronschwimmen gibt es olympisches Gold und deutsche Meisterschaften. Für Synchron-Kniebeugen immerhin einen starken Gesäßmuskel und die Aussicht auf mehr Beweglichkeit.

Fünf Senioren-Pärchen, verbunden durch ein tannengrünes Gymnastikband in der Hand, üben sich heute in der ungewohnten Kunst. "Stimmen Sie sich mit Ihrem Partner ab", ruft Stephanie Perschke in die Sporthalle an der Technischen Universität München. "Nur so tief gehen, wie Sie können. Die Knie nicht spitz nach vorn, lieber das Pöchen nach hinten!"

Gelenksport heißt das einstündige Programm für Patienten mit Arthrose in Hüfte oder Knie. Manche Teilnehmer haben bereits ein künstliches Gelenk, aber eigentlich wünscht sich Übungsleiterin Perschke, dass die Menschen früher kommen. Die Botschaft, dass Bewegung den Blutdruck senken und die Gefahr eines Herzinfarkts bannen kann, sei mittlerweile fast eine Binsenweisheit, meint die junge Sportwissenschaftlerin. Wer aber bei einem Zwicken im Knie den Rat höre, in die Gänge zu kommen, reagiere darauf oft noch mit Unverständnis. Verlangt das angeschlagene Gelenk nicht eher nach Ruhe?

Mit Bewegung den Teufelskreis Arthrose durchbrechen

"Solange die Beschwerden es zulassen, ist Bewegung bei Arthrose das A und O", erklärt Dr. Christoph Eichhorn, niedergelassener Orthopäde aus Aachen. Medikamente und Operationen folgen abgeschlagen auf den Plätzen zwei und drei. Körperliche Aktivität kann die Arthrose zwar nicht heilen, weiß Eichhorn, "aber sehr wirksam verlangsamen". Ein bewegtes Gelenk versteift nicht, und man benötigt weniger Schmerzmittel, haben Studien festgestellt. Die Lebensqualität steigt, der Patient kommt im Alltag besser klar. "Bei fortgeschrittener Arthrose können wir oft auch den Zeitpunkt hinauszögern, an dem eine Prothese nötig wird", weiß Professor Thomas Horstmann von der Klinik St. Hubertus in Bad Wiessee.

Nur mit Bewegung, sagt Orthopäde Horstmann, lasse sich der "Teufelskreis der Arthrose durchbrechen". Wer Knie, Hüfte oder Sprunggelenk schont, weil er meint, so dem Verschleiß Paroli zu bieten, erreicht das Gegenteil. Muskelmasse geht verloren, was dem kranken Gelenk den Halt nimmt. Spannungsprüfer in den Muskeln, die das Gleichgewicht regulieren helfen, verkümmern. Nerven, die das Gelenk ansteuern, fahren irgendwann auf Standgas zurück – "eine Art Drehzahlbegrenzer", sagt Horstmann. Hinzu kommt, dass viele Patienten infolge ihrer Untätigkeit an Gewicht zulegen. All das treibt die Arthrose voran.

Muskeln und Knorpel fordern

Also bewegen. Aber wie? "Früher hieß es: Bewegen, ohne zu belasten", sagt Dr. Joachim Merk von der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Tübingen, einer der Begründer der Gelenksport-Idee. "Heute sagen wir: Bewegen mit kontrollierter Belastung." Nicht nur die Muskulatur braucht einen Trainingsreiz, auch den Knorpel will Physiotherapeut Merk in Maßen gefordert sehen. Gelenksportgruppen – meist getrennt für Knie- und Hüftpatienten – können den Start erleichtern.

Das Programm besteht aus einem Mix von Gangschule, Muskelaufbau, Balancetraining und Dehnübungen, der "auf die Defizite von Arthrosekranken zugeschnitten ist", wirbt Merk. Mittlerweile gibt es über die Republik verteilt Dutzende Gruppen. Wie Herzsport läuft der Fitness-Parcours fürs Gelenk unter Rehasport: Liegt ein ärztliches Rezept vor, bezuschusst die Kasse 50 Termine. Aber auch andere Angebote, etwa die Gymnastik an der Volkshochschule, können für Arthrosekranke eine Alternative sein (mehr siehe Kasten).

