"Ich rate, die Perspektive zu wechseln"

Verbitterung: Dieses Gefühl kann kurz in einem aufflackern – oder uns ein Leben lang gefangen halten. Der Tübinger Psychologe Martin Hautzinger über den richtigen Umgang mit einer schwierigen Emotion.

von Raphaela Birkelbach, 30.06.2019

Herr Professor Hautzinger, wenn jemand als beleidigte Leberwurst gilt – ist so jemand verbittert?

Umgangssprache so zu deuten ist ­gewagt. Aber es ist etwas dran. Eine beleidigte Leberwurst fühlt sich oft ungerecht behandelt. Ein Verbitterter häufig auch. Doch bei ihm lösen keine Alltagssituationen die Gefühle aus, sondern gravierende Einschnitte in seinem Leben.

Welche können das sein?

Zum Beispiel eine Kündigung, ein Erbstreit oder ein Unglück. Auch politische Umbrüche wie die Wende können Auslöser sein. Viele Menschen in Ostdeutschland haben sich in ein neues politisches System überführt gefühlt, das ihrer Ansicht nach ihre Lebensleistung nicht genügend anerkennt.

Was passiert auf psychologischer Ebene, wenn jemand bitter wird?  

Verbitterung entsteht, wenn ein negatives Lebensereignis im Widerspruch steht zu meiner eigenen Erwartung an die Welt und an mich selbst. Man findet beispielsweise etwas moralisch verwerflich, kann es aber nicht aus eigener Kraft ändern. Daraus entwickeln sich Wut, Resignation und Schuldgefühle, auch Rache oder Aggressionen sind möglich, nach innen wie nach außen.

Wann handelt es sich um eine krankhafte Verbitterungsstörung?

Ich wehre mich dagegen, eine stärkere Verbitterung gleich zur Diagnose zu machen. Viele Menschen werden von sich aus mit diesen Gefühlen fertig. Und wenn nicht, haben wir klinisch genug Kategorien dafür, um Betroffenen psychologische Hilfe anzubieten. Eine Depression etwa zeigt sich im mangelnden Antrieb, in Gedankenschleifen und Hoffnungslosigkeit. Auch eine Verbitterung kann in eine Depression münden.

Verbittern manche Menschen eher als andere?

Ich erlebe verbitterte Personen oft als sehr starr im Handeln, das Denken ist schwarz-weiß geprägt, sie verharren in ganz festen Regeln.

Wie helfen Sie so jemandem?

Ich rate, die Perspektive zu wechseln. Das hilft wahrzunehmen, dass auch etwas passiert sein kann, das nicht in der eigenen Verantwortung liegt.

Nennen Sie mal ein Beispiel!

Eine Patientin von mir blieb morgens im Bett, weil sie noch müde war. Ihr Ehemann war schon aufgestanden, und sie bekam nicht mit, dass er dann zusammenbrach und verstarb. Sie hat sich deshalb schwere Selbstvorwürfe gemacht und ist darüber bitter geworden. Ihre Selbstzweifel versuche ich im Gespräch zu durchbrechen.

Wie machen Sie das konkret?

Ich bleibe dicht an den Empfindungen der Personen dran. Ich frage die Dame etwa, was ihr Ehemann ihr wohl raten würde, wenn er noch leben würde. Wie würde er mit ihrer Situation heute umgehen? Da kommen Emotionen hoch, Trauer, Wut. Der Blick wird neu gelenkt.

Was würden Sie tun, wenn Sie merken, dass Sie verbittern?

Ich? (zögert, lacht) Das kann ich mir bei mir derzeit kaum vorstellen. Ich habe gelernt, dass es keine Garantie gibt, dass Dinge so laufen, wie ich es will. Ich unterstelle immer, es könnte auch anders laufen. Das schützt. 

Unser Experte: Der Diplom-Psychologe Prof. Martin Hautzinger arbeitet als Psychotherapeut und ist Hochschullehrer an der Universität Tübingen