So führen Sie ein Pflegetagebuch

Wer Pflegeleistungen beantragen will, muss für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) den Aufwand genau beschreiben. Wie Sie das Protokoll richtig verfassen
von Barbara Erbe, 29.10.2015

Ankleiden: Notieren Sie im Pflegetagebuch auch die kleinste Tätigkeit

Corbis/Maserfile

Da zählt jeder Tag: So früh wie möglich sollten pflegebedürftige Menschen oder ihre Angehörigen bei der Pflegeversicherung Leistungen beantragen. Denn Geld von der Kasse gibt es erst ab diesem Stichtag. Die Leistungen bemessen sich nach der Pflegeeinstufung – und die erfolgt, nachdem sich der Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) vor Ort ein Bild vom Hilfebedarf gemacht hat. Meist geschieht das innerhalb von vier Wochen nach Antragstellung.

Im Pflegetagebuch eigene Belastung dokumentieren

Viele Familien sind vor dem Besuch des Gutachters verunsichert und befürchten, dass wichtige Anliegen nicht richtig rüberkommen, weiß Antje Brandt von der Landesstelle Pflegende Angehörige NRW. "Da hilft es, wenn man die täglichen Abläufe dokumentiert und anhand der Aufzeichnungen über ein bis zwei Wochen erläutern kann, welche Unterstützung nötig ist."

Außerdem bringt ein Pflegetagebuch auch die Angehörigen selbst dazu, ihr Wirken genauer wahrzunehmen und zu würdigen, erklärt die Fachberaterin: "Viele wundern sich ja, warum sie abends immer so erschöpft sind. Beim Aufschreiben wird ihnen oft zum ersten Mal klar, was sie alles leisten und woran sie denken müssen."

Alltag möglichst genau erfassen

Im Prinzip eignet sich fürs Protokoll jedes Notizbuch, doch einfacher geht es mit Vordrucken, die es bei den Pflegekassen, Pflegestützpunkten, Verbraucherzentralen und Sozialverbänden gibt. Sie erleichtern es, die tägliche Pflege Schritt für Schritt zu erfassen – genau darauf kommt es dem MDK an.

Für Angehörige ist das eine ungewohnte Übung, räumt Uwe Brucker ein, Teamleiter Pflege beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbands der Krankenkassen. "Wer ein krankes Familienmitglied betreut, betrachtet sein Wirken ja zunächst einmal als Ganzes und tut sich schwer, den Pflegealltag in viele kleine Einzel­verrichtungen zu stückeln und die Zeit zu stoppen." Doch die Mühe lohnt sich: Je exakter das Protokoll, desto besser können Angehörige gegenüber dem MDK argumentieren.

Aufwand detailliert aufschreiben

Die Pflegeversicherung unterscheidet fünf Bereiche, für die sie den Hilfsbedarf morgens, mittags, abends und nachts erfasst:

  • Unter Körperpflege fallen sämtliche Hilfen beim Waschen, Baden oder Duschen: Stellen Sie etwa der pflegebedürftigen Person einen Hocker hin? Reichen Sie ihr den Waschlappen? Schrauben Sie die Zahnpastatube auf und zu? Die Pflegekasse geht davon aus, dass eine Wäsche des ganzen Körpers 20 bis 25 Minuten dauert. Aber es gibt durchaus Spielraum nach oben, betont Fachberaterin Antje Brandt: "Wenn Ihr Angehöriger beispielsweise wegen steifer Gelenke nur eingeschränkt beweglich ist, sollten Sie das notieren."
  • Klartext ist auch beim Thema Toilettengang angesagt. "Verschweigen Sie nicht aus falscher Scham, was genau Sie für Ihren Angehörigen tun", rät Brandt. Wie lange braucht der Pflegebedürftige normalerweise, um sich richtig auf das WC zu setzen? Wischen Sie ihm den Po ab? Helfen Sie ihm dabei, die Kleider wieder zu richten? Wechseln Sie Vorlagen oder Stomabeutel?
  • Zur Mobilität rechnet die Pflegekasse alles, was mit Bewegung zu tun hat: Helfen Sie Ihrem Angehörigen morgens beim Anziehen? Begleiten Sie ihn die Treppe hinauf? Betten Sie ihn um, damit er sich nicht wund liegt? Bringen Sie ihn zu einem Arzttermin? "Auch scheinbar kleine Dinge wie Kissen ausschütteln zählen mit", erklärt Brandt.
  • Lebensmittel einkaufen, Mahlzeiten zubereiten, den Haushalt in Schuss halten: Solche Tätigkeiten ordnet die Kasse unter Hauswirtschaft ein. Auch hier gilt es, genau zu sein: Bügeln Sie die Wäsche Ihres Angehörigen? Wie viel Zeit geht für das Bettenbeziehen drauf?
  • Unter dem Punkt Ernährung interessiert sich die Kasse für die Situation bei Tisch: Schneiden Sie die Mahlzeit in mundgerechte Häppchen, und zerkleinern Sie sie? Das gehört genauso in das Protokoll wie liebevolles Zureden zum Essen und Trinken oder das Reichen des Wasserglases. "Bekommt Ihr Angehöriger Sondenkost, schreiben Sie auch die Zeit für die Pflege der Sonde auf", sagt Brandt.

Generell sollten pflegende Angehörige alles festhalten, was ihnen die Betreuung erschwert. Manche Kranken leiden unter Schluckbeschwerden, während vor allem demenzkranke Menschen beim Essen oder bei der Körperpflege häufig viel Zuspruch brauchen. Andere Patienten sind vielleicht schwer, sodass das Aufrichten aus dem Bett nur mithilfe einer zweiten Pflegeperson klappt. "So etwas berücksichtigen wir durchaus bei der Zeitbemessung – aber wir müssen es wissen", erläutert MDK-Mann Uwe Brucker.

Oft müssen Pflegende auf ihre demenzkranken Angehörigen ein besonderes Augenmerk haben: etwa weil diese sonst unbemerkt das Haus verlassen oder den Herd anlassen würden. Auch dafür gesteht die Pflegekasse Extrazeiten zu.

Selbstständigkeit bei Pflegebedürftigen fördern

Mitunter können pflegebedürftige Menschen aber auch Dinge, die andere für sie tun, durchaus selbst machen. Das kann Zähne putzen genauso sein wie Haare waschen. Sie brauchen dafür nur ab und an eine helfende Hand – und vor allem mehr Zeit. Diesen Mehrbedarf für die Angehörigen kalkuliert der MDK mit ein, ermuntert Uwe Brucker: "Wir unterstützen alles, was der Eigenständigkeit des Patienten dient."

Mehr Informationen

Hilfe bei Fragen rund um die Pflegeversicherung bietet das Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministerums unter Tel.: 0 30/3 40 60  66 02



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