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Da geht noch was! Sex im Alter

Was tun, wenn im Bett plötzlich nichts mehr läuft oder einem schon lange etwas fehlt? Ein Gespräch mit vier Münchener Experten. Hier ihre oft überraschenden Antworten.

von Elke Schurr, 01.03.2019
Sexualmediziner

Die Experten von links: Isolde Meyer (Apothekerin), Robert Bolz (Sexual- und Paarberater), Dr. Ulrich Pickl (Urologe, Androloge, Sexualmediziner und Psychotherapeut) und Dr. Vivian Pramataroff-Hamburger (Gynäkologin und Sexualmedizinerin)


Senioren Ratgeber: Sex im Alter ist heute kein Tabuthema mehr. Wir können also offen reden: Wie verändert sich die Lust mit den Jahren?

Pramataroff: Alt werden ist ein Prozess. Und natürlich verändern sich unser Körper, das Lustempfinden, die Lust als solche, das Begehren. Dieser Prozess ist völlig normal, und er ist nicht immer von Nachteil. Man wird lockerer, vieles ist nicht mehr so wichtig, und das ist gut so.

Pickl: Das sehe ich ähnlich. Natürlich verändert sich etwas: Sex findet weniger häufig statt, aber dafür wird er intimer. Der Wunsch nach Geborgenheit steht im Vordergrund. Intimität ist das Zauberwort.

Unsere Experten:

  • Isolde Meyer, Apothekerin
  • Robert Bolz, Sexual- und Paarberater
  • Dr. Ulrich Pickl, Urologe, Androloge, Sexualmediziner und Psychotherapeut
  • Dr. Vivian Pramataroff-Hamburger, Gynäkologin und Sexualmedizinerin

Geborgenheit ist gerade Frauen wichtig. Können Männer in Bezug auf Sex von den Frauen lernen?

Pickl: Männer können immer von den Frauen lernen, denn diese haben meist eine höhere soziale Kompetenz. Frauen suchen eher das Gespräch, ob bei Krankheiten oder Konflikten. Auch bei der Sexualität liegt es oft an der fehlenden Kommunikation. Was hätte ich gern? Was erwarte ich von meinem Partner? Wie bring ich’s rüber? Frauen gehen damit besser um als Männer.

Offen reden haben viele über 70-Jährige nicht gelernt ...

Bolz: Frauen pflegen andere Kommunikationsformen als Männer. Das taten sie schon immer, unabhängig davon, zu welcher Generation sie gehören.

Pramataroff: Stimmt. Frauen reden über sich mit Frauen, in Gruppen oder mit der Freundin. Männer hingegen glauben, sie müssten es allein schaffen. Das ist ein Teil des Problems.

Kommen Männer mit sexuellen Störungen freiwillig auf Sie in der Praxis zu?

Pickl: Da gibt es eindeutig eine Hemmschwelle. Obwohl wir sogar eine Sprechstunde für Sexualmedizin anbieten, rücken die meisten Männer damit erst am Schluss der Vorsorge raus: "Übrigens, das funktioniert auch nicht mehr so gut, Herr Doktor." Diejenigen, die sich gleich zur Sexualmedizin anmelden, sind ja die ganz Mutigen. Die meisten Männer gehen nicht mal zur Vorsorge.

Sollten mehr Ärzte, auch Haus­ärzte, beim Gesundheitscheck nach Problemen im Bett fragen?

Pickl: Das wäre wünschenswert! Zumal eine Erektionsstörung auf ein Herz-Kreislauf- oder ein Stoffwechselproblem wie Diabetes hinweisen kann.

Pramataroff: Es wäre vor allem ein Signal an die Patienten: Hier ist eine Stelle, wo ich Fragen stellen darf. Diese Ärztin, dieser Arzt hat ein Ohr für meine Probleme, da kann ich ohne Scheu hin.

Meyer: Und der Apotheker könnte über mögliche Nebenwirkungen von Arzneimitteln auf die Potenz und Libido aufkären. Bei bestimmten Blutdrucksenkern, bei Cholesterinmitteln oder Antidepressiva ist das der Fall. Das habe ich aber, muss ich zugeben, bislang selten getan.

Pickl: Auch bestimmte Haarwuchs- und Prostatamittel für Männer machen Lust- und Erektionsprobleme.

Bolz: Viele meiner Klienten wissen darüber in der Tat nichts. Ich ärgere mich, dass sie nicht von ihren Ärzten informiert werden. Es wäre wichtig, um Probleme besser einordnen zu können.

Pramataroff: Viele Frauen, die wegen ihrer Lustlosigkeit oder Scheidentrockenheit zu mir in die Praxis kommen, wollen mehr wissen. Das ist neu und auch positiv. Sie wollen die Störung verstehen und nicht nur eine Pille schlucken.

Bolz: Im Gegensatz zu vielen Männern, die oft bedauern, dass der Doktor "leider nichts Körperliches" festgestellt hat. Ich glaube, sie möchten einfach nur, dass der Arzt ein Schräubchen dreht, damit sie sich nicht mit sich selber oder mit ihrer Beziehung beschäftigen müssen.

