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Wie sinnvoll sind IGeL-Leistungen für Senioren?

Individuelle Gesundheitsleistungen – kurz: IGeL – werden in nahezu jeder Arztpraxis angeboten. Gegen Aufpreis. Wie Sie herausfinden, welche Leistungen Sinn für Sie machen

von Ingrid Kupczik, 22.11.2011
Messung des Augen Innendrucks

Augeninnendruck-Messung: Kann die Entwicklung eine Glaukoms rechtzeitig entdecken


Für Gabriele H. aus Hamburg ist die Sache klar. "Wenn mein Frauenarzt mir empfiehlt, eine zusätzliche Ultraschalluntersuchung der Brust zu machen, weil das die Mammografie sinnvoll ergänzt, dann tue ich das natürlich", sagt die Mittsechzigerin aus Hamburg. Sie vertraut auf die Expertise ihrer Fachärzte. "Auf was denn auch sonst?", fragt sie und gibt den Bericht ihres Frauenarztes wieder, wonach dieser dank Ultraschall schon bei mehreren Patientinnen einen Knoten in der Brust entdeckt habe, der vorher bei der Mammografie unbemerkt geblieben war. Also zahlt sie ohne Murren die 30 Euro aus eigener Tasche. Dazu kommen noch 20 Euro für einen verfeinerten Stuhltest zur Darmkrebsfrüherkennung, 20 Euro für die Glaukom-Früherkennung, 50 Euro für professionelle Zahnreinigung. Es läppert sich, "dient aber alles meiner Gesundheit", sagt Gabriele H.

Tut es das? Dies ist eine für den Laien kaum zu beantwortende Frage, wo doch nicht einmal die Experten sich einig sind. Aus Sicht der Kassen sind alle notwendigen Untersuchungen etwa zur Krebsvorsorge mit ihrem Leistungskatalog abgedeckt. Nach Ansicht der Bundesärztekammer gehören individuelle Gesundheitsleistungen jedoch zu den Leistungen, die teilweise medizinisch erforderlich oder zumindest empfehlenswert sein können.

Ein typisches Beispiel aus der Augenheilkunde: Die gesetzlichen Kassen lehnen die Kostenübernahme für eine Untersuchung zur Früherkennung des Grünen Stars (Glaukom) ab, weil die Wirksamkeit nicht eindeutig bewiesen sei. Der Berufsverband der Augenärzte sieht dies anders und weist darauf hin, dass in Deutschland ein Drittel bis zur Hälfte aller Fälle von Erblindung die Folge einer Glaukom-Erkrankung sind. Der erhöhte Augeninnendruck gehöre, neben Alter und familiärer Belastung, zu den Hauptrisikofaktoren für die Entstehung dieser Augenkrankheit. Durch eine Messung des Augeninnendrucks könne man verhindern, so die Argumentation weiter, dass sich ein Glaukom unmerklich entwickelt und erst spät diagnostiziert wird, wenn es bereits zu einem irreparablen Sehschaden gekommen ist.

Ähnlich kontrovers wird auch über Sinn und Nutzen des PSA-Tests (PSA = Prostata spezifisches Antigen) für Männer zur Früherkennung von Prostatakrebs gestritten. Der Berufsverband der deutschen Urologen und die deutsche Gesellschaft für Urologie beschreiben die PSA-Bestimmung in ihrem "Urologenportal" im Internet ausdrücklich als "empfehlenswerte zusätzliche Untersuchung", die Kasse aber zahlt diese Vorsorgeleistung nicht.

15 Tipps zum Umgang mit IGeLn

Paradoxerweise werden die Kosten für diese und andere Untersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten meist rückwirkend erstattet, wenn eine privat gezahlte IGeL-Leistung einen krankhaften Befund ergibt. Und für den Fall, dass bereits ein Verdacht auf eine Erkrankung vorliegt, wird die Untersuchung ohnehin bezahlt.

Seit 1998 dürfen niedergelassene Ärzte in Deutschland individuelle Gesundheitsleistungen anbieten. Es sind Untersuchungen oder Behandlungen, die vom "Gemeinsamen Bundesausschuss" der Ärzte und Krankenkassen nicht als notwendig, zweckmäßig und wirtschaftlich anerkannt wurden – oder die bisher noch gar nicht bewertet worden sind. So entschied der Ausschuss beispielsweise 2005, das Glaukom-Screening nicht in den Leistungskatalog der Kassen aufzunehmen. "Bietet ein Arzt Leistungen jenseits des Katalogs dennoch an, dann sollte der Patient sie auf jeden Fall kritisch hinterfragen", fordert Klaus Zok vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO). Insbesondere Senioren, die oft mehrere Medikamente nehmen, sollten nach Ansicht von Zok mit dem behandelnden Arzt klären, ob und inwieweit die Extrabehandlung zu unerwünschten Wechselwirkungen führen kann.

