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Corona: Keine Panik vor möglichen Spätfolgen

Manche Senioren befürchten, durch Covid-19 ein dauerhafter Pflegefall zu werden. Doch in den meisten Fällen ist die Sorge unbegründet.

von Orla Finegan, 14.04.2020

Gestern noch auf dem Tennisplatz, übermorgen im Pflegeheim. Und alles wegen des neuartigen Coronavirus. Ist das eine berechtigte Sorge für ältere Menschen? Laut Professor Bernhard Zwißler: "Nein." Er ist in seinem Urteil deutlich: "Es ist viel zu früh, um über mögliche Spätfolgen zu sprechen. Die Erkrankung ist gerade mal drei Monate bekannt." Zwißler ist Direktor der Klinik für Anaesthesiologie am Klinikum der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität.

Trotzdem: Viele ältere Menschen sind verunsichert. Covid-19 habe schlimme Spätfolgen, viele Patienten seien danach pflegebedürftig, hätten eine stark eingeschränkte Lungenfunktion oder seien gar hirngeschädigt, heißt es in Schreckensnachrichten. Für manche ein Grund, die Patientenverfügung anzupassen. "Lieber tot als künstlich beatmet" titelte etwa vor kurzem der Focus in einem Artikel über eine Mini-Studie von 50 Patienten.

Eine Lungenentzündung verläuft bei jedem anders

Warum Panik in der aktuellen Situation ein schlechter Ratgeber ist, stellt Experte Zwißler klar. Denn egal, ob eine Lungenentzündung durch das neuartige Coronavirus oder durch Bakterien wie Pneumokokken ausgelöst werde – bei jedem Patienten verlaufe sie unterschiedlich. Keiner könne vorher sagen, wie schnell ein Patient gesund werde. "Mache erholen sich blendend und es geht ihnen danach schnell wieder genauso gut wie vorher. Bei anderen dauert es etwas länger, bis sie wieder zur alten Form zurück finden. Und es gibt welche, die nie wieder zur ursprünglichen Leistungsfähigkeit zurückfinden", sagt er. "Diese Patienten haben aber meist Vorerkrankungen, speziell solche, die die Lungen betreffen."

Laut Zwißler spielt für die Genesung unter anderem das Alter eine Rolle und auch, wie gesund und fit die Person vor der Krankheit war. Musste ein Patient auf der Intensivstation behandelt werden, kann es auch entscheidend sein, wie lange er an den Geräten angeschlossen war. "Aber das Potenzial, sich wieder voll zu erholen, ist da", betont der Mediziner. "Fairerweise muss man aber sagen, dass das keiner vorher versprechen kann." Auch Patienten, die wegen einer Influenza beatmet werden müssen, können ihm zufolge bis zu einem Jahr brauchen, bis sie sich wieder komplett erholt haben. "Aber auch die werden wieder gesund. Und ich gehe davon aus, dass es bei Corona auch so ist."

Zwißler, aber auch sein Kollege Professor Georg Marckmann, Medizinethiker an der LMU München, plädieren dafür, sich mit dem Thema Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht auseinanderzusetzen. Denn darauf, dass Covid-19 zu einem Krankenhausaufenthalt, sogar zu einer Behandlung auf der Intensivstation führen kann, muss sich aktuell jeder einstellen. Für diesen Fall sollte es eine vertraute Person geben, die die Wünsche des Betroffenen kennt. "Außerdem ist es immer gut, wenn jemand eine Patientenverfügung besitzt", sagt Marckmann. Dann habe die Person sich damit auseinandergesetzt, wie sie im Notfall behandelt werden möchte. Er warnt aber davor, die Verfügung nun wegen der Corona-Epidemie überstürzt anzupassen. "Wir wissen zu wenig über die Erkrankung. Wenn man die Patientenverfügung konkretisieren möchte, dann nur mit einer entsprechenden medizinischen Beratung", betont Marckmann. "Sonst besteht die Gefahr, dass man Entscheidungen trifft, deren Konsequenzen man selbst gar nicht richtig einschätzen kann." Und auch in der Corona-Krise gilt: Die Patientenverfügung kommt erst zum Einsatz, wenn der Betroffene nicht mehr ansprechbar ist. Wer noch bei Bewusstsein ist, kann selbst bestimmen, ob er beatmet werden möchte oder nicht – egal was in der Verfügung steht.