So kommen Sie in Bewegung

Wie fange ich an?

Am besten stimmen Sie Ihr Bewegungsprogramm gegen Arthrose mit Ihrem Arzt ab. Wer länger nicht körperlich aktiv war, hat oft wenig Stabilität in den Gelenken – dann kann es ratsam sein, zunächst behutsam unter Anleitung eines Physiotherapeuten zu trainieren.

 

Was ist die richtige Dosis?

Das Motto heißt: Langsam aufbauen und dabeibleiben. Lieber häufiger moderat aktiv werden, anstatt sich an einem Tag der Woche zu verausgaben.

 

Welche Sportart eignet sich?

Das hängt vom betroffenen Gelenk ab. Generell sind bei Arthrose Bewegungen mit gleitenden Abläufen günstig – etwa Radfahren, Schwimmen oder Nordic Walking. Gymnastik und Krafttraining helfen, Muskeln aufzubauen. Weniger geeignet ist alles, was mit Stößen, einseitigen Belastungen und extremen Gelenkstellungen einhergeht – das kann auch Yoga sein.

 

Wann ist Schonung angesagt?

Das Gelenk ist dick, erwärmt und schmerzt? Das deutet auf eine Entzündung hin, ausgelöst durch eine Reizung der Gelenkinnenhaut. In diesem Fall braucht das Gelenk Ruhe. Kühlung, etwa mit Coolpacks, bringt häufig Linderung. Der Arzt kann Schmerzmedikamente verordnen, die auch die Entzündungsreaktion dämpfen.

In der Gruppe und mit der Hilfe eines Übungsleiters fällt es leichter, den schmalen Grat zwischen zu viel und zu wenig Belastung auszuloten. "Viele Patienten neigen dazu, das betroffene Gelenk zu unterfordern", erklärt Thomas Horstmann. "Wer drei Mal das Bein gegen das gespannte Gymnastikband streckt und dann aufhört, weil er ein Ziehen in der Hüfte spürt, erzielt keinen Effekt." Oft sei es auch gar nicht das Gelenk, das aufmuckt, sondern der untrainierte Muskel.

Tabus bei Sportarten gibt es nicht

Es dürfe bei der Bewegung sogar mal etwas wehtun, meint Professor Johannes Stöve, Chef der Orthopädie am Ludwigshafener St. Marienkrankenhaus. "Wichtig ist, dass der Schmerz rasch wieder verschwindet, innerhalb weniger Stunden." Bleiben die Beschwerden dagegen oder schwillt das Gelenk gar an, "hat man sicher zu viel gemacht".

Kaum eine Sportart würde Stöve von vornherein zum Tabu erklären. Der Orthopäde käme zwar nie auf die Idee, seinen Arthrosepatienten zu Fußball oder Tennis zu raten: Die vielen Stopps und Drehungen strapazieren die Gelenke arg. Doch ein Ende der sportlichen Leidenschaft muss die Diagnose Arthrose nicht bedeuten. "Es ist oft eher eine Frage der Ausführung." Wessen Herz am Tennis hängt, der kann künftig vom Einzel zum Doppel wechseln. Alpin-Skifahrer sollten besser die schwarze Piste links liegen lassen und nicht auf vereisten Abfahrten ins Tal düsen, Fußballer lieber das Freundschaftsspiel statt den Wettkampf mit K.o.-Runde suchen. Anstelle pauschaler Verbote, erklärt Stöve, "kommt es darauf an, ein Gefühl für das Gelenk zu entwickeln".

Nach 60 Minuten Gelenksport klatschen die Teilnehmer ihre Beinmuskeln mit der flachen Hand ab –zum Auflockern, wie Übungsleiterin Stephanie Perschke erläutert. "Und sagen Sie zu Ihren Gelenken: Vielen Dank, dass ihr heute so schön mitgemacht habt!"


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