"Die Pandemie hat deutlich gemacht, was sich politisch tun muss"

Die Corona-Krise stellt pflegende Angehörige vor große Probleme. Christian Pälmke vom Verein "Wir pflegen" findet: Die Pandemie zeigt auf, was schon vorher im System nicht funktioniert hat.

von Elsbeth Bräuer, 11.05.2020

Herr Pälmke, am 12. Mai ist der Tag der Pflege. Meist spricht man an diesem Tag über professionelle Pflegekräfte. Sollten auch Angehörige stärker in den Fokus rücken?

Christian Pälmke: Der Großteil der Pflege in Deutschland wird zuhause von Angehörigen geleistet. Wir müssen beides in den Blick nehmen, das hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Im angelsächsischen Raum ist das viel selbstverständlicher. In Großbritannien wird zum Beispiel gerade nicht nur für Pflegekräfte geklatscht, sondern gleichzeitig auch für pflegende Angehörige. In Deutschland ist das anders.

Zeigt sich das auch in der Corona-Pandemie?

Ja, erst am Ende wird an die pflegenden Angehörigen gedacht. In der öffentlichen Debatte ging es am Anfang um die Situation von Pflegekräften im Krankenhaus, dann um die Altenpflege, weil man gemerkt hat, dass eine Infektion in der stationären Pflege dramatische Auswirkungen hat. Dann sprach man über osteuropäische Betreuungskräfte. Erst danach rückten die pflegenden Angehörigen langsam in den Fokus.

Wie geht es pflegenden Angehörigen derzeit in der Krise? Hat sich die Situation inzwischen etwas entspannt? 

Für viele hat sich die Situation sogar noch zugespitzt. Gerade berufstätige Angehörige haben kaum noch Zeitreserven. Seit Mitte März haben die Tagespflege-Einrichtungen  schrittweise zugemacht. Viele Angehörige haben die kurzzeitige Arbeitsverhinderung eingesetzt, aber auch ihren Jahresurlaub aufgebraucht. Wie geht es jetzt weiter? Was mache ich, wenn meine pflegebedürftige Mutter oder mein Kind mit Pflegebedarf zuhause ist und der Chef nach mir ruft? Wenn der Arbeitgeber nicht verständnisvoll ist, hat man ein Problem. Die Vereinbarkeitsregelungen schaffen keine Abhilfe.

Christian Pälmke ist Referent für Pflegepolitik und Familienpflege im Verein "wir pflegen - Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender Angehöriger e.V.". Außerdem ist er Vorsitzender des Landesvereins NRW.

Kann die Krise auch eine Chance sein, um das zu thematisieren?

In der Pandemie zeigt sich: Viele Probleme würden sich uns gar nicht stellen, wenn wir gute Unterstützungen hätten. Gäbe es eine Lohnersatzleistung für Angehörige, wäre vielen  schon geholfen. Im Moment kann man zwar vielleicht eine Auszeit vom Beruf nehmen, aber man muss sich dafür entweder verschulden oder auf Einkommen verzichten, und das kann sich kaum eine Familie erlauben. Das setzt viele immens unter Druck. Die Pandemie hat deutlich gemacht, was sich politisch tun muss.

Wenn Sie die letzten Jahre zurückblicken: Hat sich das Interesse der Politik an der Situation von pflegenden Angehörigen verändert?

Wir haben seit Beginn der Legislaturperiode einen starken Fokus auf Pflegekräfte. Es ist völlig berechtigt, über höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu sprechen. Aber Angehörige kamen in den Debatten gar nicht mehr vor. Die Argumentation dahinter: Man hätte ja in den vorherigen vier Jahren den Fokus auf sie gelegt, jetzt seien mal die Pflegekräfte dran. Aber Pflegepolitik muss immer ganzheitlich gedacht werden. Jede Veränderung auf der einen Seite hat Auswirkungen auf die andere. Wenn man über höhere Löhne für Pflegekräfte nachdenkt, muss man sich Gedanken machen, dass das nicht auf Rechnung der betroffenen Familien geht.

In der öffentlichen Diskussion hat man selten den Eindruck, dass Pflegekräfte und pflegende Angehörige an einem Strang ziehen. Wo sehen Sie Berührungspunkte?

Beide haben das Ziel, dass Menschen mit Pflegebedarf gut versorgt werden. Ich glaube, dass wir uns gegenseitig mehr unterstützen müssen! Pflegekräfte sehen, wie dramatisch die Situation in der häuslichen Pflege ist. Dann ist es wahnsinnig wichtig, politisch zu werden. Gleichzeitig müssen sich Angehörige dafür einsetzen, dass Pflegekräfte höhere Löhne bekommen und bessere Arbeitsbedingungen haben. Davon profitieren auch die Familien: Weil ambulante Pflegedienste häufig im Stress sind, bleibt oft keine Zeit zum Austausch, für Beratung, für Fragen. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam für Verbesserungen zu kämpfen.

Zurück zur politischen Diskussion. Es tut sich doch gerade einiges für Angehörige: Es gibt eine Notfalllösung für ausgefallene Pflegedienste, das Geld für Pflegehilfsmittel wurde vor kurzem erhöht, und man diskutiert über eine flexiblere Nutzung des Entlastungsbetrags. Wie bewerten Sie diese Veränderungen?

Vieles ist für mich ein Tropfen auf dem heißen Stein und wird keine großen Probleme lösen. Die Notfallregelung zum Pflegedienst betrifft viele nicht: Wer nur die Tagespflege genutzt hat, ist immer noch sich selbst überlassen. Mit den 20 Euro mehr für Pflegehilfsmittel fängt man eigentlich nur erhöhte Kosten für Desinfektionsmittel und Mundschutz auf.

Und auch einiges im Entwurf zum Zweiten Infektionsschutzgesetz, der gerade diskutiert wird, ist enttäuschend. In der Pandemie sollen Angehörige zehn Tage zusätzlich eine Auszeit vom Job nehmen können, das nennt sich Pflegeunterstützungsgeld. Schön und gut – aber mit zehn Tagen kommt man in einer Pandemie nicht weit. Und der Entlastungsbetrag soll zur freieren Verfügung gestellt werden, aber nur für den Pflegegrad 1. Das ist ein Schlag ins Gesicht.

Viele Betroffene berichten: Ihre Kassen wissen nichts davon, dass es jetzt mehr Geld für Pflegehilfsmittel gibt...

Ja, das erleben wir auch. Sagen Sie der Kasse: Das ist die rechtliche Grundlage (Covid-19-Versorgungsstrukturen-Schutzverordnung), informieren Sie sich intern und geben Sie mir Bescheid, wie ich das nutzen kann. Lassen Sie nicht durchgehen, dass das ungeklärt bleibt! Eine Verordnung kann man nicht einfach so vom Tisch wischen.