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Corona: Verpflichtende Tests in der Pflege?

Experten fordern verpflichtende Tests für Pflegekräfte, für hilfebedürftige Menschen sowie deren Angehörige. Ein richtiger Schritt? Und wenn ja, wie sollen solche Testungen organisiert, von wem bezahlt werden? Ein Interview mit dem Pflegeforscher Professor Michael Isfort.

von Raphaela Birkelbach, 01.09.2020

Herr Professor Isfort, die Corona-Krise trifft die Altenpflege besonders hat. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert verpflichtende Tests für Pflegefachkräfte, die hilfebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen. Ein richtiger Schritt?
Ich unterstütze die Forderung, alle Beteiligten in der Altenpflege besser zu schützen. Rund dreieinhalb Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig und gehören zur Hochrisikogruppe. Erkranken sie an Covid-19, müssen sie mit einem besonders schweren bis hin zu einem tödlichen Verlauf der Erkrankung rechnen. Wir haben in Spanien, Italien, aber auch in Deutschland gesehen, was Schlimmes passiert, wenn der Virus in einer stationären Einrichtung grassiert. Solange wir keine Impfung haben, sind Corona-Tests aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit, das Problem in den Griff zu bekommen.

Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung

Manche Experten schlagen als Alternative zu den Tests vor, Altenheimbewohner komplett von der Außenwelt abzuschotten.
Ich halte von dieser Idee, der sogenannten Umkehrisolation nichts. Ein Pflegeheim ist keine Justizvollzugsanstalt. Bewohner brauchen das soziale Miteinander. Tests schaffen zumindest eine größere Sicherheit für alle Beteiligten. So kann sich das Pflegepersonal und am besten eine feste Bezugsperson seitens der Angehörigen liebevoller um die Bewohner kümmern. Was so wichtig ist. Die Menschen leiden darunter, wenn sie zum Beispiel keinen Besuch mehr erhalten dürfen. Sich komplett abkapseln können die Bewohner sowieso nicht. Sie haben regelmäßig Kontakt zu den Pflegekräften und dem übrigen Personal. Man kann nicht alle diese Menschen monatelang in eine Dauerquarantäne stecken, bis die Pandemie vorbei ist.

Patientenschützer fordern verpflichtende Tests. Was halten Sie davon?
Es gibt bereits eine Empfehlung, vorbeugend zu testen. Es gibt gute Einrichtungen, die das vorbildlich umsetzen und die Mitarbeiter vorbildlich kooperieren. Aber wir kennen auch Heime, in denen erschreckende Zustände herrschen. Um vor Corona zu schützen, müssen Tests verpflichtend sein. Auch in anderen Bereichen wie etwa in der Fleischindustrie haben wir gesehen, dass eine Selbstverpflichtung nicht funktioniert.

Neue Teststrategie

Die Gesundheitsminister vom Bund und der Länder wollen künftig ihre Teststrategie ändern. Ab dem 15. September soll es keine kostenlosen Tests für Rückkehrer aus Nichtrisikogebieten mehr geben. Rückkehrer aus Risikogebieten müssen sich nach ihrem Urlaub weiterhin 14 Tage in Quarantäne begeben. Durch einen negativen Test nach der Rückkehr ab dem fünften Tag nach der Rückkehr können sie diese verkürzen. Ab wann diese Regelung gilt, ist noch unklar. Die Fachleute begründen dieses Vorgehen unter anderem mit den begrenzten Laborkapazitäten, rund 1,2 Millionen Test sind maximal derzeit bundesweit pro Woche möglich.
Statt Urlauber sollen künftig wieder mehr Pflegekräfte in Alteneinrichtungen und Kliniken getestet werden. Über das konkrete Vorgehen beraten die Experten noch.

Wer soll die Tests bezahlen?
Die Kosten übernimmt derzeit die Soforthilfe der Pflegeversicherung. Es ist richtig, dass die Tests von staatlicher Seite aus finanziert werden. Die Kosten können die Heime oder ambulanten Dienste nicht stemmen, das ist auch nicht deren Aufgabe. Eine Pandemie ist immer ein Ausnahmezustand, der nichts mit Regelleistungen zu tun hat.