Pickl: Die meisten haben die Hoffnung, es ist was Organisches oder was Hormonelles. Die wenigsten Sexualstörungen sind bei Männern jedoch hormonell bedingt.

Meyer: Frauen und Klimakterium – das ist ein ganz großes Thema, auch in der Apotheke. Hormonsalben und Gleitgels sind sehr gefragt.

Pramataroff: Viele Frauen nehmen ihre Lustlosigkeit leider ganz auf sich. Je länger ich mit ihnen rede, desto schneller wird klar: Es ist nicht alles auf Hormone zurückzuführen, sondern auch eine Sache der Beziehung. Dann wird es interessant.

Bolz: Man kann doch nicht beim Sex anfangen, wenn die Partnerschaft nicht stimmt oder sogar zerstört ist.

Pramataroff: Nach dem Motto: Wir schlafen nicht miteinander, also muss eine Pille her. Sexualität ist aber nur die Spitze eines Eisbergs. Darunter liegt oft das eigentliche Problem: eine lieblose Beziehung, ein Konflikt. Darüber muss man reden. Und zur Überraschung vieler Frauen kommen dann auch die Männer zur Beratung. Denn sie leiden ja genauso.

Potenzpillen mit dem Wirkstoff Sildenafil sind trotzdem für viele ein Rettungsanker. Warum?

Bolz: Potenzpillen sind einfach ein Hilfsmittel. Wer schon einmal ein Misserfolgserlebnis hatte, bekommt eine pharmazeutische Unterstützung, damit es überhaupt wieder klappt.

Pramataroff: Ältere Männer fühlen sich oft sehr unsicher. Mit Sildenafil und verwandten Wirkstoffen nicht mehr. Die Tablette nimmt die Angst. Wer einmal mit Pille konnte, kann dann vielleicht wieder ohne.

Pickl: Der Placebo-Effekt bei diesen Mitteln ist enorm. Männer haben ein Riesenproblem, wenn sie keine Erektion bekommen. Sie können damit kaum umgehen. Die Erektion ist wie ein Messanzeiger: Bleibt sie weg, schrillen die Alarmglocken. Angst stellt sich ein. Ein Stressfaktor. Dann ist Schicht im Schacht.

Viele bestellen die Pillen übers Internet. Gefährlich, oder?

Meyer: Was man ohne Rezept kriegt, ist fast immer gefälscht. Außerdem kommt der Wirkstoff nicht für alle Männer infrage. Krankheiten sprechen dagegen, auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Der Urologe sollte das grundsätzlich kontrollieren und anleiten.

Pickl: Auch andere Erektionshilfen wie Spritzen in den Penis oder Harnröhrenstäbchen sollte er genau erklären und anleiten. Sie sind für Männer eine große Hilfe bei Erektionsstörungen nach Prostata- und Darmoperationen. Auch Diabetes verursacht häufig Potenzprobleme.

 

Muss Sex denn überhaupt sein? ­Manche Menschen sind doch froh, das Kapitel abgeschlossen zu haben ...

Bolz: Es muss auch im Alter erlaubt sein, keinen Geschlechtsverkehr zu haben. Inzwischen ist es ja fast so, als ob man als alter Mensch Sex zu haben hat. Pustekuchen! Aber was man nicht vergessen sollte, ist die Berührung, die Zärtlichkeit. Die muss weiter da bleiben, sie darf nicht verloren gehen.

Pramataroff: Das unterstütze ich ausdrücklich. Ich merke, wie viele Menschen durch die Medien unter Druck geraten, bis zum Schluss sexuell funktionieren zu müssen, Koitus bis zum Tode quasi. Dabei ist es einfach nur wichtig, körperlich zusammenzubleiben, sich zu streicheln, zu massieren, zu küssen.

Pickl: Das nennt man Petting und ist auch eine Form der Sexualität. Ihre Bandbreite ist nämlich recht groß.

Bolz: Genau. Es geht nicht nur um Penetration. Männer sollten lernen, dass es noch andere Spielarten gibt außer Penis in Vagina.

Pramataroff: Jedes Paar entscheidet für sich, wie und wie oft.

Versiegt die Lust bei seltenem Sex?

Pickl: Auf alle Fälle. Je mehr Sie essen, desto mehr Hunger haben Sie.

Pramataroff: Es stimmt: Der Appetit kommt mit dem Essen. Gerade im Alter sollte Sex ein Ritual werden wie Zähneputzen. Dieses Ritual ist wichtig für eine gute Paarbeziehung. Es geht nicht um Geschlechtsverkehr. Es geht um die Zeit zu zweit. Wenn Sie die nicht pflegen, schläft das Liebesleben irgendwann ganz ein.

Sex bleibt also ein Thema für ein Gesundheitsmagazin, das sich an Menschen über 60 richtet?

Pickl: Unbedingt. Sex gehört zum Leben dazu.

Meyer: Bei jeder Diskussion sollte aber klar werden, dass er kein Muss ist. Alle sollen sich wohlfühlen. Jeder nach seiner Façon!

Bolz: Es heißt zwar Orgasmus, sollte aber Orgaskann heißen. Ein Muss ist bei der Liebe kontraproduktiv.


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