Neue Hüfte mit 90?

Künstliche Gelenke sind kein Problem, sagt der Chirurg Ulrich Stöckle. Doch er warnt: Gelenkprothesen können auch schaden

von Kai Klindt, 11.04.2018
Hüftschmerzen

Herr Professor Stöckle, im Jahr 2005 bekamen rund 2400 über 85-Jährige in Deutschland ein neues Knie. 2016 waren es bereits 4 400 – ein Anstieg um mehr als 80 Prozent. Kennt der Gelenkersatz keine Altersgrenzen mehr?

Das Alter im Pass spielt so gut wie keine Rolle. Entscheidend ist das biologische Alter, also wie gut jemand beieinander ist. Ich habe auch schon Patienten in den 90ern operiert. Aber die waren entsprechend rüstig. Sie waren bei mir in der Sprechstunde und sagten: "Ich will das."

Warum steigen die Zahlen?

Der jetzige 85-Jährige ist fitter als der 85-Jährige vor 20 Jahren. Auch sind Senioren weniger bereit, Schmerzen und Einbußen bei der Beweglichkeit hinzunehmen. Dazu kommt: Die Techniken sind schonender geworden. So lässt sich zum Beispiel der Blutverlust während der Operation begrenzen. Wir haben viel gelernt aus der Behandlung von Älteren, die wir wegen eines Hüftbruchs akut mit einer Prothese versorgen mussten. Diese Erfahrungen kommen jetzt Patienten zugute, die sich einem Gelenkersatz unterziehen wollen.

Prof. Stöckle

Trotzdem warnten Sie kürzlich in einem Vortrag: Gelenkprothesen können im hohen Alter auch schaden. Wann ist das der Fall?

Grob gesagt: Wenn man nur ein Röntgenbild operiert. Wenn Sie eine Aufnahme von Knie oder Hüfte eines älteren Patienten machen, finden Sie oft Zeichen einer Arthrose. Aber das heißt nicht, dass hier auch die Ursache für seine Beschwerden liegen muss. Wir brauchen eine genaue Diagnostik. Eine OP und kein Nutzen, das wäre schlecht. Zumal der Eingriff für Ältere höhere Risiken birgt, weil sie oft Begleitkrankheiten haben.

Woran denken Sie da?

Ein Herzleiden zum Beispiel kann dazu führen, dass der Patient nach der OP längere Zeit auf der Intensivstation bleiben muss. Wer Parkinson hat, kann vielleicht die Muskeln um das Gelenk nicht so gut kontrollieren. All das schließt eine Prothese nicht aus. Man muss es aber berücksichtigen.

Australische Forscher berichteten jüngst, dass jeder Fünfte mit seiner Knieprothese unzufrieden ist.

Das kann auch mit überzogenen Erwartungen zu tun haben. Manchmal werden Senioren von Angehörigen zu dem Eingriff gedrängt. Sie erwarten sich Wunder davon. Aber wenn der Patient schlecht zu Fuß ist, weil er kurzatmig ist, bringt ihm eine Prothese wenig. Wir können das Gelenk erneuern, aber nicht den ganzen Körper. Da muss man ehrlich sein.

Wie finde ich die passende Klinik?

Als älterer Patient würde ich auf eine Klinik achten, die nicht nur Erfahrung mit der OP hat, sondern auch über eine Abteilung für Innere Medizin verfügt, sodass eine gute Rundumversorgung gewährleistet ist.

Wann ist der beste Zeitpunkt?

Wenn der Patient seine Aktivitäten wegen des Gelenks immer mehr einschränkt oder regelmäßig Schmerzmittel nehmen muss. Bei Älteren würde ich sehr dazu raten, den Eingriff nicht hinauszuzögern. Das macht es oft nur schwieriger. Stimmen die Voraussetzungen, kann eine Prothese wesentlich dazu beitragen, im Alter selbstständig zu bleiben.


Newsletter abonnieren

Newsletter Senioren Ratgeber

Senioren Ratgeber - Newsletter