Fernweh: Warum es uns in die Ferne zieht

Gerade ältere Menschen sind besonders reisefreudig. Woher kommt diese Sehnsucht nach dem Unbekannten?
von Raphaela Birkelbach, 23.05.2016

Sonnenuntergang in der Südsee: Neue Eindrücke erweitern den Horizont

iStock/Lan Choi

Und wenn es nur das eine Mal wäre. Einfach den Reisepass schnappen. "Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii, ging nie durch San Francisco in zerrissnen Jeans." Weite, Freiheit, Lebensfülle ... Udo Jürgens packt in jede Zeile und jede Note Sehnsucht. Einfach mal weg von "Bohnerwachs und Spießigkeit". 

Wer summt den Schlager nicht gerne mit. "60 Prozent der über 60-Jährigen wollen Abstand vom Alltag, wenn sie verreisen" sagt Bente Grimm von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) in Kiel. Überhaupt, geht es ums Kofferpacken, ist die ältere Generation sehr unternehmungslustig: Rund zwei Drittel der Senioren wollen regelmäßig andere Tapeten sehen. 970 Euro geben sie im Schnitt jährlich für Hotel, Kreuzfahrt oder fürs Campen aus. Wenn Ältere sparen, dann bei der Unterkunft oder am Ziel, weiß Grimm: "Aus Geldmangel zu verzichten kommt nicht infrage. Reisen gehört heute gesellschaftlich dazu."  

Reisen: Kick für die Sinne 

Doch Urlaub machen ist mehr als nur eine Frage von Prestige, betont Martina Zschocke. "Durch Technisierung und Alltagstrott stumpft unsere Wahrnehmung ab", erklärt die Professorin für Freizeitpsychologie und Freizeitsoziologie an der Hochschule Görlitz. "Im Urlaub nehmen wir dagegen das Leben wieder mit allen unseren Sinnen wahr." Im Hotel freut einen schon der Kaffeeduft am Frühstücksbüfett, die frische Brise an der Nordsee lässt einen befreit durchatmen. Selbst Vogelzirpen kommt einem in der Eifel lieblicher vor als zu Hause in Bottrop.

Reisen heißt lebendig sein, ist Martina Zschocke überzeugt. "Man ist viel mutiger und lässt sich auf Neues ein." Mit fremden Menschen den Tag verbringen, exotische Gerichte probieren, warum nicht? Selbst Stress ficht einen kaum an, sagt Zschocke: "Bewusst genießen Urlauber alles andere umso mehr."

Im Rentenalter endlich Zeit für Peru

Also ab nach New York, Hawaii oder San Francisco, wenn das Konto es erlaubt? "Manche Leute hauen mit dem Eintritt ins Rentenalter ein paar Jahre auf die Pauke und gönnen sich weite Reisen", beobachtet Profssor Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT). Etwa jeder fünfte Deutsche spürt in sich diese tiefe Sehnsucht, ferne Länder zu erkunden.

Wen es auch jenseits der 70 um den Globus zieht, der war schon immer viel unterwegs, um fremde Kulturen zu erkunden, urteilt der wissenschaftliche Leiter des NIT. Umgekehrt lässt sich feststellen: Ausgemachte Balkonienfans legen auch im Alter keinen großen Wert aufs Wegfahren. Jeder dritte Senior, zeigt die Statistik, macht fast nie Urlaub. Ob Fernweh oder Heimweh: "Bis etwa Anfang fünfzig entwickeln wir eine Reiseidentität, die wir mit ins Alter nehmen", so Lohmann. 

Reiseziele mit Nostalgie-Faktor

Nicht selten sind daher nostalgische Gefühle mit an Bord, wenn Senioren in den Urlaubsflieger steigen. "Viele von ihnen sind in jüngeren Jahren oft ans Mittelmeer gefahren", weiß  Bente Grimm vom Kieler Tourismusinstitut. Rund ein Drittel der über 60-Jährigen reist bis heute gerne nach Italien, Spanien, Griechenland.

Jüngere wählen das Reiseziel in aller Regel nach Wärme und Wetter. Bei Älteren spielt die Sonnenscheindauer vor Ort keine so große Rolle mehr. Viel wichtiger ist, am Urlaubsort auf blühende Wiesen, grasende Almkühe oder sich sanft im Wind wiegendes Deichgras  zu blicken. "60 Prozent der über 60-jährigen Urlauber möchten Natur erleben", betont Grimm. Weit reisen müssen sie dafür nicht, Flora und Fauna lassen sich gleich vor der Haustür bestaunen. Von den rund 21 Millionen Seniorenreisen im Jahr 2014 führte fast die Hälfte nach Bayern, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern. Deutschland steht als Reiseziel ganz oben in der Gunst der älteren Generation. 

Reiz des Vertrauten

Auch mancher Kulturinteressierte entwickelt ein spätes Faible fürs Heimatland. "Senioren haben schon viel gesehen in ihrem Leben, sie wollen nicht mehr den letzten Winkel der Welt erkunden", erklärt Tourismusexpertin Zschocke aus Görlitz. Statt Tatendrang prägt Gelassenheit die schönsten Wochen des Jahres. Immerhin legt fast jeder zweite Ältere Wert auf Entspannung in dieser Zeit.    

Seine Seele baumeln lassen will vor allem der Rentner, der jedes Jahr nach Baltrum in die stets selbe Pension fährt. Eine Art verlagertes Heimweh, beschreibt es die Freizeitforscherin aus Görlitz. "Wer das macht, liebt den Reiz des Vertrauten und gleichzeitig einen Szenariowechsel", erläutert Zschocke. Vorhersehbar, was einen an schönen Eindrücken erwartet. "Das steigert die Vorfreude."

Nordsee oder Südsee?

Der ewige Baltrum-Fan handelt sich jedoch leicht den Ruf eines Langweilers ein. Tourismusexperte Lohmann vom NIT warnt vor solchem Schubladendenken. "Viele Senioren fahren mehrmals im Jahr weg." Zum x-ten Mal an die Nordsee – und für eine paar Tage nach Prag oder in die Toskana. So bekommen sie beides: Erholung und neue Eindrücke. Neugier und Weltoffenheit am Reiseverhalten eines Menschen abzulesen, hält Lohmann sowieso für bedenklich: "Wer nie oder kaum verreist, aber sich viel informiert und mit anderen unterhält, kann genauso neugierig und tolerant sein wie der Weltenbummler." Nur anders halt.

Sollten Sie aufbrechen Richtung New York, Hawaii oder San Francisco: Lassen Sie Bohnerwachs und Spießigkeit einfach hinter sich. Das wird bestimmt eine tolle Reise.

Was muss mit ins Gepäck? Hier finden Sie unsere praktische Reiseapotheke zum Herunterladen und Ausdrucken.

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