"Bettruhe kostet Muskeln"

Nach einem Hüftbruch müssen ältere Menschen so rasch wie möglich wieder auf die Beine kommen. Das klappt, wenn alle zusammenarbeiten, sagt Altersmediziner Clemens Becker.

von Kai Klindt, 29.03.2019

Herr Professor Becker, beim ­Stichwort Unfallchirurgie denkt man an junge verletzte Sportler oder Motorradfahrer. Tatsächlich aber ist die Mehrheit der Patienten älter als 65. Woran liegt das?

Becker: Wenn wir älter werden, lassen Gleichgewicht und Kraft nach. Dadurch stolpert man eher. Zudem funktionieren die Schutzreflexe nicht mehr so gut. Man fängt sich nicht mehr so leicht ab. Ein kleines Kind fällt 20 oder 30 Mal am Tag hin, ohne dass etwas passiert – aber es fällt auch ganz anders als ein Senior. Schließlich sind dessen Knochen oft durch Osteoporose geschwächt.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Hüftbruch.

Seit mehr als 20 Jahren. Ich habe gewiss 10 000 Patienten kennengelernt.

Was interessiert Sie als Alters­mediziner so daran? Auch andere Brüche treten im Alter häufig auf, etwa am Handgelenk.

Richtig. Aber es sind oft jüngere Se­nioren, die sich das Handgelenk brechen, typischerweise, weil sie sich beim Hinfallen abstützen. Ältere ab etwa 80 tun genau das nicht mehr und brechen sich bei einem Sturz dann die Hüfte. Das Schlimme: Viele erholen sich davon nicht mehr. Bisher ist es so, dass fast jeder Dritte innerhalb von sechs Monaten nach einem Hüftbruch pflegebedürftig wird, und etwa jeder Zehnte übersteht die ersten vier Wochen nicht.

Unser Experte:
Prof. Dr. Clemens Becker ist Chef der Geriatrie im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus.

Um Betroffene besser zu versorgen, fordern Sie eine enge Zusammenarbeit von Chirurgen und Geriatern. Reicht Ihnen die Arbeit der Kollegen im OP nicht?

Die großen Stärken der Unfallchirurgen sind das Operieren und die Versorgung von Notfällen. Bei betagten Menschen können aber – vor und nach der Operation – Probleme auftreten, bei denen wir als Altersmediziner gefragt sind: etwa Lungenentzündung, Gedächtniseinbußen oder fehlende Orientierung. Hinzu kommt: Chirurgen arbeiten tagsüber viel im OP. Bei älteren Patienten ist es aber enorm wichtig, dass ständig ein erfahrener Arzt auf der Station ist.

Gemeinsam mit Unfallchirurgen haben Sie jetzt in einer großen Studie untersucht, was die Teamarbeit den Patienten bringt ...

Über die Ergebnisse waren wir selbst etwas erschrocken. Sie zeigen, dass wir in Deutschland jedes Jahr vermutlich Tausende von Todesfällen und auch Pflegebedürftigtkeit verhindern könnten – allein dadurch, dass Unfallchirurgie und Altersmedizin Hand in Hand arbeiten.

In wie vielen Kliniken ist das so?

In knapp der Hälfte. Nach den Resultaten unserer Studie rechne ich aber damit, dass die Versorgung von älteren Patienten nach Knochenbruch in speziellen Abteilungen bald zur Regelversorgung erklärt wird.

Ein Hüftbruch ist ein Notfall. ­Habe ich als Patient oder Ange­höriger eine Chance, auf die Wahl der Klinik Einfluss zu nehmen?

Ja, wenn ich mich vorher informiert habe. Es gibt Menschen, die ein ­hohes Sturzrisiko tragen, etwa aufgrund einer Parkinson-Erkrankung oder nach einem Schlaganfall. Ihnen und ihren Angehörigen würde ich raten, sich vorsorglich nach einem Krankenhaus in der Nähe zu erkundigen, das sowohl über eine Unfallchirurgie als auch über eine Geriatrie verfügt oder bereits als "alterstraumatologisches Zentrum" anerkannt ist.

Woran merke ich als Patient im Krankenhaus den Unterschied?

Chirurgen und Altersmediziner kommen gemeinsam zur Visite. Und der Patient erhält mindestens zwei Mal am Tag eine Einzeltherapie, zum Beispiel Physio- oder Ergotherapie. Alles ist darauf ausgerichtet, ihn so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu bringen. Spätestens am zweiten Tag nach der OP sollte er aufstehen.

Warum ist das so wichtig?

Weil Sie gar nicht so schnell schauen können, wie ältere Menschen Muskulatur verlieren. Uns läuft die Zeit davon! Jeder Tag Bettruhe kostet Muskeln und damit Kraft.

Sie wünschen sich auch die ­Einbindung von Angehörigen.

Unbedingt. Im Krankenhaus ist man in einer fremden Umgebung, man hat ständig fremde Personen um sich. Da ist es wichtig, wenn vertraute Menschen da sind. Das beugt auch einem Delir vor, das bei etwa 30 Prozent der älteren Patienten nach der Operation auftreten kann. Das Zweite ist, dass kein Krankenhaus seine Patienten alleine gut versorgen kann. Wenn am Wochenende kein Physiotherapeut da ist, um mit dem Patienten zu gehen, dann können das Angehörige oder Freunde ein Stück weit übernehmen. Und sie können dem Kranken Mut zusprechen: Es geht wieder nach Hause!

Wie lange dauert die Behandlung?

Im Allgemeinen bleibt man zwei Wochen im Akutkrankenhaus. Die meisten Patienten sollten noch eine Reha bekommen, für drei bis vier Wochen.

Das ist eine lange Zeit.

Stimmt. Aber wenn Sie einen Patienten fragen, was sein größter Wunsch ist, dann kommt regelmäßig: Ich möchte wieder zu Hause leben können und einigermaßen mobil sein. Danach folgt lange nichts. Da ist es nicht schwer, die Patienten von einer Reha zu überzeugen.

Was muss passieren, um den nächsten Bruch zu verhindern?

Eine Osteoporose sollte mit Medikamenten behandelt werden – das passiert immer noch viel zu selten. Sehr wichtig ist, dass der Patient regel­mäßig Kraft und Balance trainiert, um Stürze zu vermeiden: Es gibt heute zig Möglichkeiten, bei der Volkshochschule oder im Sportverein, aber auch Programme für zu Hause.