Covid-19: Patienten und Ärzte haben Zeit, um über die Behandlung zu sprechen

Auch wenn die Spätfolgen bisher nicht erforscht sind, ist über den Verlauf von Covid-19 laut Weltgesundheitsorganisation bekannt: 14 Prozent der Erkrankten entwickeln schwere Symptome wie Atemnot. "Es reicht oft, wenn die Patienten Sauerstoff in die Nase bekommen und auf der Normalstation beobachtet werden", sagt Zwißler. Dabei handelt es sich nicht um künstliche Beatmung. Dadurch, dass reiner Sauerstoff durch einen dünnen Schlauch direkt in die Nase geleitet wird, fällt dem Kranken das Atmen leichter.

Nur fünf Prozent der Corona-Patienten entwickeln lebensbedrohliche Symptome wie massive Atemprobleme. Dann braucht es tatsächlich eine invasive Beatmung, wie zum Beispiel die sogenannte Intubation, um die akute Phase eines Lungenversagens zu überbrücken. Dafür wird der Patient in ein künstliches Koma versetzt, da die Intubation bei vollem Bewusstsein sehr unangenehm wäre. "Covid-19 ist keine Krankheit, die sich innerhalb weniger Stunden verschlimmert. Meist verschlechtert sich der Zustand über zwei bis drei Tage. Es bleibt genug Zeit, um mit den Ärzten über die Therapie zu sprechen, wenn der Patient rechtzeitig ins Krankenhaus kommt", sagt Zwißler.

Wer in der Patientenverfügung eigentlich eine intensivmedizinische Behandlung wie eine Beatmung ausgeschlossen hat, kann jetzt noch einmal seine Wünsche äußern und vor allem auch ändern. Denn die Verfügung wird für den Fall erstellt, dass man seine Wünsche nicht mehr äußern kann, sei es aufgrund einer Demenz oder eines schweren Unfalls. Eine Lungenentzündung, ausgelöst durch Coronaviren, sollte dagegen kein Todesurteil für einen sonst gesunden Menschen sein. "Im Gegenteil: Die Beatmung ist eine erfolgversprechende Behandlung." Und auch was eine mögliche Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff angeht, kann Zwißler beruhigen: "Der Sinn und Zweck der Beatmung ist ja, genau solche Schäden zu verhindern." Wahrscheinlicher sei in extremen Covid-19-Fällen, dass die Organe versagen und der Patient stirbt. "Aber ohne Beatmung ist der Patient lange vorher tot", sagt Zwißler.

Corona: Triage-Überlegungen in Deutschland reine Theorie 

Ein Blick nach Italien zeigt, dass die Corona-Pandemie in den Krankenhäusern auch große ethische Fragen aufwirft: Was, wenn es nicht genug Geräte gibt und die Ärzte zwischen einem jungen und einem alten Patienten entscheiden müssen? Medizinethiker Marckmann hat an den "Klinisch-ethischen Empfehlungen zur Entscheidung über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der COVID-19-Pandemie" mitgeschrieben. Zusammen mit Kollegen hat er ausgearbeitet, wie Ärzte in Deutschland entscheiden können, wer die lebensrettende Behandlung bekommt – eine Grundlage für die sogenannte Triage. Die Triage ist ein Verfahren, dass Ärzten in Krisensituationen hilft, schneller zu entscheiden, wem sie zuerst helfen sollen. "Wir haben ganz bewusst das Alter nicht als Kriterium für die Aufnahme auf der Intensivstation genommen", sagt Marckmann. "Wir wissen, dass das Alter nicht notwendigerweise mit schlechteren Heilungschancen verbunden ist. Es hängt mehr davon ab, wie schwer das Atemversagen ist, welche Vorerkrankungen der Patient hat und wie gebrechlich er ist." Marckmann wie auch sein Kollege Zwißler betonen, dass diese Überlegungen in Deutschland bisher aber reine Theorie seien.


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