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Geriatrie: Was die Altersmedizin leistet

Wie Spezialisten dafür sorgen, dass Menschen im Alter länger selbstständig bleiben – und was jeder daraus lernen kann

von Kai Klindt, aktualisiert am 31.03.2017
Mann beim Arzt

Gut betreut: Das richtige Wissen hilft, im Alter gesund zu bleiben


Das hatte Ingeborg L. sich ganz anders vorgestellt. Fix für ein paar Tage ins Krankenhaus, um ein neues Knie verpasst zu bekommen, und dann nahtlos in die Rehaklinik in Südholstein.

Eine Woche nach dem Eingriff hatte ihre Tochter schon den Koffer für die Fahrt nach Bad Bramstedt gepackt. Ingeborg L. aber fühlte sich alles andere als reisefertig. Die "boshafte Narkose", wie sie sagt, habe ihr zugesetzt. "Ich war völlig platt." Statt zur Reha kam die 85-Jährige erst einmal in die geriatrische Klinik des Hamburger Albertinen-Hauses.

Abwärtsspirale im Alter stoppen

Operationen, Infekte, Stürze: Was junge Leute meist gut wegstecken oder in kurzer Zeit auskurieren, wirft ältere Menschen leicht aus der Bahn. Medizinisch mag alles picobello sein, die Wunde verheilt, die Entzündung abgeklungen. Und doch kommt der Patient nicht auf die Beine. "Mit zunehmendem Alter schwinden unsere Reservekapazitäten", erklärt Professor Wolfgang von Renteln-Kruse, Chefarzt im Albertinen-Haus. So kann auch ein kleines Gebrechen eine Abwärtsspirale in Gang setzen, an deren Ende eine Situation steht, vor der sich Senioren fürchten: nicht mehr selbstständig leben zu können.

Die Geriatrie ist angetreten, den Negativtrend zu stoppen. Offenbar macht sie ihre Sache gut: Im Schnitt sind 80 Prozent der betagten Patienten bei der Entlassung wieder so gut beieinander, dass sie zu Hause zurechtkommen – selbst ein Jahr später noch, wie Studien herausgefunden haben. Auch außerhalb der Klinik weiß die Altersmedizin von Erfolgen zu berichten. Pflegebedürftigkeit, so viel ist nach neuen Zahlen klar, lässt sich vermeiden – oder doch hinauszögern oder lindern.

Tests geben Hinweis auf Risiken

Wie gelingt das? Zu den wichtigsten Werkzeugen gehört eine gründliche Bestandsaufnahme. Wer als Patient in die Geriatrie kommt, hört viele Fragen: Klappt es mit dem Zähneputzen? Wie sieht es mit dem Treppensteigen aus? Daneben werden meist kleine Proben der Fitness gefordert – etwa einen Kugelschreiber vom Boden aufheben.

Mittlerweile halten die geriatrischen Tests und Fragebögen auch in Hausarztpraxen Einzug. "Die Patienten empfinden das mitunter als schulmäßig", sagt Dr. Uta Simons, Allgemeinmedizinerin mit Schwerpunkt Geriatrie in München. Doch die Ergebnisse liefern Hinweise, die bei der üblichen Untersuchung des Patienten oder dem Studium seiner Krankenakte leicht verborgen bleiben – etwa auf Sturzgefahr.

Orte der Altersmedizin

 

Hausarzt

Immer mehr Hausärzte qualifizieren sich eigens für die Altersmedizin, zum Beispiel mit der Zusatzbezeichnung "Geriatrie". Wer als Senior einen neuen Hausarzt sucht, sollte darauf achten, dass dieser auch Hausbesuche bietet.


Apotheke
Rund 620 Apotheker haben bislang die neue Weiterbildung "geriatrische Pharmazie" absolviert. Medikations-Checks können Kunden von jeder Apotheke erwarten.


Akutklinik
Mehr als 400 Krankenhäuser in Deutschland haben eine Geriatrie. Seit 2007 ist die Zahl der Betten um gut 30 Prozent gestiegen. Für eine Aufnahme muss der Patient akut erkrankt sein – etwa an einer Lungenentzündung.


Rehabilitation
Rund 170 Kliniken bieten geriatrische Rehabilitation an. Der Arzt kann diese unabhängig von einer akuten Erkrankung vorschlagen – insbesondere wenn Pflegebedürftigkeit droht.

"Die bloße Zahl der Krankheiten sagt wenig über das Risiko aus, zum Pflegefall zu werden", weiß Dr. Ulrike Dapp, Forschungskoordinatorin am Albertinen-Haus. Ein 80-Jähriger kann viele Leiden haben, von Gefäßverkalkung bis Knorpelschwund – und doch im Alltag zurechtkommen. "Entscheidend ist, wie sehr die Erkrankungen die Funktionen eines alten Menschen beeinträchtigen."

Passen die Medikamente zum Menschen?

Eine Schlüsselrolle spielt die Arzneitherapie. So können Medikamente heute sehr wirksam verhindern, dass aus einem Bluthochdruck Schlimmeres erwächst – ein Schlaganfall oder Herzinfarkt etwa.

Im Mittel nehmen ab 70-Jährige täglich fünf Arzneien ein. Aber Florian Becker weiß auch von Patienten zu berichten, die auf mehr als 30 Tabletten am Tag kommen. Der Apotheker aus Hamburg steht den Ärzten des Albertinen-Hauses tageweise zur Seite, um die medikamentöse Behandlung frisch aufgenommener Patienten zu überprüfen. Seine erste Frage lautet: Passen die Medikamente des Kranken überhaupt zu seinen aktuellen Diagnosen? "Es kann bei derselben Person sowohl Unter- als auch Überversorgung geben", erzählt Becker. "Zwei Medikamente gegen zu hohes Cholesterin – aber keines gegen Osteoporose, obwohl der Patient sich gerade die Hüfte gebrochen hat."

