Wie Humor in der Pflege hilft

Wer lacht, blickt widrigen Umständen gelassener entgegen und verspürt vermutlich weniger Schmerzen. Ein Plädoyer für mehr Heiterkeit im Umgang mit chronisch Kranken
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 09.10.2015

Einmal lachen, bitte: Mit Humor fällt vieles leichter

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Kann man ein Leiden einfach so weglachen? Im Film "Honig im Kopf", der im Frühjahr 2015 im Kino lief, nimmt Enkelin Tilda die Alzheimer-Erkrankung ihres Großvaters gelassen und mit Humor. Und schafft auf diese Weise für ihren Opa immer wieder kleine Momente des Glücks.

In der Wirklichkeit sehen die Lösungen für Probleme meist komplexer aus als auf der Leinwand. Zudem gibt es sowohl für pflegebedürftige Menschen als auch ihre Angehörigen und Betreuer oft wenig zu lachen, leiden Betroffene doch häufig unter chronischen Schmerzen. Dennoch spricht einiges dafür, es im täglichen Miteinander im Pflegealltag öfter mit einer Prise Humor zu versuchen.

Humor als Brücke zur Außenwelt

"Humor kommt  in der Pflege viel zu selten vor", sagt Manuela Galgan, stellvertretende Leiterin der Palliativstation am Evangelischen Klinikum Niederrhein in Duisburg. "Wenn Angehöriger und Patient gemeinsam lachen, schafft das eine Verbindung zwischen ihnen." Humor kann dabei vieles sein: Er kann darin bestehen, dass Pflegebedürftiger und Angehöriger sich einen Witz erzählen, einer von beiden eine lustige Bemerkung macht, der eine dem anderen schalkhaft zuzwinkert oder ihn anlächelt.

Dieses Gefühl der Verbundenheit kann helfen, Menschen aus ihrer Einsamkeit herauszuholen. Der Humor dient hier als eine Brücke zur Außenwelt. Außerdem kann er dazu beitragen, eine unangenehme Situation für beide Seiten leichter zu machen. An denen mangelt es in der Pflege meist nicht. Viele Pflegebedürftige schämen sich etwa, wenn ein anderer Mensch sie waschen muss. Dieses Unwohlbefinden überträgt sich auch auf das Gegenüber. Ein Scherz, von wem er auch immer ausgeht, trägt in einem solchen Moment viel zur Entspannung bei.

Lachen ist gesund

Humor kann eine Krankheit nicht heilen. Aber er kann helfen, eine neue Sichtweise auf sie zu bekommen, sie gelassener zu sehen und dadurch an Lebensqualität zu gewinnen. Ein Beispiel dazu hat Galgan selbst kürzlich erlebt: Eine Patientin hatte bei einer Chemotherapie ihre Haare verloren – und war darüber immer sehr unglücklich, wenn sie sich selbst im Spiegel sah. Als sie eines Tages einen Hund beobachtete, der wegen seines Fellwechsels ebenfalls nur spärlich behaart war, brach es aus ihr heraus: "Das ist ja wie bei mir. Wahrscheinlich bin ich auch gerade mitten im Fellwechsel."

Nicht nur für die Psyche ist Humor heilsam. Ein Lachen bewirkt, dass unter anderem der Anteil des Stresshormons Kortisol im Blut sinkt. Außerdem verringert ein herzhaftes Prusten die Schmerzempfindung. Wie dieser Effekt zustande kommt, ist aber noch nicht ganz klar. Möglicherweise schüttet ein lachender Mensch verstärkt Endorphine aus. Diese Botenstoffe besitzen eine schmerzlindernde Wirkung. Auch das Immunsystem profitiert wohl von regelmäßigen Heiterkeitsausbrüchen. Krankenhäuser versuchen, diese gesundheitsfördernden Effekte zu nutzen, und beschäftigen oft Klinik-Clowns, die die Patienten zum Lachen bringen sollen.

Bei Humor ist Fingerspitzengefühl gefragt

Dabei braucht es eigentlich keine eigens ausgebildete Humor-Fachkraft. Auch ein Angehöriger kann gemeinsam mit einem Pflegebedürftigen lachen. Es ist sogar von Vorteil, wenn beide Beteiligten sich gegenseitig kennen. So haben sie einen gemeinsamen Erfahrungsschatz, auf den sie zurückgreifen können. Außerdem können die Beteiligten dann jeweils einschätzen, welche Art von Humor das Gegenüber anspricht – und in welchen Momenten dieser nicht für eine lustige Bemerkung aufgelegt ist. Schließlich ist Humor etwas sehr Persönliches.

Ein Problem können Scherze sein, die direkt auf die Pflegesituation Bezug nehmen. Menschen, die pflegebedürftig sind oder unter einer schweren Krankheit leiden, haben oft einen hohen Leidensdruck, verspüren häufig chronische Schmerzen. Das sollten Angehörige oder Pflegekräfte nicht mit flapsigen Sprüchen bagatellisieren. Hier ist Einfühlungsvermögen gefragt.

Miteinander lachen – nicht übereinander

Wann eine humorvolle Bemerkung oder ein Witz angebracht ist und wann nicht, lässt sich nicht pauschal sagen. Welche Art von Scherz gut ankommt, ist ebenfalls Geschmackssache. Der eine schätzt derben oder schwarzen Humor – der andere gar nicht. "Immer mit jemanden lachen, nie über jemanden", rät Galgan.

Humor wird selten als bewusstes Mittel eingesetzt, sondern entsteht meist spontan aus der Situation heraus. Auch das ist überwiegend eine Typfrage: Der eine ist eben ein humorvoller Mensch, während der andere zum Lachen schon immer am liebsten in den Keller gegangen ist. Ein Stück weit lässt sich eine humorvolle Weltsicht aber auch antrainieren. Und Zeit, um sein Gegenüber kurz anzulächeln, ist immer. Diese kleine, unterschätzte Geste macht im Alltag vieles leichter. Ernst ist das Leben schon oft genug.

Manuela Galgan hält am 15. Oktober 2015 auf der Messe "Rehacare" in Düsseldorf einen Vortrag zum Thema "Menschen mit einer Demenz im palliativen Setting – Humor als Pflegeintervention?" Infos zur Messe gibt es unter www.rehacare.de.


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