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Seelisch gesund bleiben

In Balance: Psychische Probleme machen vor dem Alter nicht halt. Doch die Chancen, mit ihnen klarzukommen, stehen gut.

von Kai Klindt , 08.09.2019
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Willst du fröhlich sein im ­Leben, trage bei zu anderer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück." Wann immer Georg Pilhofer einen Satz wie diesen hört, weiß er, dass sein Berufswechsel richtig war.

Früher saß der gelernte Maschinenbautechniker im Konstruktionsbüro und entwarf Computer-Tastaturen. Zufrieden war er nicht. "Ich sah morgens auf die Uhr, wann Feierabend ist." Pilhofer, damals Mitte 30, sattelte um, studierte Sozialarbeit und fand seine Bestimmung, wie er sagt. Er kümmert sich um die see­lische Gesundheit von Senioren in seiner Heimat, der Oberpfalz.

Als Leiter der "Gerontopsychiatrischen Koordinierungsstelle" des Bezirks fährt der 57-Jährige übers Land, schult Arzthelferinnen und Bank­angestellte, besucht Frauenkreise und Kneipp-Vereine und bringt seine Botschaft unters Volk: Seelische Krankheiten treten im Alter genauso häufig auf wie bei jungen Leuten – und sind nichts, wofür man sich schämen sollte. Psychische Probleme sind ernst zu nehmen – aber es gibt viele Mittel, sie zu überwinden.

Senioren, beobachtet der Sozialarbeiter, haben dank ihrer Jahre ein gutes Rüstzeug, um mit Belastungen fertigzuwerden. Dazu zählen die Sprachschätze des Alters, an denen Georg Pilhofer seine Freude hat: Verse und Redensarten, die von Lebensklugheit zeugen und Halt geben.

Sich gegen Krisen wappnen

Jenseits der 60 gilt es, eine neue ­Balance zu finden. Man spürt, dass die Spielräume enger werden. Krank­heiten können sich einstellen. Immer öfter muss man von Angehörigen oder anderen lieben Menschen Abschied nehmen.

Offensichtlich gelingt es vielen Senioren recht gut, solch schmerz­liche Erfahrungen abzufedern. So kennt die Wissenschaft zahlreiche Belege, dass körperliche, aber auch geistige Einbußen das psychische Wohlbefinden im Alter häufig kaum schmälern.

Dabei haben Forscher eine wichtige Zutat für das Glücksrezept des Alters gefunden: Man sollte Ziele leichten Herzens zurückschrauben können – aber nicht aufhören, welche zu haben.

Ein weiterer Baustein ist die Kontaktpflege, sei es in der Familie oder zu Nachbarn und Freunden. "Darin bündelt sich vieles, was zur seelischen Gesundheit beiträgt", weiß Prof. Robert Perneczky, Gerontopsychiater am Klinikum der Universität München. "Wer Kontakte hat, bewegt sich mehr, bekommt geistige An­regungen und Unterstützung." Der Kreis braucht nicht groß zu sein – wichtiger ist, dass die Beziehungen gut sind. Es muss auch nicht ständig jemand auf der Matte stehen – entscheidend ist das Gefühl, auf den Zuspruch vertrauter Menschen rechnen zu können.

Unter Leute kommen

Sie fühlen sich einsam? Sicher ist es nicht leicht, neue Kontakte zu knüpfen. Doch Sie sollten es probieren. So gibt es ein dichtes Netz von Senioren- oder Stadtteilzentren, wo Sie reinschnuppern können – oft mit Mittagstisch. Zudem bieten Vereine wie "Freunde alter ­Menschen e. V." und viele Kirchengemeinden ehrenamtliche Besuchsdienste für Ältere an.