Arzneien auf dem Prüfstand

Ob aus Gewohnheit oder infolge von Unkenntnis: Einige Senioren bekommen seit Jahrzehnten die gleichen Medikamente verschrieben, meint Dr. Wolfgang Schmitt, Apotheker für geriatrische Pharmazie in Wuppertal. Nicht nur, dass häufig die Dosis gesenkt werden müsste, weil die Nieren mit der Zeit weniger gut filtern. Manche Therapien sind auch schlicht überholt. "Speziell bei Blutdruckmitteln hat sich seit den 1990er-Jahren viel getan." Die Justierung der Arzneitherapie verlangt eine enge Absprache von Ärzten und Apothekern – am Ende kommt der Patient oft mit einem Drittel weniger Tabletten aus.

Bei Schmerzmitteln geht Geriater von Renteln-Kruse mit Bedacht vor. "Es gibt zu viele ältere Menschen, die morgens mit Schmerzen aufstehen und abends mit Schmerzen ins Bett gehen." Das ist zermürbend, und es schränkt die Mobilität ein.

Nichts aber ist der Altersmedizin wichtiger, als Senioren in Bewegung zu halten. Vor der Pflegebedürftigkeit kommt der Muskelschwund, haben Studien bewiesen. Im hohen Alter verliert der Körper Jahr für Jahr an Muskelkraft. Training, vor allem in puncto Koordination und Kraft, kann gegensteuern, aber auch körperliche Aktivität im Alltag hilft weiter.

Hilfe zur Selbsthilfe

In diesem Punkt setzt die Geriatrie ebenfalls auf ein Umdenken in der Medizin. Der Blick gilt weniger den Einbußen. "Wichtiger ist, dem Patienten vor Augen zu führen, was in ihm steckt – allen Einschränkungen zum Trotz", meint Dr. Kathrin Tatschner von der Geriatrischen Rehabilitationsklinik der AWO in Würzburg. Der Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit von Ärzten, Therapeuten und Pflegern. "Nie hätte ich gedacht, dass ich das noch mal schaffe!", heißt es dann oft. Die Bluse selbstständig anziehen. Den Weg zur Toilette allein gehen. Das Essen ohne Hilfe kochen.

Solche Erfahrungen schenken Selbstvertrauen, und auch dies freut die Altersforscher: Wer an sich glaubt und mit Zuversicht nach vorn sieht, ist besser gegen die Anfechtungen der späten Jahre gewappnet.

Wirksame Prävention

Vermutlich besteht darin sogar ein Hebel, um der Pflegebedürftigkeit entgegenzuwirken, berichtet Forscherin Dapp. Ihr Vorzeigeprojekt ist eine Langzeitstudie mit mehr als 3000 Hamburger Senioren. Etwa 800 von ihnen entschieden sich für die Teilnahme an einer halbtägigen Präventionsveranstaltung mit Geriatern und Therapeuten. Es ging um Gesundheit im Alter, vor allem aber darum, wie man das Wissen auf die eigene Situation ummünzt.

Jetzt, zwölf Jahre später, kann Dapp feststellen: Wer damals das Seminar besuchte, ist heute noch mobiler und seltener auf Pflege angewiesen. "Ältere wollen ja etwas für sich tun", sagt sie, "man muss ihnen nur den Weg weisen."

Tipps: So bleiben Sie im Alter selbstständig

  • Kummer ernst nehmen: Psychische Erkrankungen, etwa eine Depression, erhöhen im Alter das Risiko für Gebrechlichkeit. Wer sich seelisch belastet fühlt, sollte mit dem Hausarzt darüber sprechen. 
  • Vollwertig essen: Mischkost mit viel Obst und Gemüse ist das Rezept für ein gesundes Alter. Pflegebedürftigkeit geht häufig mit Mangelernährung einher – vor allem in puncto Eiweiß haben ab 80-Jährige oft Defizite. Deshalb gehören auch Milchprodukte und Hülsenfrüchte auf den Speiseplan.
  • Kontakte pflegen: Angehörige, Freunde, Nachbarn: Ein enges soziales Netz ist auch ein Puffer gegen körperlichen und geistigen Abbau, weiß die Forschung. Besonders der Gesundheit förderlich ist ein Ehrenamt.
  • Bewegter leben: Körperliche Aktivität und Sport sind die wissenschaftlich am besten untersuchten Abwehrmaßnahmen gegen Gebrechlichkeit. Mittlerweile gibt es ein breites Angebot an Kursen, die auf Senioren zugeschnitten sind, etwa unter dem Titel "Präventionssport" oder "Fit für 100". Zu den Veranstaltern zählen Sportvereine, Volkshochschulen und Seniorenzentren.
  • Sich kundig machen: Wer frühzeitig Informationen über Hilfen wie Pflegedienste vor Ort einholt, ist besser gerüstet, wenn die Kräfte nachlassen – und kann in eigener Regie über die nötige Unterstützung entscheiden. 
  • Risiken minimieren: Chronische Leiden wie andauernde Schmerzen, Bluthochdruck oder Diabetes machen Körper und Geist verwundbar. Regelmäßige Arztbesuche und eine gute Therapie schützen vor den Folgen.

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