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Senioren: Jetzt gegen Grippe impfen?

Geriaterin und Impfexpertin Dr. Anja Kwetkat über den besten Zeitpunkt für die Impfung und warum der Schutz gerade für Ältere so wichtig ist.

von Orla Finegan, aktualisiert am 01.11.2020

Obwohl es eine ausdrückliche Impfempfehlung für Senioren gibt, ließen sich in den vergangenen Jahren nur ca. 40 Prozent impfen. Woran könnte das liegen?

Dr. Kwetkat: Viele Senioren wissen gar nicht, dass sie sich allein aufgrund des Alters impfen lassen sollten. Viele denken auch, dass Impfen nur etwas für Kinder ist. Und dann halten sich leider immer noch die Gerüchte, dass durch die Grippe-Impfung eine Grippe ausgelöst wurde. Tatsächlich kann das aber gar nicht sein.

Warum nicht?

Dr. Kwetkat: Der Grippe-Impfstoff für Erwachsene ist ein Tot-Impfstoff. Die darin enthaltenen Viren-Bestandteile sind nicht mehr aktiv. Es ist meist so, dass bei der geimpften Person vorher schon eine Erkältung im Anzug war, die dann kurz nach der Impfung ausgebrochen ist. Eine echte Grippe kann die Grippe-Impfung also tatsächlich nicht auslösen. Aber die Gerüchte halten sich hartnäckig.

Dr. med. Anja Kwetkat leitet die Klinik für Geriatrie am Universitätsklinikum Jena.

Was aber vorkommt: Ich bin geimpft, erkranke einige Wochen oder Monate später aber trotzdem an der Grippe. Wie kann das passieren?

Dr. Kwetkat: Die Impfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz. Gerade bei älteren Menschen baut das Immunsystem als Reaktion auf eine Impfung keine so starke Abwehr auf wie bei jüngeren Menschen. Die sogenannte Immunantwort fällt geringer aus. Aber: Wenn ich trotzdem erkranke, dann in der Regel nicht so schlimm, wie es ohne Impfung der Fall wäre. Das sollte man vor allem im Hinterkopf behalten, weil bei ungeimpften Senioren eine Grippe auch schnell einen Krankenhausaufenthalt nötig machen kann und auch zu bleibenden Einschränkungen führen kann. Eine echte Grippe, nicht nur eine schwere Erkältung, setzt einen älteren Menschen eine zeitlang außer Gefecht.

In letzter Zeit hat man oft gehört, es gäbe nicht genügend Impfstoff, viele Patienten wurden von Arzt oder Apotheker auf Ende November vertröstet. Ist November, Dezember nicht zu spät für die Grippe-Impfung?

Dr. Kwetkat: Selbst im Januar wäre es nicht zu spät, sich impfen zu lassen. Es dauert etwa 14 Tage, bis die Impfung wirkt, dann hält der Schutz einige Monate. Mit der Zeit lässt er nach, bei älteren Menschen schneller als bei jüngeren. Die Grippe-Saison geht bei uns meist erst im Januar oder Februar los und kann bis Ende März oder bis in den April andauern. Wer sich schon im September impfen ließ, ist dann eventuell nicht mehr ausreichend gegen die Viren gewappnet.

Die Angst vor einer Doppel-Infektion mit Grippe- und Coronaviren dürfte dieses Jahr mehr Ältere dazu bewegen, sich impfen zu lassen.

Dr. Kwetkat: Ich glaube, bei den Senioren ist angekommen, dass sie sowohl durch eine Covid-19 als auch eine Grippe-Infektionen sehr gefährdet sind. Ich erwarte schon, dass die Impfquote in der Altersgruppe der Über-60-Jährigen diese Saison steigen wird.

Wenn wir eh alle Mundschutz tragen und häufig Hände waschen – sind wir dann nicht schon gut vor Krankheitserregern geschützt?

Dr. Kwetkat: Natürlich könnte man meinen, dass wir diesen Winter durch die zahlreichen Hygiene-Maßnahmen besser vor Ansteckung geschützt sind. Ich persönlich denke aber, dass man gerade als Risikopatient – und das sind Senioren – sich selbst schützen muss und nicht nur darauf vertrauen sollte, dass alle anderen durch tapferes Maske tragen dafür sorgen, dass sie ihre Keime bei sich behalten. Wenn man also zur Risikogruppe gehört, sollte man auch der Empfehlung der STIKO folgen und sich zusätzlich durch die Impfung schützen.

Tipps im Video: So tragen Sie den Mund-Nasen-Schutz richtig:

Was, wenn ich nicht selbst zur Risikogruppe gehöre, aber meine gebrechlichen Eltern pflege? Kann ich sie schützen, wenn ich mich impfen lasse?

Dr. Kwetkat: Ja. Auch, wenn man selbst gut mit einer Ansteckung zurecht käme, ist man ein Verteiler und steckt andere an. Deshalb steht in der Impfempfehlung, dass sich auch Menschen impfen lassen sollten, die mit Risikopatienten in einem Haushalt leben oder sich um eine gefährdete Personen kümmern.

Wie ist es mit bettlägerigen Angehörigen, die kaum Kontakt nach außen haben. Ist auch für sie die Grippe-Impfung sinnvoll?

Dr. Kwetkat: Ja, denn wir leben ja nicht unter einer Käseglocke. Der Angehörige hat natürlich ein geringeres Risiko, weil er weniger Kontakte hat – aber komplett abgeschottet ist er nicht. Der Pflegedienst oder Familienmitglieder können die Viren trotzdem unbemerkt einschleppen. Durch Corona merken wir ja alle, wie schwierig es ist, Abstand zu halten. Am Ende ist die gut gemeinte Umarmung, um jemanden zu trösten, nicht ohne Risiko. Deshalb sollten eben auch die pflegebedürftigen Menschen konsequent geimpft werden. Manchmal muss man ja auch ungeplant ins Krankenhaus. Die Grippe-Impfung kann möglichen Komplikationen vorbeugen.


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