Nicht immer genügt das. Depressionen in den späten Jahren kommen nicht selten vor. Nach Daten der Krankenkassen könnte in der Altersgruppe ab 70 mehr als jeder Zehnte betroffen sein. "In etwa der Hälfte der Fälle hatten die Patienten schon früher in ihrem Leben mit Depressionen zu tun", sagt die Psychologin Prof. Eva-Marie Kessler von der MSB Medical School Berlin. Bei den anderen rund 50 Prozent tritt das Problem neu auf – und maskiert sich oft gut. "Kein Älterer wird zum Arzt sagen: Herr Doktor, ich bin depressiv!", erklärt Psychiater Robert Perneczky. Auch über Traurigkeit, die nicht vergehen will, berichten die wenigsten. Weit häufiger sind Klagen über Unwohlsein, schlechten Schlaf, mangelnden Appetit oder fehlenden Schwung. "Fast alle, die bei uns wegen einer Depression in Behandlung sind, haben Kopfschmerzen", beobachtet Perneczky.

Depression als stiller Begleiter

Bei solchen Beschwerden fahnden Ärzte erst einmal nach körperlichen Ursachen – zumal das psychische Leiden oft im Gefolge anderer Erkrankungen auftritt. Wer etwa einen Schlaganfall hatte oder mit Diabetes oder Parkinson lebt, ist anfälliger für eine Depression. Auch in der ersten Zeit einer Demenz ist das Risiko erhöht. "Depressionen werden im Alter zu selten und zu spät erkannt", klagt Perneczky. "Sie gehören genauso behandelt wie mit 20."

Die Medizin verfügt über eine große Bandbreite an Instrumenten, um das Leiden zu kurieren. Eines der wirksamsten kommt bei Älteren kaum zum Einsatz: Nur fünf Prozent der Senioren mit der Diagnose Depression erhalten eine Psychotherapie. Bei jüngeren Patienten ist die Quote rund viermal so hoch.

Lebensrückblick im Guten

Dabei hat sich die Methode in Studien als Erfolg versprechendes Mittel erwiesen. Selbst hochbetagte Menschen um die 80 oder 90 können von einer Psychotherapie profitieren, weiß Eva-Marie Kessler. Die Psychologin will die Psychotherapie für ­Senioren aus ihrem Nischendasein befreien. So erprobt sie zurzeit mit Unterstützung der Kassen ein Angebot für pflegebedürftige Menschen mit Depression – bei Bedarf stattet der Therapeut auch Hausbesuche ab.

Kessler kennt die Barrieren im Kopf. Ältere könnten sich mitunter gar nicht vorstellen, dass die Therapie etwas für sie sei. "Wenn wir das dann erklären, merken wir: Die wollen das!" Oft läuft die Behandlung anders ab als bei jungen Patienten. Sie dauert häufig nicht so lange – die Spanne liegt meist zwischen 6 und 15 Monaten. Die Termine lassen sich halbieren auf circa 25 Minuten. Gesprächsthemen sind zum Beispiel Konflikte in der Familie, der Umgang mit Krankheiten oder Zukunftssorgen. Vielen ist es ein Anliegen, zu einer "versöhnlichen Lebensbilanz" zu kommen, sagt der Psychologe Prof. Meinolf Peters vom Institut für Al­terspsychotherapie und angewandte Gerontologie in Marburg. "Das ist oftmals die Voraussetzung, um innere Unruhe abzubauen." Häufig geht die Depression mit Ängsten einher.

Psychotherapie soll ein Plus an Lebensqualität schenken. "Mehr Freude im Alltag, mehr gute Gedanken und Gefühle", sagt Kessler. Dadurch würden auch körperliche Beschwerden wie etwa Schlafstörungen nachlassen. Die Berliner Psychologin ist überzeugt, dass die Behandlung Senioren hilft, weiter selbstständig klarzukommen.

Suche nach der besten Arznei

Die zweite Säule in der Behandlung von Depressionen und Ängsten bilden Medikamente. "Heute steht eine breite Palette an Wirkstoffen zur Verfügung", weiß Apotheker Alexander Grimme aus Aschersleben. "Das erlaubt dem Arzt, die Therapie individuell abzustimmen."

