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"Reise des Vergessens": Wie ein Kunstprojekt für Demenz sensibilisieren will

In einem ausrangierten Linienbus lädt die Künstlerin Cornelia Rößler zu einer „Reise des Vergessens“ ein. Wie Kunst einen neuen Blick auf das Thema Demenz ermöglicht – und was wir von Menschen mit Demenz lernen können. Ein Gespräch.

von Kai Klindt, 21.09.2020
Bus von innen

"Reise des Vergessens" steht auf Ihrem Bus. Was erwartet die Besucher, wenn sie einsteigen?

Cornelia Rößler: Beim Eintreten fällt auf, dass die Sitze gar nicht so aussehen wie normale Sitze. Sie sind bezogen mit alten, gebrauchten Kleidungsstücken, die an vergangene Zeiten erinnern, wie in den 60er-Jahren. An den Fenstern sind große Fotos aus den Wohnräumen von demenzkranken Menschen installiert. Zu entdecken ist zum Beispiel eine Kühlschranktür, auf der ein großes Schild haftet: Trinken! Oder die Wohnung einer Betroffenen, die alles immer sehr klar aufräumt, damit wenig Sachen da sind, die sie irritieren.

Man hört in Ihrem Bus auch die Stimmen von Menschen mit Demenz.

Genau. Aus den Lautsprechern, wo normalerweise der Busfahrer sagt: "Nächste Haltestelle hier und da", ist zu hören, wie die demenzkranken Menschen von ihrer Krankheit erzählen.

Zum Beispiel was sie stark macht, was ihnen hilft oder wovor sie sich in der Zukunft fürchten. Eine Frau erzählt zum Beispiel: Ich lese jeden Morgen meine Tageszeitung, und wenn ich es wieder vergesse, ist es mir egal. Ein anderer sagt, ihm mache zu schaffen, dass allein das Wort Demenz schon einen sehr negativen Klang hat.

Cornelia Rößler, Jahrgang 1970, lebt als freischaffende Künstlerin in Mainz. Ihr Schwerpunkt sind Foto- und Videoinstallationen.

Was passiert, wenn sich der Bus in Bewegung setzt?

Die Fahrt dauert etwa zehn Minuten. Die Stimmen der Demenzkranken aus den Lautsprechern verstummen. Stattdessen starten mit der Fahrt vorn zwischen Busfahrer und Fahrgästen und hinten auf der Heckscheibe zwei Videoprojektionen, die den Blick durch die Scheiben zeigen. Aber die Bilder stimmen nur am Anfang mit der echten Route überein. So kann es sein, dass der Bus nach rechts abbiegt, während die Projektion zeigt, dass die Straße geradeaus führt. Als Fahrgast denkt man: "Huch, hier können wir doch gar nicht sein, wo sind wir denn?" Das ist mein Anliegen, dass man genau dieses Gefühl bekommt: So kann es sein, wenn man diese Krankheit hat.

Sie sprechen von einer "Reise des Vergessens", ohne die Krankheit zu nennen. Möchten Sie, dass Ihr Projekt zuallererst als Kunst wahrgenommen wird – und nicht als Aufklärungskampagne zum Thema Demenz?

Ja, das ist mir ganz wichtig. Mir als Künstlerin liegt daran, viele Leute anzusprechen, dass ich mit meiner Kunst neue Perspektiven aufzeige. Jeder, der mit der Krankheit nichts zu tun hat, kann eine Reise miterleben, indem man eine Runde mit dem Bus fährt und auch körperlich spürt: Wie ist es eigentlich, wenn ich nicht mehr weiß, wo ich bin? Von daher geht es mehr ums Vergessen und um Identität als um die Krankheit Demenz. Auch wenn der Bus sich natürlich komplett auf diese Krankheit konzentriert. Das Projekt ist auch eine Kooperation mit der Alzheimer-Gesellschaft und dem Kompetenzzentrum Demenz Schleswig-Holstein.

Vom 21. bis 26. September 2020 steuert der Bus mit dem Kunstprojekt "Reise des Vergessens" den Kreis Herzogtum Lauenburg an. Fahrten mit dem Bus finden am 26. September statt. Standorte und Termine unter www.reisedesvergessens.de.

Beim Thema Demenz schwingen viele Bilder und Ängste mit, Fragen von Pflege und Versorgung, die Sorge um den Verlust der Selbstständigkeit. Welchen neuen Akzent kann die Kunst hier setzen?

Ich glaube, so erreicht man auch andere Zielgruppen. Kunst ist ja auch immer dafür da, um auf ein Thema aufmerksam zu machen, von dem man vielleicht selber gar nicht denkt, dass einen das interessieren könnte. Das ist das Schöne an der Kunst: Sie ist frei. Sie ist nicht irgendwie an etwas gebunden. Und so kann ich meine Gefühle weitergeben in der Hoffnung, dass es den einen oder anderen anspricht. Und vielleicht wird dadurch der Umgang mit demenzkranken Menschen toleranter.

Was für Rückmeldungen bekommen Sie von Ihren Fahrgästen?

Das ist sehr unterschiedlich. Was mir gut gefällt: Die meisten haben auch sehr viel Spaß dabei. Während der Fahrt wird viel gelacht. Es gibt eine gewisse Leichtigkeit.

Für Ihr Projekt haben Sie mit einer Selbsthilfegruppe für Demenzkranke zusammengearbeitet. Wie haben die Betroffenen auf Ihr Anliegen reagiert?

Sie waren sehr aufgeschlossen. Es war auch eine sehr engagierte Selbsthilfegruppe, mit einer tollen Sozialarbeiterin, die sie begleitet. Die Patientinnen und Patienten haben auch eine Fahrt mitgemacht. Zum Teil waren sie irritiert, weil sie ihre Wohnräume sahen. Aber sie fanden das gut. Es gab auch einige, denen es wichtig war, eine gewisse Öffentlichkeit für die Krankheit herzustellen.

Bus mit Schriftzug Reise des Vergessens

Was haben Sie von den Betroffenen gelernt?

Demenzkranke Menschen können uns noch viel beibringen. Da ist eine wahnsinnige Herzlichkeit. Sie haben nicht mehr so das Gefühl, sie müssen so sein, wie die Gesellschaft es will, sondern sie können ganz sie selbst sein. Gerade in der ersten Zeit mit der Demenz haben sie noch so viele Geschichten im Kopf, besonders für jüngere Menschen, wahnsinnig tolle Lebensweisheiten.

Welche gefällt Ihnen besonders?

Eine ältere Betroffene sagte mir: "Vor allem darfst du nicht ängstlich sein." Da habe ich gedacht: Genauso ist es! Es sind so Sätze, bei denen man gleich merkt: Das spricht aus Erfahrung.

Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Bus gekommen?

Den haben wir gekauft, meine Projektpartner und ich.

Das kann man sich leisten?

Ja, aber der Bus ist auch längst ausgemustert und richtig alt. Ich weiß gar nicht genau, wie alt. Er hat so seine Macken. Aber natürlich entspricht er den aktuellen Sicherheitsvorschriften…


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