Ist grüner Tee gesund?

Das Volksgetränk der Chinesen und Japaner wird auch bei uns immer beliebter. Hinweise auf einen gesundheitlichen Nutzen gibt es viele, echte Beweise fehlen noch
von Heidi Loidl, 11.01.2018

Tasse grüner Tee: Ritual und Genuss

Getty Images/View Stock

Es ist das leicht grasige bis blumige Aroma, das Maximilian Wittig so mag. "Das Teeblatt in seiner ursprünglichen Art liefert ein ganz besonderes Getränk, das trinke ich nicht nebenbei, sondern sehr bewusst." Wenn er sich im Büro eine Auszeit gönnen will, fällt seine Wahl auf Grüntee. Für den 32-Jährigen ist sein Teeregal das, was für andere ihr Weinkeller ist. Und das nicht erst, seit er vor knapp zwei Jahren die Geschäftsführung des Deutschen Teeverbands übernahm.

Noch ist Schwarztee mit seinem würzig herben, kraftvollen Aroma der beliebtere Aufguss: 70 Prozent der Teetrinker entscheiden sich dafür. Aber der zart-aromatische Grüntee wird immer beliebter. Wittig glaubt einen wichtigen Grund dafür zu kennen: "Die Medien sind ja voll von Positivmeldungen über seine gesundheitlichen Wirkungen."

Unterschied zwischen grünem und schwarzem Tee

Doch was ist an Grüntee eigentlich so anders im Vergleich zu Schwarztee? Beide stammen von derselben Pflanze, dem Teestrauch. Für Schwarztee werden die welken Teeblätter gerollt oder zerstoßen, das aktiviert die teeeigenen Enzyme, Inhaltsstoffe der Blätter verändern sich und geben dem Getränk seine intensive Farbe und sein kräftiges Aroma.

Für Grüntee dagegen werden die Blätter nach der Ernte je nach Herstellungsland gedämpft (in Japan) oder geröstet (in China). Diese Wärmebehandlung stoppt die Enzyme und damit die Fermentation, die Inhaltsstoffe des Teeblatts bleiben weitgehend unverändert. Die entscheidende Frage: Bedeutet das einen gesundheitlichen Vorteil? Schließlich behält Grüntee auch seinen hohen Gehalt an Catechinen, die Forscher für seine möglichen Gesundheitswirkungen verantwortlich machen: Er soll beim Abnehmen unterstützen, erhöhten Blutdruck senken, die Blutfettwerte verbessern, Zuckerstoffwechsel und Knochendichte günstig beeinflussen, Krebszellen hemmen, die Leistungsfähigkeit steigern und geistigen Abbau bremsen.

Nutzen für die Gesundheit: Viele Studien, keine Beweise

"Hinweise gibt es tausendfach", erläutert Professor Ulrich Engelhardt aus Braunschweig, "sichere Beweise dagegen fehlen." Ob Schwarztee als Gesundgetränk schlechter abschneidet, kann der Lebensmittelchemiker nicht sagen."Eventuell haben auch die Folgestoffe der Catechine günstige Effekte." Aber Schwarztee ist insgesamt viel weniger untersucht.

Und wie ist Grüntee im Vergleich zu Kaffee zu bewerten? Auch da muss Engelhardt passen. Fest steht nur: Beide sind anregend, über Tee aufgenommenes Koffein wirkt aber milder als das aus Kaffee, dafür hält der Effekt länger an.

Sechs Fragen zu grünem Tee

1. Sieb, Netz oder Ei?

Teeblätter brauchen Raum, damit sich ihre Wirkstoffe lösen können. Das Ei engt ein, Netze nehmen das Aroma des Tees an. Ideal ist ein in die Kanne integriertes Sieb oder ein großes Edelstahlsieb. Schwebeteilchen vom Teeblatt sind erwünscht – die richtige Maschengröße wählen! Alternativ Tee durchs Handsieb in eine zweite Kanne gießen.

2. Welche Kanne?

Bauchige Kannen bieten den Teeblättern Platz, sich zu entfalten. Ob Porzellan oder Glas ist egal, beide nehmen keine Gerüche an. Vor Benutzung einmal heißes Wasser einfüllen, das wärmt die Kanne vor, und der Tee bleibt länger heiß.

3. Ist einmal keinmal?

Chinesen und Japaner brühen ihren Tee bis zu sechsmal auf, nehmen aber mehr Teeblätter. Ein hochwertiger Tee erlaubt bei uns bis zu drei Aufgüsse, der Koffeingehalt wird mit jedem weniger. Ob Ihnen der zweite Aufguss Ihres Tees noch schmeckt, sollten Sie testen. Die Wassertemperatur jedes Mal leicht erhöhen, die Ziehzeit verkürzen.

4. Alternative Teebeutel?

Oft kommt Tee aus einer Ernte als ganze Blätter lose oder aber – zerkleinert – im Beutel in den Handel. Der Tee wird auch hier allseits umspült – für Kenner trotzdem nicht das Gleiche.

5. 60, 70 oder 80 Grad?

Aus Grüntee lösen sich bei niedrigeren Temperaturen zarte Aromen. Sie sollen nicht durch Bitterstoffe überlagert werden, die ab etwa 90 Grad in Lösung gehen. Wählen Sie Wassertemperatur, Dosis und Ziehzeit wie angegeben. Kochendes Wasser kühlt in etwa 10 Minuten auf 80 Grad ab.

6. Wo einsteigen?

Zum Einstieg empfehlen Kenner den japanischen Klassiker "Sencha". Er schmeckt frisch und markant. Hochwertig, aber teuer ist "Gyokuro" (auch aus Japan). Er wird in den letzten Wochen vor der Ernte beschattet und entwickelt dadurch weniger Bitterstoffe. Auch "Matcha" nimmt man das Licht. Er wird fein gemahlen angeboten und ist der einzige Tee, dessen Blätter mitgetrunken werden. Aus China kommt "Lung Ching", sein Aufguss ist sattgelb. Bei "Chun Mee" ("Wertvolle Augenbraue") ist die Form der Blätter namensgebend: Sie biegen sich beim Rollen leicht. "Gunpowder" wird zu Kügelchen gerollt, damit er nicht so leicht zerbröselt.

Potenziell krebserregende Stoffe in Grüntee

Für eine unangenehme Überraschung sorgte Grüntee vor zwei Jahren, als die Stiftung Warentest 25 Sorten auf Schadstoffe überprüfte und in neun davon potenziell krebserregende Stoffe fand. "Diese kommen nicht im Tee selbst vor, sondern werden von Beikräutern gebildet, die in Einzelfällen unbeabsichtigt mitgeerntet werden", so Fachmann Wittig. "Aber seit Bekanntwerden des Problems haben die Plantagen größte Anstrengungen unternommen, die Situation zu verbessern. Unsere Analysen zeigen, dass sie bereits erfolgreich waren." In jedem Fall zu empfehlen: zwischen mehreren Sorten abwechseln.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse mögen ernüchternd sein. Doch für Lebensmittelchemiker Engelhardt ist Grüntee ohnehin vor allem eins: ein Genuss. Das unfermentierte Blatt ist allerdings sensibel, und die Zubereitung verlangt etwas Aufmerksamkeit. Vielleicht steckt genau darin sein Gesundheitspotenzial.


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