Für den Apotheker sind Antidepressiva "beratungsintensiv". So braucht der Patient Geduld, die er in dunklen Tagen oft nur schwer aufbringt. Antidepressiva helfen häufig erst nach mehreren Wochen. Die Nebenwirkungen können sich aber schon in den ersten Tagen einstellen. Dazu können etwa trockener Mund oder Verdaungsprobleme gehören. "Bitte keine Scheu, den Arzt oder Apotheker anzusprechen, wenn die Nebenwirkungen Probleme bereiten", appelliert Grimme.

Medikamente für die Seele

Psychopharmaka, beispielsweise Antidepres­siva, sind keine Bedarfsmedikamente. Nehmen Sie die Mittel exakt nach Verordnung ein – so wie etwa eine Blutdruck- oder Schilddrüsen­tablette. Rezeptfreie Stimmungsaufheller mit Johanniskraut sollten Sie nur nach Rücksprache mit dem Arzt und Apotheker schlucken – auch wegen der Gefahr von Wechselwirkungen.

Wenn sich die Stimmung auf­gehellt hat, verschreibt der Arzt die Mittel normalerweise noch für ei­nige Monate weiter, um den Erfolg zu festigen. "Das ist eine kritische Phase", sagt Apotheker Grimme. Es komme darauf an, bei der Stange zu bleiben. "Sonst ist das Risiko hoch, dass die Depression zurückkehrt."

Oft braucht der Patient bei einer Depression nur für eine gewisse Zeit medikamentöse Hilfe. Anders verhält es sich bei chronischen psychischen Leiden wie einer Schizophrenie, bei der die Wahrnehmung verrücktspielt, oder einer manisch-depressiven Störung, wo die Stimmung auf unberechenbare Weise schwankt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Die Betroffenen, die meist schon in jungen Jahren erkranken, benötigen oft dauerhaft Medikamente. Die Chance, ein normales Alter zu erreichen, war lange Zeit eher gering – auch weil eine Reihe älterer Arzneien zwar die Symptome lindert, aber das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöht.

Der Weg zur Psychotherapie

Für einen Termin bei einem Psychotherapeuten mit Kassenzulassung brauchen Sie keine Überweisung. Die Kasse übernimmt bis zu vier Probesitzungen à 50 Minuten. Entscheiden Sie sich daraufhin für die Behandlung bei dem Therapeuten, wird dieser einen Antrag bei Ihrer Krankenkasse stellen.

Inzwischen erlebt Psychiater Robert Perneczky viele Patienten im Rentenalter. Die neuere Generation der Psychopharmaka ist in der Regel verträglicher – und es gibt mehr Auswahl, sodass die Arzneitherapie passgenau zugeschnitten werden kann.

Psychische Leiden haben keinen guten Klang. Trotz Aufklärungskampagnen haftet ihnen noch heute ein Tabu an. Selbst in Familien wird das Thema oft unter dem Deckel gehalten, weiß Georg Pilhofer.

Doch der Mann für die seelische Gesundheit von Senioren in der Oberpfalz freut sich über einen Gegentrend. Oft reichten die Stühle nicht, wenn er zu einem Vortrag über Depressionen oder Ängste lädt. Und immer häufiger passiere es, dass ein Besucher sich meldet: "Was Sie beschreiben, kenne ich ..."

Kontakt und Hilfe

  • Die Telefonseelsorge ist unter 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22 Tag und Nacht kostenlos erreichbar.
  • Psychotherapeuten findet man über die Internetseiten der Landes-Psychotherapeutenkammern. Adressen unter bptk.de
  • Psychotherapie für pflege­bedürftige Menschen in Berlin und Umland ­bietet die ­Versorgungsinitiative "Psy-Care". Mehr unter 030/76 68 37 58 38.