Wie sollen die Testungen organisiert sein?
Das müssen Virologen entscheiden. Derzeit sieht die nationale Teststrategie alle 14 Tage einen Test vor, es gibt aber auch den Vorschlag, wöchentlich oder noch häufiger zu testen. Auch müssen sie bestimmen, wie möglichst flächendeckend getestet werden kann. Wird jeder betroffene Person in der Altenpflege überprüft, sind schnell die Testkapazitäten erschöpft und Gesundheitsämter überfordert. Es gibt aber zum Beispiel die Möglichkeit der sogenannten Pool-Testungen. Das bedeutet, man nimmt etwa von jeder Pflegekraft einer Arbeitsschicht den Abstrich, bündelt sie in einer Proben und testet diese dann auf Corona. Fällt das Ergebnis negativ aus, sind alle getesteten Personen eindeutig virusfrei. Es reicht ein Test als Nachweis für mehrere Personen.
Eine Pflegekraft sollte aber ein Anrecht auf einen Test haben und einfordern dürfen, wenn sie sich Sorgen macht. Auch, wenn keine Symptome bestehen oder sie aus keinem Risikogebiet kommt. Viele Mitarbeiter brauchen dieses Sicherheitsgefühl, um gut arbeiten zu können und ihrem pflegebedürftigen Gegenüber zu versichern: "Sie brauchen keine Angst haben. Ich habe keine Infektion."

Was halten Sie von der Forderung, pflegebedürftigen Menschen zuhause zu testen?
Auch hier muss überlegt werden, ob sich das realistisch umsetzen lässt. In stationären Einrichtungen kann es Sinn machen, den Abstrich vor Ort im Heim zu machen. Pflegekräfte haben auch weder die Zeit noch die Kapazitäten, Bewohner immer zur nächsten Teststation zu fahren. In der häuslichen Pflege sind regelmäßige Tests, für die Mitarbeiter vom Gesundheitsamt in die Wohnung kommen, nicht möglich. Dreiviertel der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause betreut. Gesundheitsämter haben nicht das Personal und die Zeit, regelmäßig diese Haushalte aufzusuchen. Auch die Laborkapazitäten reichen dafür nicht. Bei Verdacht auf eine Infektion sollte es weiterhin so sein, dass die pflegebedürftige Person und die Angehörigen ein Anrecht auf einen Test haben,  sofort und kostenlos.

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Viele Menschen in der Pflege fühlen sich alleingelassen und überfordert. Woraus wir lernen sollten und wo pflegende Angehörige Hilfe und auch Erholung finden können, beantwortet der Pflegeberater André Scholz.

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Wie schätzen Sie die Situation der pflegenden Angehörigen ein?
Sie befinden sich in einer besonders misslichen Lage. Derzeit müssen sie die Schutzvorkehrungen wie etwa Masken und Handschuhe selbst besorgen und bezahlen, die Hilfsmittelpauschale kann das nicht abdecken. Wenn sie aus Angst vor einer Ansteckung keinen Pflegedienst oder andere Betreuungskraft mehr ins Haus lassen, kommen sie ganz schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Sie können sich auch nicht in Quarantäne begeben, weil sie sich ja um den pflegebedürftige Angehörigen kümmern müssen und für ihn etwa einkaufen müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Entlastungsangebote wie etwa die Tagespflege wegen Corona auch nicht bestehen oder nur bedingt funktionieren. Auf diese Missstände können Angehörigen nur immer wieder hinweisen. Gefordert ist hier vor allem die Politik mehr Unterstützung anzubieten. Angehörige sollten kostenfreien Zugang zu den nötigen Hilfsmitteln bekommen. Und eben bei Verdacht auf eine Infektion das Anrecht auf einen aufsuchenden und kostenlosen Test, was  sich in der Realität für die Betreffenden leider manchmal als schwierig erweist. Das darf nicht sein. Immerhin sind Angehörige der größte Pflegedienst Deutschlands, ohne sie würde das ganze Pflegesystem zusammenbrechen.


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