Gunter Gabriel über Ehrlichkeit

"Keine Lage ist aussichtslos", sagt Gunter Gabriel. Und wer sollte es besser wissen als er? Im Interview verrät der Schlagerstar, warum er einmal in einem Dixie-Klo ein Konzert gab

von Thomas Röbke, 30.09.2015

Sind die Pläne für den Gunter-Gabriel-Film noch aktuell?

Aber klar. Momentan wird noch ein Hauptdarsteller gesucht. Der Film wird von meiner Wohnzimmertour handeln. Die Idee zu der Tour hatte ich vor acht Jahren spontan in einer Talkshow, als es um meine 500.000 Euro Steuerschulden ging. Für 1000 Euro kann mich jeder für ein Privatkonzert engagieren. Seitdem schmilzt der Schuldenberg wie Butter in der Sonne.

Warum haben Sie nicht einfach Privatinsolvenz angemeldet?

Meine Philosophie ist: Wenn du Mist gebaut hast, sieh zu, dass du da selber rauskommst, statt nach dem Staat zu schreien. Und Sie glauben nicht, was ich bei diesen Konzerten alles erlebe. Ich habe sogar schon mal in einem Dixie-Klo gespielt, für ein Hochzeitspaar.

Ist das nicht viel zu eng?

Das war so eins für Rollstuhlfahrer, die sind doppelt so breit. Und es war fabrikneu, der Bräutigam arbeitet für den Hersteller. Das war schon echt schräg. Nur als ich mal in 100 Meter Höhe in einer Krankanzel spielen sollte, da habe ich nach 40 Metern abgebrochen. Ohne Fahrstuhl und mit Gitarre – so ein Klettertyp bin ich nicht.

Sie sind berühmt-berüchtigt dafür, mit Ihrer Meinung nicht hinterm Berg zu halten.

Das schreckt manche Leute ab, andere finden das toll. Aber es geht nicht darum, wie die das finden, sondern wie ich mich dabei fühle. Ich bin ein sauberer, ehrlicher Junge, der seine Schnauze aufreißt und sich schon ein paar Mal schwer verbrannt hat.  

Weil Ehrlichkeit verletzlich macht? 

Natürlich. Angreifbar. Nicht jeder will die Wahrheit hören. Gescheite Leute können mit der Wahrheit besser umgehen als dumme. Darum lassen sich dumme Leute so leicht verführen. Ich habe meine Kinder jedenfalls dazu erzogen, anders zu denken als die Masse. 

In den 80er-Jahren standen Sie schon mal vor dem Ruin.

Ich hatte zehn Millionen Mark versenkt. Das Geld war mir egal, aber ich habe unter der Schmach der Leute gelitten. Und manchmal die Flucht ergriffen in Drogen und Alkohol.

Das hätte Sie umbringen können.

Ich konnte auch Stopp sagen, das hat mich am Leben erhalten. Ein bisschen Disziplin musst du dir bei aller Beklopptheit bewahren. Ich habe ja immer am Rande des Wahnsinns gelebt, mein Leben möchte ich nicht noch mal haben. Aber ich habe das ganz große Glück, dass ich Glück habe.

Sind Sie religiös?

Ich bin spirituell unterwegs und glaube an eine schöpferische Bestimmung, aber nicht an einen alten Mann mit weißem Bart.

Und dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht?

Nein, das glaube ich nicht. Nicht in einer Form, die wir uns vorstellen könnten. Ich weiß nicht wie, so wie ich auch nicht weiß, wie ein Handy funktioniert. Aber ich weiß, dass es geht, und das muss reichen. Die Seele wird bleiben, sie ist das, was uns Menschen ausmacht, alles andere sind Äußerlichkeiten. Aber was genau ist die Seele?

Stimmt es, dass Sie Tagebuch führen?

Seit meinem 13. Lebensjahr. Ich halte meine Tagebücher in Ehren, blättere darin, wenn ich mich beispielsweise erinnern will, wie die Zeit war, als ich im Wohnwagen lebte. Es ist unglaublich, wie sich meine Handschrift über die Jahre und Jahrzehnte verändert hat. 

Sie sind so ein rast- und ruheloser Typ …

Ja, das liegt an meinem Sternzeichen. Zwillinge wollen immer viel zu viele Informationen. Das ist nicht gut. Da gehe ich mir oft selber auf den Geist. 

Wie finden Sie Entspannung?

Bei ruhiger Musik, Eric Clapton und so. Bei Elvis’ "Love Me Tender" fange ich an zu weinen. In einem Hotelzimmer komme ich eher zur Ruhe als auf meinem vollgestopften Hausboot. Bett, Fernseher, Duschkabine und das, was ich in den Taschen habe, fertig. Nichts, was ablenkt. Ich müsste mich mehr entspannen, aber das fällt mir schwer.

Sie waren viermal verheiratet, hatten unzählige Affären …

Frauen sind mir ganz wichtig, aber ich kann einfach nicht treu sein. Ich kann jemanden lieb haben, aber richtig tiefe Liebe, die auf Dauer hält, kann ich nicht. Ich traue mir das nicht zu.  

Ihr Credo ist: "Keine Lage ist aussichtslos." War das schon immer so?

Natürlich nicht. Dahin habe ich mich entwickelt, durch das Älterwerden, durch die Erfahrung.

Sie mögen es nicht, als "Stehaufmännchen" bezeichnet zu werden …

Nein! Ich bin kein Stehaufmännchen! Ich habe viel Geld verloren, aber deswegen bin ich doch nicht gefallen. Ich kann doch mein Leben nicht dadurch definieren, ob ich viel Geld habe oder wenig. Allein dass ich so denke, ist schon ein Reichtum. Ich bin doch schon beschissen aufgewachsen. Meine Mutter starb, als ich vier Jahre war. Dieses Bild, wie sie da tot im Sarg lag, habe ich nie aus meinem Kopf gekriegt.  

Ihr Vater hat Sie oft verprügelt. Was empfinden Sie, wenn Sie an ihn denken?

Er tut mir leid. Weil er nicht in der Lage war zu lieben, er war beschädigt durch den Krieg. So hat er die schönsten Dinge des Lebens nicht gehabt. Ich habe auch meine Probleme mit dem Lieben, aber ich bin sehr empfindsam, kann mich in das Schicksal anderer hineinversetzen, weil ich das alles kenne.

Was ist Ihr nächstes Ziel?

Bundespräsident Joachim Gauck hat mal gesagt, eins seiner Lieblingslieder sei von mir, "Freiheit ist ein Abenteuer". Seit ich das weiß, will ich unbedingt mal ein Lied mit ihm aufnehmen und habe sofort im Schloss Bellevue angerufen. Noch ziert sich der Gauck. Aber ich bleibe da dran, bis ich es aufgenommen habe!

Zur Person:

  • Gunter Gabriel wurde am 11. Juni 1942 in Bünde als Günter Caspelherr geboren.
  • Auf der Bühne: Nach Schlosserlehre und Maschinenbaustudium startete Gabriel eine Karriere als Schlager- und Countrysänger. Er schrieb mehr als 1000 Lieder, meist für andere Künstler wie Juliane Werding oder Frank Zander. Aus der Freundschaft mit der Countrylegende Johnny Cash entstand ein Album mit deutschen Versionen von Cash-Titeln. 
  • Auf dem Wasser: Gabriel war vier Mal verheiratet, hat drei Töchter, einen Sohn. Drei Enkel. Mit seinem Hausboot plant er einen Umzug von Hamburg nach Berlin.

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