Mittlerweile sind in den deutschen Arztpraxen weit über 300 verschiedene IGeL im Angebot. Manche werden im Wartezimmer mit bunter Broschüre beworben, andere im Praxis-TV vorgestellt oder diskret im ärztlichen Beratungsgespräch erwähnt: vom Sono-Check der inneren Organe, Biofeedback und Glatzenbehandlung bis hin zum "Brain Check" zur Früherkennung von Demenzen. Bei Privatpatienten sind, je nach Versicherungspolice, die IGeL im Leistungskatalog enthalten.

Der "zweite Gesundheitsmarkt", wie Ökonomen das Geschäft mit den Selbstzahlerleistungen nennen, boomt. 2010 wurden 1,5 Milliarden Euro umgesetzt, 50 Prozent mehr als 2005, ermittelte das Wissenschaftliche Institut der AOK in einer Studie. Dabei sind die Zahnärzte noch nicht einmal berücksichtigt. Mehr als 28 Prozent der Kassenpatienten kauften 2010 eine medizinische Extraleistung. Am meisten "igelten" die Augenärzte, gefolgt von den Frauenärzten. Die größte Nachfrage gab es bei Ultraschalluntersuchungen und der Glaukom-Vorsorge.

Laut WIdO-Studie werden Patienten mit höherem Einkommen statistisch doppelt so häufig gegen Aufpreis behandelt wie die Geringverdiener. Die Hamburgerin Gabriele H. ist demnach die idealtypische IGeL-Kundin: Weil sie eine gute Rente bezieht. Und weil sie von ihren Ärzten auf die Sonderleistungen aufmerksam gemacht wurde, anstatt selbst danach zu fragen. Das ist bei drei Viertel aller IGeL-Patienten der Fall – obwohl die Ärzte diese Sonderleistungen eigentlich weder bewerben noch von sich aus anbieten dürften. "Ich erwarte aber von meinem Arzt, dass er mich auf gute ergänzende Untersuchungen oder Therapien hinweist", sagt Gabriele H. Ein kaum zu lösender Widerspruch.

Viele IGeL sind unbestritten sinnvoll – wie eine Raucherentwöhnung, ärztliche Hilfe bei Übergewicht oder der medizinische Check beispielsweise für den Senior, der nach langer Sport-Abstinenz nun wieder durchstarten möchte. Ebenso unstrittig ist der Nutzen von Impfungen vor Fernreisen. "Diese zu bezahlen war übrigens nie die Aufgabe der gesetzlichen Krankenkassen", betont AOK-Vertreter Klaus Zok. Das gehöre in die Kategorie Privatvergnügen, genauso wie die Entfernung einer Tätowierung oder die Schönheitsoperation.

Die vielen anderen Leistungen, die der Patient aus eigener Tasche zahlen muss, seien in aller Regel nicht "evidenzbasiert", sagt Zok. Das heißt: Ihr medizinischer Vorteil ist nicht oder noch nicht wissenschaftlich erwiesen. Wer so argumentiert, müsste allerdings konsequent einen Großteil der Leistungen aus der medizinischen Grundversorgung streichen. Beispiel Chirurgie: Nur für wenige aller angewandten Therapieverfahren liegen Ergebnisse aus randomisiert kontrollierten klinischen Studien vor, darauf weisen Phillip Knebel und Barbara Maichle vom "Klinischen Studienzentrum der Chirurgie" an der Universitätsklinik Heidelberg hin. In den meisten Fällen wird demnach operiert, ohne dass die Überlegenheit der chirurgischen Methode je gegenüber anderen Behandlungsverfahren oder schlichtem Nichtstun geprüft worden wäre.

Das Thema IGeL bleibt verwirrend, findet Gabriele H. und berichtet von einem Bonus-Programm ihrer Betriebskrankenkasse, das gesundheitsförderliches Verhalten prämiert. Das Programm mit dem flotten Titel "Fit for Cash" belohnt unter anderem Sportlichkeit, Normalgewicht und die Teilnahme an ärztlichen Checks jeweils mit Geldbeträgen. Auch die Messung des Augeninnendrucks gehört dazu. "Die dient doch der Glaukom-Früherkennung", sagt die Rentnerin und freut sich, dass ihr nun erstattet wird, was sie in der Augenarztpraxis selbst bezahlen musste – weil ein Screening angeblich nicht sinnvoll ist. "Ich würde es nur gern verstehen…", seufzt sie.


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